Prozess wegen versuchten Totschlags in Kolbermoor

Gutachten: Verletzung der Mutter wäre ohne ärztliche Behandlung tödlich gewesen

+
von links: Rechtsanwalt Walter Holderle, der Angeklagte und dessen Dolmetscherin.
  • schließen

Kolbermoor/Traunstein - Ein Großeinsatz samt Hubschrauber und Spezialkräften hatte im Oktober 2018 die Bürger in Kolbermoor in Atem gehalten. Der Grund dafür war eine Messerattacke durch einen damals 59-Jährigen. Der muss sich jetzt vor dem Landkreis Traunstein wegen versuchten Totschlags verantworten.

Update, 17.15 Uhr - Gutachten werden vorgetragen

Eigentlich hätte die Geschädigte heute noch aussagen sollen. Sie ist allerdings aus gesundheitlichen Gründen nicht erschienen. Es wird daher ihre Aussage, die sie bei der Polizei tätigte, verlesen. Diese deckt sich jedoch in einigen Teilen nicht mit den Aussagen des Angeklagten und ihres Sohnes. Vor Allem was die Häufigkeit der Stiche betrifft.

Laut Gutachten des Facharztes für Rechtsmedizin seien beim Angeklagten über einen längeren Zeitraum keinerlei Suchtmittel nachgewiesen worden. Die Verletzungen des Sohnes seien nicht lebensbedrohlich gewesen, sagt der Sachverständige. Die Verletzung der Mutter wäre ohne ärztliche Behandlung tödlich gewesen. Allerdings deute laut Gutachter die Form der Verletzung darauf hin, dass diese möglicherweise beim Wegschubsen entstanden sei. Laut psychiatrischem Gutachten kann der Angeklagte als voll schuldfähig eingestuft werden.

Die Verhandlung ist für heute unterbrochen und wird am 7. Mai fortgesetzt. Dann wird voraussichtlich auch ein Urteil gesprochen.

Update, 15.55 Uhr - Lebensgefährtin beschreibt Angeklagten als nicht aggressiven, lieben Menschen

Die Lebensgefährtin des Angeklagten beschreibt ihn als sehr ruhigen, nicht aggressiven und lieben Menschen. Auch sie berichtet von dem, für die Nachbarin gekauften Laptop und dass die zweite Rate dafür noch ausgestanden sei. 

Den Sohn der Geschädigten habe sie zuvor noch nie gesehen. „Er ist sehr arrogant aufgetreten, hat gesagt wir würden seine Mutter belästigen.“ Man habe ausgemacht, dass ihr Lebensgefährte das Geld für die erste Rate holen werde und die Mutter dafür den Laptop herausgibt, nachdem man die Daten gelöscht habe. 

„Der Sohn hat meinem Lebensgefährten eine Ohrfeige gegeben, als er gefragt hat, wo der Laptop bleibt. Dann ist mein Lebensgefährte zurück in die Wohnung gelaufen. Was er dort gemacht hat, habe ich nicht gesehen.“ Ein Messer habe sie überhaupt nicht gesehen. 

"Ich habe nur gesagt: Lass es bleiben, schlag ihn nicht. Es ging alles so schnell. Er war außer sich. Ich hätte nie gedacht, dass er sowas macht.“ Sie glaube, dass er wegen der Ohrfeige so reagiert habe, nicht wegen dem Laptop. 

Der Staatsanwalt will noch wissen, ob der Angeklagte beim ersten Gespräch vom Sohn bedroht worden sei. Daran könne sie sich nicht mehr erinnern.

Update, 14.28 Uhr - Der Geschädigte sagt aus

Der Geschädigte sagt aus: Seine Mutter habe ihn am Tattag verständigt, dass sie vom Angeklagten bedroht werde. Daraufhin sei er zu ihr gefahren. „Ich bin dann zu ihm rüber und habe in einem ruhigen Gespräch versucht, die Situation zu klären.“ 

Bis dato sei alles noch sehr ruhig verlaufen. Man habe sich darauf geeinigt, dass der Angeklagte das Geld für die erste Rate bei der Bank hole und er währenddessen den Laptop auf Werkseinstellungen zurücksetze. Dies habe sich aufgrund technischer Probleme verzögert. 

