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Urteil gegen Rosenheimer Kokain-Dealer

Richterin Braune zu „Apotheker Daddy“: „Ganz bewusst mit dem Feuer gespielt“

Rosenheimer Dealer wegen Drogenhandel übers Internet vor Gericht
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Über Telegram bot ein Rosenheimer Kokain zum Verkauf an; jetzt muss er sich vor Gericht verantworten.

Über einen Kontakt bei den Hells Angels kam ein Rosenheimer seit 2021 an jede Menge Kokain und Cannabis. Aktuell muss sich der 33-Jährige vor dem Landgericht Traunstein verantworten. Am Mittwoch könnte dabei bereits ein Urteil fallen. Wir berichten aktuell aus dem Gerichtssaal.

Update, 14.45 Uhr - Richterin Braune zu „Apotheker Daddy“: „Ganz bewusst mit dem Feuer gespielt“

Nach einer Verhandlungs- und Beratungspause verkündet die vorsitzende Richterin Christina Braune das Urteil der 7. Strafkammer am Landgericht Traunstein. Der 33-jährige Angeklagte wird demnach wegen des Besitzes sowie des Handels mit Kokain und Cannabis zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von 4 Jahren und 6 Monaten verurteilt. Zudem wird auch der Einzug eines sogenannten Wertersatzes angeordnet. Der Angeklagte muss zusätzlich insgesamt 16.690 Euro für seine Taten bezahlen. Diese Summe entspricht in etwa dem Umsatz, den er mit dem Verkauf von Betäubungsmitteln erzielt haben soll.

„Der Sachverhalt hat sich weitestgehend bestätigt, mit zwei relevanten Ausnahmen“, so Richterin Braune in ihrer mündlichen Urteilsbegründung. Das bewaffnete Handeltreiben konnte dem Angeklagten nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. „Von der Zeugin haben wir gehört, dass das Wohnzimmer eigentlich immer verschlossen war. (…) Ein Großteil des unrühmlichen Sozialverhaltens habe sich zudem im Erdgeschoß abgespielt“, in einiger Entfernung zur Waffe im Obergeschoß.

Und dennoch: „Wir wollen der Ahnungslosigkeit nicht so ganz folgen; die Waffe war sofort einsatzbereit. Wir glauben Ihnen gerne auch noch den Anlass des Kaufs. Was wir nicht mehr glauben ist, dass das Ding da jahrelang unbeachtet liegt“, so die Richterin weiter. Auch der direkte soziale Kontakt zu den Hells Angels - und damit der organisierten Kriminalität - spreche dafür, dass dem 33-Jährigen durchaus bewusst gewesen sei, dass eine Waffe in seinem direkten Umfeld existierte.

„Im Zweifel für den Angeklagten“

„Die Anhaltspunkte haben belegt, dass keiner der Kunden im oberen Bereich gewesen wäre.“ Eine Aufteilung des Kokains könne zwar auch dort stattgefunden haben, „da können wir aber jetzt viel spekulieren.“ Somit kommt die vorsitzende Richter in Bezug auf den Tatvorwurf des bewaffneten Handeltreibens zu dem Schluss: „Im Zweifel für den Angeklagten.“

Skeptisch ist das Gericht gegenüber den Behauptungen des 33-Jährigen, nur zur Deckung seiner Sucht-Kosten ausgiebig Handel mit den Betäubungsmitteln getrieben zu haben. „Das Risiko für die Allgemeinheit bleibt in diesem Fall ja unverändert“, der Bestimmungszweck des Betäubungsmittels könne sich schließlich jederzeit auch kurzfristig ändern. Und weiter: „Wer so gezielt Handel treiben kann, der ist sicher nicht in seiner Schuldfähigkeit beeinträchtigt.“

Zu Lasten legt das Gericht dem 33-Jährigen auch, dass der Handel immer deutlich im Bereich der nicht geringen Mengen erfolgt sei; „Kokain ist eine harte Droge und bewirkt eine erhebliche psychische Abhängigkeit.“ Erschwerend komme schließlich noch die Gefährlichkeit aufgrund des hohen Wirkstoffgehaltes des Kokains hinzu.

Auch wenn der versuchte Verkauf einer Pistole über Telegram am Ende glücklicherweise nicht zustande gekommen war; die Kammer ist sich sicher: „Hier ist schon sehr wenig Regelakzeptanz erkennbar; so eine scharfe Waffe vertickt man einfach nicht. Das alles zeigt, dass sie ganz bewusst mit dem Feuer gespielt haben.“

Update, 13.33 Uhr - Beweisaufnahme gegen „Apotheker Daddy“ beendet – Acht Jahre Haft gefordert

Auf Bitten von Staatsanwalt Filipov nahm die Vorsitzende Richterin in einer kurzen Unterbrechung per Telefon Kontakt zu einem Zeugen auf. Er hatte nach schriftlicher Ladung am Montag über seinen Vater ausrichten lassen, beruflich verhindert zu sein. „Nach Vorhalt eines aufgezeichneten Telefonats zwischen dem Zeugen und dem Angeklagten hat er gesagt, er sei im Haus gewesen,“ berichtet die Richterin vom Gespräch mit dem Zeugen. Im ersten Stock habe man sich bei den Drogengeschäften aber zu keiner Zeit befunden.

