Altöttinger (22) wegen Kindesmissbrauch am Landgericht Traunstein angeklagt

Gutachter: „Bei jungen Mädchen hat er die dominante Rolle einnehmen können“

Traunstein/Altötting - Ein 22-Jähriger aus Altötting soll im Herbst 2018 eine Beziehung mit einem damals 12-Jährigen Mädchen geführt haben. Darüber hinaus soll er mit weiteren Minderjährigen im Kontakt gestanden und dabei sexuelle Fantasien mit ihnen ausgetauscht haben. Nun muss sich der Angeklagte u.a. wegen Kindesmissbrauch und dem Besitz von Jugendpornos am Freitag, 30. April, vor dem Landgericht Traunstein verantworten. chiemgau24.de berichtet aktuell aus dem Gerichtssaal.  

Update, 17.39 Uhr - Sachverständiger berichtet von mehreren Diagnosen

Nun berichtet ein Sachverständiger über das psychologische Gutachten: Der Angeklagte ist das Älteste von drei Kindern und ist in ordentlichen Verhältnissen aufgewachsen. Nach dem Abitur habe er sich gegen ein Studium entschieden, auch um der sozialen Verselbstständigung zu entgehen und weiterhin daheim wohnen kann. Eine Ausbildung im kaufmännischen Bereich habe er mit Bravur abgeschlossen.

Während seiner Zeit auf dem Gymnasium habe er nur Freunde während der Unterstufe gehabt. Anschließend habe er keine intensiveren sozialen Kontakte pflegen können. Lediglich in einer Online-Spiel-Gruppe sei er integriert gewesen. „Der Angeklagte ist dann in eine soziale Vermeidung hineingerutscht“, so der Gutachter. Seit der fünften Klasse hätte er Angst gehabt, das Wort „Mädchen“ auszusprechen. Oberflächlich sei er schon integriert gewesen, aber eher auf der Mitläufer-Schiene.

Trotz der sozialen Phobie sei er eher ausgeglichen gewesen und in keine depressive Phase gefallen. Er hatte große Schwierigkeiten, sich anzudocken, wenn eine interessante Person in der Nähe war, beispielsweise mit Small-Talk Kontakte zu knüpfen. Irgendwann hätte es angefangen, dass ihn jüngere Mädchen mehr ansprechen, wenn beispielsweise die Brustentwicklung noch nicht so ausgeprägt war. Seine sexuellen Fantasien, die er auch in Geschichten niedergeschrieben hat, seien für den Gutachter bemerkenswert und wäre ihm bislang noch nicht untergekommen.

„Er ist extrem introvertiert, meidet soziale Kontakte“, schildert der Gutachter von den psychologischen Tests. Er hat oft eine stoische Ruhe und hat sich so beispielsweise auch durch die Durchsuchungen nicht aus der Ruhe bringen lassen. Er habe zudem eine hohe Anpassungsfähigkeit, das würde auch erklären, warum bei den Treffen nicht mehr passiert ist und er auch niemanden drängen würde. Trotz hoher Intelligenz, würde es ihn an sozialer Kompetenz mangeln. Er könne die Zusammenhänge nicht verknüpfen.

Seine Erregung sei auch an seinen sadistischen Zügen verbunden. „Die Macht hätte er in den Chats ausüben dürfen. Dort hat er seine Dominanz ausgespielt“, schildert der Gutachter. Er habe dort versucht, das zu kompensieren, was ihm im realen Leben nicht geglückt ist. Bei jüngeren Mädchen hätte er diese dominante Rolle leichter einnehmen können.

Insgesamt gebe es folgende Diagnosen aus psychiatrischer Sicht: eine soziale Phobie, Persönlichkeitsstörung und eine pädophile Präferenz. Er sei nicht von seinem Muster abgekommen. Dennoch hätte alles online stattgefunden und er habe seine pädophilen Neigungen nicht im realen Leben umgesetzt. „Da schützt ihn seine soziale Phobie“, erklärt der Sachverständige. Der Angeklagte hätte aber bislang nur einzelne Aspekte seiner Krankheit erkannt. Eine mögliche ambulante Behandlung halte der Gutachter zunächst für nicht ausreichend.

Die Beweisaufnahme ist damit geschlossen und die Sitzung beendet.