„Er hat dann wieder geklingelt und dann ist es zum Streitgespräch gekommen. Ich habe ihm einmal freundlich gesagt, dass ich noch ein bisschen brauche. Dann hat er die Hand erhoben, ist in seine Wohnung gelaufen und hat das Messer geholt.“ 

Er habe erst nicht bemerkt, dass der Angeklagte ein Messer in der Hand hatte. „Ich habe dann versucht, ihn abzuwehren und habe in das Messer gefasst. Dann hat er mir in die Brust gestochen. Danach bin ich in die Wohnung rein und habe mich aufs Bett geworfen. Dann hat er von hinten auf mich eingestochen.“ 

Er vermute, dass seine Mutter sich dann vor dem Angeklagten aufgebaut habe, um ihn am Flüchten zu hindern. Der Vorsitzende Richter Erich Fuchs will vom Geschädigten wissen, was es mit der Tätowierung auf seiner Brust auf sich habe. 

Der erklärt, dass das heute nichts mehr zu bedeuten habe. In seiner Jugend habe er einem Fußballfanclub angehört. Aus dieser Zeit stamme auch das Tattoo. Aktiv habe er dem Angeklagten die Tätowierung aber nicht gezeigt. „Ich habe ein Poloshirt an gehabt, wo man das Tattoo durchgesehen hat.“ Ob er gesagt habe, dass er mit mehreren Personen zurück kommen würde, wisse er nicht mehr. Er leide heute noch an Schlafstörungen und ein Finger sei noch beeinträchtigt.

Update, 12.24 Uhr - Angeklagter: "Ich habe was Schlimmes getan. Ich bitte um Entschuldigung"

Nachdem der Angeklagte von dem Sohn der Geschädigten bedroht worden sei, habe sich seine Nachbarin eingeschalten und von sich aus gesagt den Laptop zurück zu geben. Er habe ihr dafür die erste Rate am selben Tag noch zurückzahlen wollen und sei das Geld abheben gefahren. 

Der Sohn habe währenddessen die Daten vom Computer löschen wollen. „Als ich zurück kam, hat er gesagt, er sei noch nicht fertig und hat auch gesagt, wir bekommen den Computer doch nicht mehr.“ Der Angeschuldigte habe dann ein Ultimatum bis 22.30 Uhr gestellt. Während er anschließend unterwegs gewesen ist, sei die Nachbarin mit einem Zettel zu seiner Lebensgefährtin gegangen. Auf diesem sei gestanden, dass der Laptop bereits ausgehändigt worden sei. 

Weil seine Lebensgefährtin Probleme mit der Deutschen Sprache habe, habe sie den Zettel - ohne zu wissen was dort stehe - unterschrieben. In der Angst, dass sich die Nachbarn auf diesen Zettel berufen könnten, sei er dann rüber gegangen und habe geklingelt. 

„Der Sohn hat dann aufgemacht, gesagt ich soll abhauen, weil der Computer noch nicht fertig ist und hat mich geschubst. Ich hab dann zurückgeschubst. Ich war in dem Moment so gestresst. Es ging alles so schnell. Ich bin dann in die Wohnung gerannt, habe ein Taschenmesser geholt und bin dann zu dem jungen Mann gegangen ohne etwas zu denken. Das war nicht ich in dem Moment.“

Er habe dann auf ihn eingestochen. „Ich hatte Angst, ich habe ihn umgebracht. Ich habe was Schlimmes getan und einen Fehler gemacht.“ Alles habe zusammengespielt, es sei nicht nur wegen des Laptops gewesen, auch wegen der Bedrohung. „Ich wollte dann aus der Wohnung raus und bin dann auf die Nachbarin getroffen. Ich erinnere mich nicht mehr, ob sie mich aufhalten wollte, ich war in Panik.“ Er sei dann in Richtung Mangfall geflüchtet und habe sich die Nacht über versteckt. Ihm seien auch Gedanken gekommen nach Italien zu fliehen, was er aber wieder verworfen hatte. Er sei dann am Tag drauf wieder zurück zu seiner Wohnung und habe sich da verhaften lassen. „Ich bitte um Entschuldigung und Verzeihung für alles was ich gemacht habe.“

Update, 11.30 Uhr - Angeklagter: "Ein kräftiger, junger Mann hat mir gedroht"

Der Angeklagte will sich vor Gericht zu seiner Person und zur Sache äußern: Nach einigen Lebensstationen in Italien und Deutschland sei er schließlich mit seiner Lebensgefährtin nach Kolbermoor gekommen. Dort habe er sich aber immer gestört gefühlt. Es gebe in der Unterkunft, in der er wohnte, Drogen- und Alkoholprobleme. Er selber habe kein Problem mit Alkohol und Drogen. 