Nach der Verlesung des Auszugs aus dem Bundeszentralregisters für den Angeklagten ohne Eintrag beendet die Richterin die Beweisaufnahme. Staatsanwalt und Verteidiger beginnen mit ihren Schluss-Anträgen; den Plädoyers.

Drogenhandel mit Gewinnabsicht oder Verkauf zur Finanzierung des Eigenkonsums?

Den Anfang macht Staatsanwalt Filipov: „Gleich vorweg: Die Staatsanwaltschaft und die Kriminalpolizei hatten in diesem und weiteren Fällen enorme Erfolge zu verzeichnen.“ Die Vorwürfe aus der Anklageschrift sieht der Staatsanwalt als vollständig erwiesen an. Der Angeklagte habe große Mengen Betäubungsmittel über die Nähe zu den Hells Angels bezogen und auch mit der Absicht, selbst Gewinn zu machen, verkauft. Sein Telegram Kanal „Apotheker Daddy“ sei dabei von zentraler Bedeutung gewesen. Sowohl die Mengen, als auch die Absicht des Verkaufens habe der Angeklagte vor Gericht bestätigt. Entgegen den Behauptungen des 33-Jährigen spreche aber vor allem die straffe Organisation seines Handels für die Absicht, große Gewinne zu erzielen. „Das spricht dafür, dass er im ganz großen Stil handeln wollte. (…) Und er hat ja auch 500 Gramm Cannabis gekauft, ohne selbst zu konsumieren“, so Filipov.

„In Bezug auf die Waffe wird es aber absurd“, so der Staatsanwalt weiter. Bewaffnetes Handeltreiben sehe eine Mindeststrafe von fünf Jahren vor; der „Knackpunkt des Verfahrens“, so Filipov weiter. Der Angeklagte habe versucht „sich gut zu verkaufen“, die Schreckschusswaffe stehe aber seiner Ansicht nach in direktem Bezug zum Handel mit Betäubungsmitteln. Er kaufe dem Angeklagten schlicht nicht ab, dass dieser die Waffe im Wandschrank „einfach vergessen“ habe. „Wir haben zudem nur ein pauschales Geständnis“, zu vielen Details habe der Angeklagte aber auch vor Gericht geschwiegen. So zweifle er die Glaubwürdigkeit des Angeklagten insgesamt dann doch mit Nachdruck an. „Da darf man nicht blauäugig sein und den Angaben mir nichts, dir nichts folgen.“ Deshalb fordert er, den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von insgesamt 8 Jahren zu verurteilen.

Plädoyer der Verteidigung: „Die Pistole hatte er gar nicht mehr auf dem Schirm“

Rechtsanwalt Maximilian Hoh hält dagegen: „Dreh- und Angelpunkt ist in der Tat die Schreckschusswaffe im ersten Stock, da gebe ich der Staatsanwaltschaft Recht.“ Der Angeklagte habe die Waffe allerdings nur einmal angefasst; und zwar kurz nach der Anschaffung im Jahr 2018. „Er hatte sie gar nicht mehr auf dem Schirm, das halte ich für glaubwürdig.“ Zudem sei die Pistole auch gesichert gewesen. Der Handel mit den Betäubungsmitteln habe darüber hinaus lediglich im Erdgeschoß stattgefunden, weit genug entfernt von der Waffe.

Die Motivation hinter den Taten des Angeklagten sei die Finanzierung seiner Sucht gewesen. „Er hat die Anklageschrift eingeräumt, da muss er keine weiteren Details nennen“, so Verteidiger Hoh weiter. Insgesamt betrachtet spreche das frühe Geständnis, seine Einsicht und auch die Mitarbeit vor Gericht für seinen Mandanten. Auch die bisher verbüßten acht Monate Untersuchungshaft müssten selbstverständlich angerechnet werden. „Nach einer Therapie wird er ein straffreies Leben führen können; und die Therapie will er ja auch antreten“, so Hoh abschließend. Er fordert deshalb eine Gesamtstrafe von 4 Jahren und 6 Monaten.

Der Angeklagte selbst hat das letzte Wort und fügt hinzu: „Ich bereue die letzte Zeit vor meiner Verhaftung. (…) Und bin froh, wenn ich den richtigen Weg einschlagen kann. Ich bitte deshalb um ein wenig Milde.“

Update, 11.28 Uhr - Wo wurden die Deals abgewickelt?

Gleich mehrere Konsumenten in und um Rosenheim hätten seit 2021 beim angeklagten 33-Jährigen Kokain gekauft. Noch am Montag beschloss das Gericht daher, „alle Zeugen, denen wir habhaft werden“ zu laden, so Richterin Braune. „Wenig überraschend kommen nicht alle“, so die Vorsitzende am Mittwochmorgen. Den Anfang macht aber zunächst die ehemalige Vermieterin des Angeklagten. Sie hatte mit dem 33-Jährigen gemeinsam in Rosenheim gewohnt; sie selbst im Dachgeschoß eines Hauses, der Angeklagte im 1. Obergeschoß. Das Erdgeschoß wurde gemeinsam genutzt.

