Altenmarkter tötete Mutter - Plädoyers sind gehalten

Verteidigung ist "fassungslos" von Tat - und fordert fünf Jahre Haft

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Der Angeklagte aus Altenmarkt im roten Pullover mit seinen Anwälten Adam Ahmed (links) und Herbert Buchner.
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Traunstein/Altenmarkt - Am Freitag wurden die Plädoyers gehalten: Welche Strafe soll der 21-jährige Altenmarkter bekommen? Staatsanwaltschaft und Verteidigung sind sich einig, dass es kein Mord, sondern ein Totschlag an der Mutter war. 

Update, 12.05 Uhr: Die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung

Nun also, nach 14 Verhandlungstagen, die Plädoyers im Prozess um die getötete Mutter. Vom Vorwurf des Mordes ist inzwischen auch Staatsanwalt Markus Andrä abgerückt. Er beantragt den 21-jährigen Altenmarkter nach Jugendstrafrecht wegen Totschlags, sowie wegen schwerer und gefährlicher Körperverletzung zu verurteilen. Neun Jahre soll der junge Mann ins Gefängnis, zehn Jahre wären bei Jugendstrafrecht hier das Maximum gewesen. 

“Die Mordmerkmale haben sich in der Beweisaufnahme nicht mehr bestätigt”, so die Staatsanwaltschaft. Von Heimtücke könne nicht mehr die Rede sein, nachdem der Angeklagte der Mutter im Streit schon die Lippe abgebissen hatte. Die “Niedrigen Beweggründe auf unterster sittlicher Stufe” sieht der Staatsanwalt durch die tödlichen Hammerschläge auch nicht erfüllt: Verschiedenste Zeugen sagten aus, er wolle seine Mutter “erlösen” - wegen ihrer psychischen Krankheit und der Entstellung durch die abgebissene Lippe. Auch eine sogenannte Verdeckungsabsicht gäbe es durch die Hammerschläge nicht. 

Für den Angeklagten spricht laut Staatsanwaltschaft, dass er nicht vorbestraft sei und dass er – zumindest gegenüber den Polizeibeamten – geständig war. Auch das schwierige Zusammenleben mit der Mutter wertet Staatsanwalt Andrä hier zugunsten des Angeklagten. An einer Reifeverzögerung des Altenmarkters hat der Staatsanwalt keine Zweifel, deshalb müsse er nach Jugendstrafrecht verurteilt werden. 

Gegen den Angeklagten spricht aber auf jeden Fall die Intensität und Brutalität der Taten – der beabsichtigte Genickbruch und die Hammerschläge”, so der Staatsanwalt. Der junge Mann habe ein “vorsätzliches und unbedingtes Töten” an den Tag gelegt. Eine Sicherungsverwahrung nach den neun Jahren Haft fordert die Staatsanwaltschaft nicht, weil beim Angeklagten kein “Hang zum Töten” erkennbar sei.

Verteidiger fordern fünf Jahre Haft

Und die Verteidiger Adam Ahmed und Herbert Buchner? Auch sie sind der Meinung: Es war kein Mord, sondern Totschlag. Sie führen ins Feld, dass der Angeklagte nicht voll schuldfähig war, dass er gegenüber der Polizei gleich geständig war und dass er schon 16 Monate in Untersuchungshaft sei: “Dann ist eine Strafe von neun Jahren, wie von der Staatsanwaltschaft gefordert, viel zu hoch. Wir beantragen eine Jugendstrafe von fünf Jahren”, so Anwalt Adam Ahmed. 

Auch von den Anwälten zweifelt niemand an den Vorgängen im Haus in Altenmarkt am 15. September 2017: “Es hat sich dort eine ganz grauenhafte Tat ereignet, die einen fassungslos zurücklässt”, so Verteidiger Buchner. Er holte im Plädoyer weit aus und ging auf die schwierigen Familienverhältnisse ein: Polizeieinsätze wegen Streits der Eltern, deren Trennung, das Außenseiterdasein des Angeklagten oder die Wesensveränderung der Mutter. 

