Prozess um Tötung eines Mitgefangenen

Welche Rolle spielten die Drogen beim Angeklagten in der JVA Bernau?

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Der wegen Totschlags angeklagte 49-Jährige (r.) mit seinem Anwalt Timo Westermann im Sitzungssaal im Landgericht Traunstein. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann vor, bei einem Hofgang in der Justizvollzugsanstalt in Bernau im Streit einen anderen Häftling getötet zu haben

Traunstein/Bernau - Ein 30-jähriger Häftling verlor im August 2019 in der JVA Bernau sein Leben - ein anderer Insasse soll ihn durch Schläge und Tritte getötet haben. Fällt im Prozess heute ein Urteil?

Das Wichtigste in Kürze:

  • Prügelei in JVA Bernau nimmt tödliches Ende
  • Bester Freund des Getöteten sagt aus
  • Stand der Angeklagte unter Drogeneinfluss?
  • Nächster Verhandlungstermin am 1. Juli

Update, 18.23 Uhr - Welche Rolle spielten die Drogen beim Angeklagten in der JVA Bernau?

Die Einschätzung des psychiatrischen Gutachters war eigentlich klar: Der Angeklagte ist schuldfähig. Erheblich schuldmindernde Gründe durch seinen Drogenkonsum sah der Sachverständige bereits am vorigen Prozesstag nicht. Doch kurz vor Schließung der Beweisaufnahme zweifeln der 49-Jährige und seine Anwälte das aber stark an.

Der Angeklagte sei während seiner Haftzeit in Bernau praktisch durchgängig unter verschiedensten berauschenden Mitteln gestanden, so Verteidiger Adam Ahmed: Medikamente, Schlafmitteln, Drogen. Eine erste Blutprobe beim Angeklagten sei erst knapp sieben Stunden nach der Tat genommen worden – zu spät, wie der Anwalt meint. Sein 49-Jähriger Mandant gab auf Nachfrage des Gerichts an, auch am Tattag „etwas genommen“ zu haben.


„Wir sollten außerdem herausfinden, ob der jahrelange Drogeneinfluss bei meinem Mandanten eine Persönlichkeitsveränderung bewirkt hat“, so Ahmed. Konkret geht es darum, ob der Angeklagte als schuldfähig oder schuldunfähig behandelt werden soll. Deshalb wurden am Dienstag noch nicht die Plädoyers gehalten – mindestens ein weiterer Prozesstag wird folgen.

Ein weiterer Zeuge und ein Toxikologe soll beim nächsten Verhandlungstermin am 1. Juli geladen werden. Auch der psychiatrische Gutachter, dessen Einschätzung von den Anwälten angezweifelt wurde, muss erneut vor dem Traunsteiner Landgericht erscheinen.

Update, 12.30 Uhr - "Vielleicht wäre er heute noch am Leben."

Weitere Mitgefangene aus Bernau werden nach verzögertem Prozessbeginn vor Gericht vernommen. Darunter auch ein Häftling, der den getöteten 30-Jährigen als seinen „besten Freund“ bezeichnet. Er wirkt noch heute schwer mitgenommen von der tödlichen Auseinandersetzung in der JVA Bernau.

„Sein Puls wurde immer weniger. Bis Hilfe kam, hat es etwa zwölf Minuten gedauert. Der Mann war schon blau. Ein Beamter wies an, ihn wiederzubeleben. Ich hab das Opfer beatmet, ein Mitgefangener hat Herz-Druck-Massage gemacht. Der Puls ging immer weiter runter. Bis die Sanitäter kamen, hat es fast 25 Minuten gedauert", beklagt der Zeuge. Nach dem Vorfall erstattete er auch Anzeige. „Vielleicht wäre er heute noch am Leben, wenn das schneller gegangen wäre“, so der Mann. 

Beim jüngsten Verhandlungstag am 26. Mai sagte ein Gutachter jedoch aus, dass auch frühere Rettungsmaßnahmen den 30-jährigen Kroaten nicht mehr hätten retten können. Der „beste Freund“ des Getöteten bestätigte dem Gericht aber auch, dass es der Kroate war, der zuerst zugeschlagen hätte. Ein weiterer Häftling sagte aus, dass beide Kontrahenten vor der Schlägerei gleichermaßen zielstrebig aufeinander zugegangen seien. 

Vor Gericht werden heute noch die Plädoyers erwartet, auch ein Urteil gegen den 49-jährigen Angeklagten könnte noch fallen.

Vorbericht - Prügelei endet tödlich

Über 100 Häftlinge versammelten sich am 15. August 2019 in der JVA Bernau zum Hofgang. Mittendrin kam es dann zu einer Prügelei, die ein tödlichen Ende nahm. Die Fäuste flogen aus beiden Richtungen, doch ein 30-jähriger Kroate musste letztendlich sein Leben lassen. Vor dem Traunsteiner Landgericht ist ein 49-jähriger Bulgare wegen Totschlags angeklagt. Als sein Kontrahent bereits am Boden war, soll er ihm einen letzten Tritt verpasst haben - der Kroate schlug fest auf dem Asphalt auf und kam schließlich ums Leben. 

Am Dienstag, 16. Juni, wird ab 9 Uhr der Prozess am Landgericht in Traunstein fortgesetzt. Rechtsmediziner bestätigten dem Gericht am jüngsten Verhandlungstag am 26. Mai, dass das Opfer in Folge einer Hirnblutung verstarb. "Sowohl Faustschläge als auch Fußtritte können für die Blutung verantwortlich gewesen sein", so ein Gutachter.

Tage vor dem tödlichen Streit soll das Opfer die Mutter des Angeklagten beleidigt haben, sagten Gefangene aus, die als Zeugen vor Gericht vernommen wurden. Eine ganze Reihe von Häftlingen wurde befragt. Sie bestätigten allesamt die Schlägerei im Innenhof. Doch wer die Auseinandersetzung begann, welche genaue Vorgeschichte der Streit hatte und welche Rolle mögliche Drogengeschäfte in der JVA Bernau spielten, darüber herrscht keine Einigkeit. 

Am Dienstag sollen unter anderem die Plädoyers gehalten werden, auch ein Urteil könnte fallen. chiemgau24.de berichtet aktuell aus dem Traunsteiner Landgericht

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