„Von einem Verkauf oder so was habe ich nichts mitbekommen“, so die Zeugin zu Anfang. Dann erinnert sie sich doch: In der Speisekammer, einem kleinen Nebenraum der gemeinsam genutzten Küche, habe sie einmal etwas weißes Pulver auf einem Teller bemerkt. Dabei habe es sich nach Ansicht der Zeugin um Drogen handeln können - sicher sei sie dabei allerdings nicht. Besucher habe der Angeklagte stets nur im Erdgeschoß empfangen. Einen Schlüssel zu den Räumlichkeiten des 33-Jährigen habe sie nicht besessen.

Die Abnehmer des Angeklagten machen sich hingegen rar - mit ganz unterschiedlichen Begründungen: Ein Zeuge, der wohl Kokain beim Angeklagten gekauft hatte, befände sich aktuell in Österreich in Haft, so die Richterin weiter. Eine Vorführung könne somit leider nicht erfolgen. Ein zweiter Zeuge gab an, positiv auf Corona getestet worden zu sein. Und auch ein dritter Mann aus Rosenheim gab „gesundheitliche Gründe“ als Absage für die Ladung vor Gericht an. Ein vierter Zeuge ließ „wichtige Arbeitstermine“ als Grund für sein Nichterscheinen über seinen Vater anführen. Eine Ausrede, die Staatsanwalt Filipov allerdings so nicht akzeptieren will. Er erhoffe sich wertvolle Erkenntnisse vom Zeugen. Richterin Braune will dagegen versuchen, zunächst per Telefon Kontakt aufzunehmen.

Ein 20-Jähriger aus Bad Aibling erscheint dagegen vor Gericht. Er habe den Angeklagten bei einer Party kennengelernt. Und sei auch im Haus des Angeklagten „für einen Besuch“ gewesen. Dort habe er aber lediglich das Erdgeschoß betreten. Ein letzter Zeuge wird von zwei Polizisten vorgeführt. Er sitzt seit Dezember 2021 in Haft. „Das ist alles so lange her“, reagiert der Zeuge etwas entnervt auf die Fragen der Kammer zu den Vorgängen im vergangenen Jahr. Er könne sich an nichts erinnern. „Ich will auf gar nichts antworten“, schließt der Zeuge, worauf er vor Gericht entlassen wird. Einen süffisanten Blick sowie eine schnelle Geste in Richtung des Angeklagten kann er sich beim Verlassen des Saals dann aber doch nicht verkneifen.

Vorbericht: Prozess um „Apotheker Daddy“ wird fortgesetzt - fällt heute das Urteil?

Rosenheim/Traunstein - Bereits am ersten Verhandlungstag gestand der 33-jährige Rosenheimer über seinen Verteidiger einen Großteil der ihm zur Last gelegten Delikte: Er ließ einräumen, dass er zu mehreren Zeitpunkten im Jahr 2021 rund ein halbes Kilogramm Cannabis und mehrere hundert Gramm Kokain von zwei Münchner Großhändlern besorgt hatte. Ein Kontakt kam dabei über ein ehemaliges Mitglied des Rosenheimer Charters der Hells Angels zustande. Der Verkauf der Drogen erfolgte über einen eigens dafür angelegten Telegram-Kanal. Auf „Apotheker Daddy“ habe er die Drogen nach eigenen Angaben an seine Bekannten und Freunde weitervermittelt.

Besonders brisant: Bei seiner Festnahme im Oktober 2021 hatte die Polizei auch eine Schreckschusswaffe in der Wohnung des 33-Jährigen gefunden. Laut Aussage der leitenden Beamtin von der Kripo Rosenheim sei die Waffe „in direkter Nähe“ zu den Betäubungsmitteln entdeckt worden. Die Pistole sei dabei „ in gespanntem und damit schussbereitem Zustand“ aufgefunden worden. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Waffe ursprünglich zum Schutz der Drogen angeschafft worden war.

Der Angeklagte hingegen bestreitet diesen Vorwurf vehement: Er gibt an, die Waffe bereits weit vorher gekauft und dann nur einmal „fertiggeladen“ zu haben. Dass sich die Waffe dabei in unmittelbarer Nähe der Drogen befunden habe, habe der Angeklagte schlicht „voll vergessen“.

Fortsetzung am Mittwoch; weitere Zeugen vor Gericht

Am Mittwoch wird die Verhandlung gegen den 33-jährigen Rosenheimer fortgesetzt. Neben den Aussagen von weiteren Zeugen sollen am zweiten Prozesstag auch bereits die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung gehalten werden. Ob danach bereits ein Urteil fällt, ist derzeit noch unklar. Die Hauptverhandlung wird um 9.15 Uhr fortgesetzt.

chiemgau24 berichtet am Mittwoch (15. Juni) aktuell und in Ausschnitten aus dem Gerichtssaal.