“Der tragische Vorgang kam erst dadurch ins Rollen, dass die Mutter dem Angeklagten in den Daumen biss und er mit einem spontanen Biss in ihre Lippe reagierte. Beide fanden keinen Ausweg, es gab kein zurück mehr. Das rechtfertigt nichts, hat aber zu dieser tragischen Tat geführt”, so Buchner. In den “letzten Worten” äußert sich auch der junge Altenmarkter kurz: “Was gelaufen ist, ist noch immer realitätsfern für mich. Ich würde es gerne rückgängig machen.” 

Das Urteil wird am 29. März um 11 Uhr verkündet.

Unser Vorbericht:

Es ist inzwischen der 15. Prozesstag gegen den 21-Jährigen aus Altenmarkt - doch für die Verhandlung am Landgericht Traunstein ist ein Ende in Sicht: Am heutigen Freitag sollen die Plädoyers gehalten werden. Welche Strafe fordern Staatsanwaltschaft und Verteidigung? Die Anklage lautet auf Mord und Körperverletzung.

Fachleute empfehlen Jugendstrafrecht

Bisher deutet alles darauf hin, dass der Altenmarkter nach Jugendstrafrecht verurteilt wird. Zur Tatzeit im September 2017 war er 20 Jahre alt. Er gilt somit als Heranwachsender, die Jugendgerichtshilfe empfahl Jugendstrafrecht anzuwenden. Dem Angeklagten wurde eine erhebliche Reifeverzögerung attestiert. Das Höchstmaß der Jugendstrafe für Heranwachsende beträgt eigentlich zehn Jahre - außer bei Mord: hier können bis zu 15 Jahre Haft verhängt werden, wenn das Gericht auch die besondere Schwere der Schuld feststellt. 

Gut möglich aber, dass das Urteil gar nicht auf Mord lauten könnte. Zuletzt stellte das Gericht klar, dass auch eine Verurteilung “nur” wegen Totschlags in Betracht käme: “Wir denken, dass keines der drei Mordmerkmale - Heimtücke, niedrige Beweggründe oder Verdeckungsabsicht - erfüllt sein könnte.” Staatsanwalt Markus Andrä machte gleich klar: “Ich sehe das anders” - Genaueres wird aber erst in den Plädoyers folgen.

Im Februar sagte vor dem Landgericht der psychiatrische Gutachter aus. Er beschrieb den Altenmarkter als zurückgezogenen und teils kaltherzigen jungen Mann. Schon in der Schule sei er eher ein Einzelgänger gewesen, die Freizeit verbrachte er viel vor dem Computer. "Seine Menschenscheu nahm zu", so der Gutacher. Auch Liebesbeziehungen hatte der Altenmarkter nie. 

Auch der Stiefvater sagte schon aus

Auch der Stiefvater des Angeklagten wurde bereits als Zeuge geladen. Er zweifelte nicht im geringsten daran, dass sein Stiefsohn zu unrecht auf der Anklagebank sitzt. Der Stiefvater beschrieb sachlich, wie in der Familie vor allem im letzten Jahr vor der Tat alles aus dem Gleichgewicht geriet. Ihm gegenüber gestand der Angeklagte die Tat indirekt, gegenüber ermittelnden Kripo-Beamten sprach er offen - nur vor Gericht äußerte sich der 21-Jährige nicht mehr dazu

Der Altenmarkter soll am 15. September 2017 seine Mutter, damals 53 Jahre alt, nach einem Streit zuhause gewürgt und ihr die Unterlippe abgebissen haben. Dann habe er zu einem Hammer gegriffen und damit auf den Schädel der Mutter eingeschlagen, um sie zu töten. Mit einem Freund verpackte er dann laut Staatsanwaltschaft die Leiche und vergrub sie in einem Waldstück bei Schnaitsee. Das Urteil soll am 29. März fallen.

Bilder: Polizeieinsatz bei Schnaitsee

xe

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