Krematorien an der Belastungsgrenze?

In Sachsen stapeln sich bereits die Särge - Situation auch im Chiemgau „heftig“

„Covid“ steht auf einem Sarg im Krematorium im Stadtteil Tolkewitz (Dresden) mit einem Verstorbenen, der an oder mit dem Coronavirus gestorben ist.
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„Covid“ steht auf einem Sarg im Krematorium im Stadtteil Tolkewitz (Dresden) mit einem Verstorbenen, der an oder mit dem Coronavirus gestorben ist.

Krematorien an der Belastungsgrenze? In Corona-Hotspots wie etwa dem sächsischen Meißen stapelten sich zuletzt die Särge. Die Bilder sorgten für Entsetzen auch in der Bestatter-Branche, der die Krise bereits jetzt viel abverlangt. Und wie sieht eigentlich die Lage in unserer Region aus?

Sachsen/ Landkreise - Hier wird Corona sichtbar: Übereinander gestapelte Holzsärge mit Toten in Andachtsräumen, teils nachlässig umwickelte Leichen mit Plastikfolie. Auf einigen Särgen stehen die Schriftzüge „Covid“ oder „Corona“ - mit Kreide oder Edding geschrieben, manche verwischt. Es sind schwer erträgliche Bilder, die in den vergangenen Tagen in der sächsischen Stadt Meißen entstanden sind. In dem Corona-Hotspot kam das kommunale Krematorium mit der Einäscherung der Verstorbenen nicht mehr hinterher. Auch in Dresden oder in Nürnberg arbeiten die Betriebe an der Belastungsgrenze.

„Dramatische Situation“ sorgt für Kritik

„So eine dramatische Situation hat das Krematorium in seiner Geschichte noch nicht erlebt“, sagt zum Beispiel Gerold Münster. Der 47-Jährige ist Geschäftsführer der Krematorium Döbeln GmbH. Auf Unverständnis stößt aber vor allem die Art und Weise, wie in Meißen mit den Verstorbenen umgegangen wird.

Kritik kommt auch aus der Branche selbst: „Diese Bilder sind furchtbar und sind nicht der Normalzustand“, sagt etwa Stephan Neuser, Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Bestatter. „Das schadet auch dem Berufsbild, da hätte man sicher auch andere Krematorien kontaktieren können im Vorfeld.“ Andere aus der Branche nennen die Vorgänge in Meißen „würdelos“. Dabei ist genau das der Anspruch für die Bestatter auch in der Corona-Krise: Den Abschied für die Angehörigen und Verstorbenen so würdevoll wie möglich zu gestalten.

Krematorium Meißen: „Arbeiten am Limit“

In Meißen weist das Krematorium die Vorwürfe zurück: „Wir haben hier eine Katastrophe und arbeiten am Limit“, sagt Leiter Jörg Schaldach. Die Einrichtung sei für den Großteil der Einäscherungen in dem Freistaat verantwortlich und das mit lediglich zwei Öfen. Die Herausforderungen für Bestatter in der Krise sind groß: Mit den Neuerkrankungen steigt auch die Zahl derjenigen, die mit oder an Covid-19 sterben. Selbst dort, wo es bislang wenig Tote im Zusammenhang mit dem Virus gab, häufen sich nun die Fälle.

Die meisten Bestatter stünden vor anderen Herausforderungen: „Wie kann ich eine Trauerfeier durchführen? Können die Angehörigen den Verstorbenen noch einmal sehen? Wie viele Leute können beim Beratungsgespräch dabei sein? Das sind die Themen, die die Branche beschäftigen“, sagt Neuser. Hier stimmt auch Jörg Schaldach mit ein: „Das Problem, was wir sehen, das sind Angehörige, die trauern. Die brauchen unsere Hilfe und da haben wir zur Zeit einen großen Bedarf an Worten, die wir zum Trost spenden müssen, weil einfach ihren verstorbenen Verwandten dem Rettungsdienst übergeben und dann sehen sie ihn nie wieder. Erst mit der Urne“.

Zudem müssen die Unternehmer sich selbst schützen. Von Infizierten geht auch nach ihrem Tod noch eine Infektionsgefahr aus. Doch bei Schutzmaterialien und auch bei Impfungen müssten sich die Bestatter derzeit hinten anstellen, kritisiert der Verband.

Situation in der Region

Auch in der Region würden Bestatter „die hohe Mortalität merken“, erklärt Max Huber vom Bestattungsdienst Huber in Traunstein gegenüber chiemgau24.de. Vor allem im Dezember sei die Situation schon „heftig“ gewesen. An manchen Tagen habe es bis zu acht Todesmeldungen gegeben. Dennoch „ist es im Rahmen dessen, was zu erwarten war“, so Huber.

Auch für sein Team sei der zu bewältigende Aufwand bei der Abholung der Toten aufgrund der Corona-Maßnahmen derzeit enorm. Man müsse auf viele Dinge besonders achten, sich an alle Infektionsrichtlinien halten und auch Schutzanzüge tragen. Des Weiteren dürfe man die Toten nicht bekleiden - wie eigentlich üblich. „Unklar ist auch noch, wie es mit der 15 Kilometer-Regel aussieht. Wer darf dann überhaupt an einer Trauerfeiern teilnehmen?“, erklärt Huber.

Generell sei eine hohe Sterberate in dieser Jahreszeit jedoch normal, wenngleich Corona seine Spuren hinterlässt. Die Verstorbenen hätten aber kein „außergewöhnliches Alter“, schließt Huber ab.

Lage bundesweit noch handhabbar

Noch sei die Lage bundesweit handhabbar, sagt Verbandschef Neuser. Generell hätten Bestatter im Januar mehr zu tun, weil die Standesämter über die Feiertage lange geschlossen hätten und erst nach und nach die Sterbeurkunden ausstellten. „Wenn man dann Corona-Hotspots hat wie in Sachsen und eine Übersterblichkeit, dann kann das dazu führen, dass es in einzelnen Regionen zu einer Überlastung kommt.“

Das sei aber nicht flächendeckend der Fall. Auch dort, wo es viele Seniorenheime gebe, hätten die Bestatter derzeit mehr zu tun als sonst. So gravierende Zustände wie in Meißen seien aber Einzelfälle. „Wir haben 163 Krematorien in Deutschland. Das sind Ausnahmesituationen, die hausgemacht sind“, betont Neuser.

mz/Marie Stolz

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