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„Die Sicherheit am Berg sollte allen am Herzen liegen”

Leitender Oberstaatsanwalt Dr. Beckstein im Interview über seine Arbeit nach Bergunfällen

Dr. Wolfgang Beckstein im Gespräch mit Polizeibeamten am Jenner.
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Dr. Wolfgang Beckstein im Gespräch mit Polizeibeamten am Jenner.

Traunstein / Berchtesgadener Land - 80 speziell ausgebildete Alpinbeamte arbeiten im bayerischen Raum. Deren Anzahl gelte es zu erhöhen, fordert Dr. Wolfgang Beckstein, leitender Oberstaatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft Traunstein. Denn die Zahl der Bergunfälle steigt. Beckstein kritisiert die „Vollkaskomentalität” mancher Alpinbesucher: „Das ist absolut asozial und verantwortungslos.”

Die Zahl der Bergunfälle ist auf einen Rekordwert gestiegen. Für die Staatsanwaltschaft bedeutet das Mehrarbeit. 

Dr. Wolfgang Beckstein: Bei Todesfällen, die nicht eindeutig ein natürlicher Tod sind, müssen Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln, was zum Tod einer Person geführt hat. Wir haben daher, soweit möglich, zu klären, ob ein alleinverursachter tragischer Unfall, ein Suizid oder eine mögliche Verursachung durch jemand anderen zum Tod geführt hat, egal ob bewusst oder ungewollt. Wir müssen also klären, ob eine fahrlässige Tötung oder sogar ein Mord in Betracht kommt.

Sie sagen: „Berge sind kein rechtsfreier Raum.“ Was bedeutet das allgemein und speziell für Ihre Arbeit als Leitender Oberstaatsanwalt?

Beckstein: Auch in den Bergen ist jeder verpflichtet, sich so zu verhalten, dass kein anderer zu Schaden kommt. Das Strafrecht gilt nicht nur im Tal oder in der Stadt, sondern auch auf den Bergen. Wir ermitteln beim Verdacht von Straftaten oder eben bei Bergtoten.

Natürlicher Tod, Suizid, Fremdverschulden: Nach einem Unfall kommen speziell ausgebildete Polizisten zum Einsatz. Worauf kommt es bei der Arbeit der Alpinbeamten besonders an? Wie schaut die Ermittlungsarbeit im Detail aus?

Beckstein: Ich möchte vorausschicken, dass ich vor der Arbeit der Alpinpolizisten höchsten Respekt habe. Deren Arbeit erfordert höchstes alpinistisches Können und verlangt sehr viel Erfahrung. Die Alpinpolizisten ermitteln vor Ort, begeben sich in zum Teil schwierigstem Gelände und unter widrigsten Wetterumständen, häufig per Hubschrauber, zum Teil sehr beschwerlich und gefährlich zu Fuß an den Unfallort. Sie nehmen den Sachverhalt auf, kümmern sich etwa um die Leichenbergung. Das ist meist kein schöner Anblick. Die Alpinpolizisten sichern persönliche Gegenstände, ermitteln vor Ort und sorgen sich um eine Betreuung der traumatisierten Angehörigen oder Begleiter.

Geprüft wird, ob jemand alleine unterwegs war, ob es Zeugen eines Absturzgeschehens gibt oder ob etwa Materialversagen bei einer Kletterausrüstung vorlag. Geprüft wird dabei auch, ob sich ein alter Haken gelöst oder ob sich jemand verstiegen hat, also vom vorgesehenen Weg abgekommen ist. Gab es Hinweise auf ein Stolpern oder ein Ausrutschen oder auf ein Herausbrechen eines Tritts?

Über mögliche Fotos oder Gipfelbucheinträge lässt sich etwa auch der Zeitablauf und der Weg nachvollziehen. Es wird versucht, möglichst genau zu klären, was zu einem tödlichen Bergunfall geführt hat. Erst zum Schluss steht dann die staatsanwaltliche Bewertung an, ob ein strafrechtliches Fehlverhalten einer Person in Betracht kommt.