Der Prozess wird am Dienstag, 4. Mai, um 9.30 Uhr fortgesetzt. Dort werden dann die Plädoyers gehalten und ein Urteil gefällt.

Update, 13.07 Uhr -  Sexualisierte Gewalt, Sklavenhandel und Preislisten für Mädchen

Nun sagt der zuständige Sachbearbeiter der Kripo Mühldorf aus. Nach dem Treffen des Altöttingers mit der damals 12-Jährigen wurde Anzeige erstattet. Daraufhin gab es eine erste Durchsuchung beim Angeklagten. „Er hat damals schon pädophile Neigungen eingeräumt. Hilfe wollte er sich aber nicht ernsthaft suchen“, so die Einschätzung des Beamten.

Bei den gesicherten Datenträgern wurden Chatverläufe mit mehreren Mädchen untersucht und jugendpornographische Inhalte gefunden. Es seien mit einer 12-Jährigen auch Gespräche über eine gemeinsame Zukunft mit eigener Familie geführt worden. Es gab nach der Anzeige auch ein Kontaktverbot, an das sich der 22-Jährige nicht hielt. Auch Suchbegriffe wie „Sklavenhandel Mädchen“ und Preislisten für minderjährige Mädchen wurden gefunden. Daraufhin erfolgte eine zweite Durchsuchung.

„Viele der Mädchen hatten Probleme, beispielsweise die Trennung der Eltern. Es gab eine gewisse Hilfsbedürftigkeit“, stellten die Beamten im Rahmen ihrer Durchsuchungen fest. Er habe Einfluss auf die Mädchen gehabt. So wurden die Mädchen teilweise aufgefordert sich zu würgen oder ähnliche sadistische Neigungen auszuüben. Auch habe er die Mädchen teilweise aufgefordert, die Chatverläufe wegen der Polizei zu löschen. Der Beamte habe das Gefühl gehabt, dass sich der Angeklagte damals oft uneinsichtig gegenüber der Polizei gezeigt hatte.

Nach der Mittagspause folgt der Bericht des Sachverständigen.

Update, 11.55 Uhr -Ausführliches Geständnis des Angeklagten

Der Angeklagte räumt die ihm vorgeworfenen Punkte ein. Es habe sich herausgestellt, dass Gleichaltrige wenig Interesse an ihm zeigten. „Der Kontakt wurde oft abgebrochen. Die waren weniger an Online-Bekanntschaften interessiert. Die Kommunikation mit Jüngeren war durchaus beständiger“, erklärt der 22-Jährige.

Intensiv wurde die Kommunikation erst nach seiner Schulzeit. Die Profile der Mädchen wurden ihm teilweise von Instagram vorgeschlagen. Auf Nachfrage von Richterin Heike Will über gemeinsame Themen und Interessen, schildert der Altöttinger, dass oft über Schulthemen geschrieben wurde. „Ich war da zum Zuhören. Wenn sexuelle Themen keine Rolle spielen sollten, habe ich es auch akzeptiert. Ich hatte auch viele Bekanntschaften, bei denen Sex nicht thematisiert wurden“, so der 22-Jährige.

Generell war er auf der Suche nach Freundschaften, manchmal sei es eben in eine andere Richtung abgedriftet. Und es habe sich gezeigt, dass junge Mädchen Interesse am Thema Sex haben. „Das Alter spielte irgendwann keine Rolle mehr. Das war mir damals nicht so bewusst, dass sie so jung waren“, so der Angeklagte. Auch seine sadistischen Vorlieben wurden dort ausgelebt. Es habe sich oft um Verbalerotik gehandelt.

Bei einem Treffen mit einer 12-Jährigen, wo er drei Tage in einem Hotel war, wären zwar sexuelle Absichten im Vorfeld kommuniziert worden, letztlich wäre es aber nur zu Küssen gekommen. „Ich habe es ausprobiert, wie es sich anfühlt. Ich hatte davor noch keine Erfahrungen mit Mädchen gehabt“, so der Altöttinger.