Zur Sache äußert er sich dahingehend, dass sich seine Nachbarin selber keinen Computer habe kaufen können. Seine Lebensgefährtin habe sich schließlich dazu bereiterklärt den Laptop - im Wert von rund 350 Euro - für die Nachbarin auf Raten zu kaufen. Man habe vereinbart, dass die Geschädigte dann monatlich die Raten an seine Lebensgefährtin zahle, die diese dann an den Verkäufer weitergebe. 

Die erste Rate sei von der Nachbarin bezahlt worden, die zweite schließlich nicht mehr, woraufhin der Angeklagte den Laptop zurück gefordert habe. „Wir sind dann auch zur Polizei gegangen, um Anzeige zu erstatten. Im Beisein von zwei Polizeibeamten habe man dann einvernehmlich vereinbart, dass die Geschädigte die Rate in ein paar Tagen zahle. „Am selben Tag klingelte an meiner Tür noch ein kräftiger junger Mann (der Sohn der Nachbarin), der mir gedroht hat, dass er mit mehreren Leuten vorbei kommen könnte. Er hat mir dann auch seine Tätowierung gezeigt. Das versteht man meiner Meinung nach ganz klar als Drohung. Warum er mir gedroht hat, weiß ich auch nicht.“ 

Update, 9.33 Uhr - Staatsanwalt verliest Anklageschrift

Der Staatsanwalt verliest die Anklageschrift: Demnach soll der Angeklagte am 31. Oktober 2018 in einer Kolbermoorer Gemeinschaftsunterkunft einen. seiner Nachbarin überlassenen Laptop zurückgefordert haben. Der Aufforderung sei die Frau zunächst nicht nachgekommen. Sie und ihr Sohn sollen den Angeklagten ein paar Mal vertröstet haben, da sie noch Daten vom Laptop löschen wollten. 

Gegen 22.30 Uhr klingelte der Angeklagte erneut. Es soll zum Streitgespräch und Gerangel zwischen ihm und dem Sohn der Frau gekommen sein. Der Angeklagte sei nach Auffassung der Staatsanwaltschaft dann zurück in seine Wohnung gelaufen, habe ein Messer geholt und auf den Sohn eingestochen, auch als der schon bäuchlings auf dem Bett lag. 

Die Geschädigte habe den Angeklagten dann am Verlassen der Wohnung hindern wollen, woraufhin der Mann bei einer unkontrollierten Bewegung auch auf sie eingestochen und die Frau im Schulterbereich verletzt haben soll. 

Die Frau musste notoperiert werden. Ihr Sohn habe nur durch Glück keine tödlichen Verletzungen erlitten, weil der Stich vom Brustbein abgefangen wurde.

Vorbericht:

Am 31. Oktober 2018 soll ein nun 59-jähriger Kolbermoorer wegen eines Streits auf zwei seiner Nachbarn losgegangen und mit einem Messer eingestochen haben. Wie die Polizei damals mitteilte, konnte sie den mutmaßlichen Täter einen Tag später nach intensiver Fahndung widerstandslos festnehmen. Er war zunächst zu Fuß geflüchtet. Er befindet sich seitdem in Untersuchungshaft. 

Die Staatsanwaltschaft Traunstein erhob Anklage gegen den 59-Jährigen wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung

Das Gericht setzte für den Prozess drei Verhandlungstage an. Prozessauftakt ist am Dienstag, 16. April, 9 Uhr. Die Fortsetzungen sind dann für 7. Mai und 20. Mai vorgesehen.

Zurück zur Übersicht: Traunstein

Auch interessant

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser

MEHR AUS DEM RESSORT