Sie sagten: „Die Arbeit ist sehr verantwortungsvoll“: Die Klärung eines Bergunfalls entscheidet sich häufig auf Ihrem Schreibtisch. Können Sie das etwas näher erklären?

Beckstein: Berg- und Skiunfälle mit Schwerverletzten oder Toten bedeuten immer menschliche Schicksale und sind vor allem für die Begleiter, die das Unglück zum Teil gesehen haben, aber auch für die Angehörigen, traumatisierend. Es geht um das höchste Rechtsgut, das menschliche Leben.

Ich halte die Arbeit der Alpinpolizisten für sehr verantwortungsvoll. Mein Part bei den Todesermittlungen ist gegenüber der Arbeit der Alpinbeamten der Polizei gering, auch wenn ich nach den gesetzlichen Vorschriften über die strafrechtliche Bewertung eines Sachverhalts die Letztentscheidung treffen und über die Freigabe einer Bergleiche zur Bestattung entscheiden muss. Alpinpolizisten arbeiten zum Teil unter Lebensgefahr in schwierigstem Gelände, ich hingegen meist nur am Schreibtisch.

Ihrer Meinung nach braucht die Polizei zu den 80 speziell ausgebildeten Alpinbeamten im bayerischen Raum weitere Verstärkung. 

Beckstein: Die Anzahl der Bergunfälle ist leider deutlich gestiegen. Der Ansturm auf die Berge in verschiedenen Sportarten hat stark zugenommen und wird meiner Ansicht nach anhalten. Ich befürchte, dass die Bergunfälle mit Verletzten und Toten auf hohem Niveau bleiben. Da man dafür bei der Polizei absolute Spezialisten benötigt, die trotz der extremen Gefahren im Gebirge die Fälle vor Ort bearbeiten können, gehe ich davon aus, dass man dafür dauerhaft mehr Beamte benötigt und rechtzeitig genügend Nachwuchs ausbilden muss. Die Ausbildung dauert neben dem normalen Polizeidienst drei Jahre.

Sie sind häufig selbst in den Bergen unterwegs. Was stellen Sie bei Ihren Besuchen dort fest?

Beckstein: Ich gehe sehr gerne in die Berge und genieße unsere herrliche Natur. Leider gehen einige unvorbereitet, ohne Erfahrung und sich selbstüberschätzend in die Berge und gefährden dabei sich und andere. Viele Bergrettungen sind auch für die Ehrenamtlichen der Bergwacht gefährlich. Manchmal herrscht bei einzelnen Bergbesuchern eine Art ‚Vollkaskomentalität’ unter dem Motto: ‘Ich probier das mal und wenn es nicht geht, lass ich mich halt von der Bergwacht retten’.

Eine derartige Einstellung ist absolut asozial und verantwortungslos. Etlichen Zeitgenossen fehlt das Gefahrenbewusstsein in den Bergen und der Respekt vor der Natur. Sie überschätzen sich, sie scheren sich leider nicht um Pflanzen und Tiere. Manche missachten Absperrungen, bleiben nicht auf den Wegen und fördern so die Erosion, plärren lautstark herum oder werfen Müll einfach weg. Die große Mehrheit verhält sich verantwortungsvoll und genießt es. Unsere Bergwelt ist so schön, dass ich damit rechne, dass künftig eher noch mehr Leute die Berge besuchen werden und in den Alpen Kraft schöpfen. Die Arbeit aller Ehrenamtlichen, die sich um die Sicherheit in den Bergen kümmern, halte ich für höchst unterstützenswert. Bei der Bergwacht und beim Alpenverein kann man Mitglied werden. Oder man kann an diese oder andere Organisationen spenden. Die Sicherheit in den Bergen sollte uns allen am Herzen liegen.

kp

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