Auf die kinder- und jugendpornographische Bilder und Videos angesprochen, erklärt der Angeklagte: „Es hat mit 18 angefangen. Ich bin eher zufällig darauf gestoßen, dann wurde irgendwann das Interesse größer. Dann habe ich auch gezielt gesucht.“

Er habe sich durchaus geschämt. Freunde, denen er sich öffnen könnte, habe er nicht gehabt. In der Schule sei er eher der Außenseiter gewesen. Zu den Eltern wollte er nicht gehen. Inzwischen habe er schon psychotherapeutische Angebote angenommen. „Ich lerne gerade mit der Krankheit umzugehen“, so der 22-Jährige. Zu seinen Eltern habe er derzeit ein gutes Verhältnis. Auch sein Arbeitgeber, der über die Vorwürfe Bescheid wisse, sei bereit, das Arbeitsverhältnis in Zukunft wieder aufzunehmen.

Insgesamt zeigte sich der Angeklagte sehr ruhig, sachlich und reflektiert. Er habe sich auch bei den Mädchen entschuldigt und bereut seine Taten. Er sei bereit, jede Bewährungsauflage in Form einer Therapie zu akzeptieren. „Ich finde es sehr beachtlich, dass sie hier so Rede und Antwort stehen“, befand Richterin Will.

Update, 10.30 Uhr - Sexueller Kontakt mit mindestens neun Mädchen

Dem Angeklagten wird u.a. Kindesmissbrauch in sechs Fällen und den Besitz von Jugendpornos vorgeworfen. Die Staatsanwältin Helena Neumeier verliest die Anklageschrift:

Demnach habe der Angeklagte mit einem 12-jährigen Mädchen eine Beziehung geführt, diese geküsst und ihr auch sexuelle Nachrichten geschickt. „Zuerst spürst du meinen Schwanz in dir und dann unser Kind – Was wird dir wohl mehr gefallen?“, lautete beispielsweise eine Textpassage. Der Angeklagte handelte dabei in sexueller Absicht und wusste um das Alter der Geschädigten.

Bei einer anschließenden Durchsuchung des Angeklagten wurden fast 1.000 kinder- sowie jugendpornographische Schriften festgestellt. Auch nach der Anzeige habe der 22-Jährige Kontakt mit weiteren Mädchen im Kindesalter und im Alter zwischen 14 und 16 Jahren gehabt. Dabei wurden sexuelle Themen besprochen, sexuelle Bilder und Videos ausgetauscht und Treffen vereinbart. Insgesamt soll er mit mindestens neun Mädchen kommuniziert haben.

So stand der Angeklagte beispielsweise mit einem anderen 12-jährigen Mädchen in Kontakt. „Ich mache die Handschellen von mir los und binde dir damit die Hände auf dem Rücken zusammen. Ich verbinde dir zusätzlich die Augen und dringe mit den Fingern weiter ich dich ein“, so lautete laut Staatsanwaltschaft eine Nachricht. Auch forderte der Altöttinger Nacktbilder vom Mädchen, die er auch bekam. Unter Androhung der Veröffentlichung von Fotos und Chatverläufen erhielt er auch Nacktfotos anderer Mädchen.  

Vorbericht:

Über Social Media soll der Altöttinger (22) 2018 seine damalige 12-jährige Freundin aus Essen kennengelernt haben. Bei einem Treffen soll es zu Küssen zwischen Beiden gekommen sein und es sollen nicht jugendfreien Nachrichten ausgetauscht worden. Laut Staatsanwaltschaft handelte der Angeklagte in sexueller Absicht und wusste um das Alter der Geschädigten.

Altöttinger (22) wegen Kindesmissbrauch und Jugendpornos angeklagt

Nach diesem Vorfall durchsuchte die Polizei die Wohnung des Angeklagten und konnten fast 1.000 kinder- sowie jugendpornographische Schriften auf verschiedenen Datenträgern feststellen. Zudem sei er auch nach der Anzeige gegen ihn weiterhin im Kontakt mit weiteren Mädchen im Kindesalter und im Alter zwischen 14 und 16 Jahren gestanden. Dabei wären in diesen Chats sexuelle Themen besprochen, sexuelle Bild- und Videodateien ausgetauscht und zum Teil Treffen vereinbart worden. Die Nacktbilder hätte er teilweise erst nach Drohungen gegenüber den Mädchen erhalten.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten deshalb u.a. Kindesmissbrauch und den Besitz von Jugendpornos vor. Das Landgericht Traunstein hat für diesen Prozess einen Verhandlungstag am Freitag, 30. April, angesetzt.

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