Berufungsprozess Unfall Miesbacher Straße 

Zeuge: "Es gab mehrere Varianten in der Vernehmung"

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Die Anwälte der Angeklagten berieten sich am ersten Verhandlungstag noch einmal vor Beginn des Berufungsprozesses.

Traunstein/Rosenheim - Fast drei Jahre ist es her, dass bei einem Unfall in der Miesbacher Straße zwei junge Frauen getötet wurden. Drei Männer mussten sich vor Gericht verantworten, alle drei wurden verurteilt. Zwei von ihnen gingen in Berufung. Am Donnerstag findet der dritte Verhandlungstag im Berufungsprozess statt.

Update, 14.10 Uhr:  Zeuge: "Es gab mehrere Varianten in der Vernehmung"

Der letzte Zeuge des Tages ist der Beamte, der zwei Tage nach dem Unfall die Vernehmung des Golf-Fahrers im Krankenhaus vorgenommen hatte. Der Unfallfahrer habe ihm gegenüber bei der Vernehmung geschildert, dass er zunächst von den beiden BMWs überholt worden sei.


Danach habe er zum Überholen angesetzt, und sei einem der BMWs ziemlich nahe gekommen. „Er hat erklärt, dass es sehr eng war und er keinen Platz zum Einscheren gehabt hat“, gibt der Beamte zu Protokoll. Ob der Golf-Fahrer ausgesagt habe, dass die Angeklagten in diesem Zusammenhang beschleunigt hätten, wisse er nicht mehr genau.

Der Zeuge hat damals auch den Beifahrer des hinteren BMW vernommen. „Es gab mehrere Varianten in der Vernehmung.“ Richter Dr. Zenkel verliest einen Aktenvermerk der Vernehmung. Demnach soll der Beifahrer bei Fragen zum Abstand der BMWs ausgewichen sei. Dies könne möglicherweise zum Schutz der Freunde passiert sein. Der Zeuge bestätigte den Entlastungseifer des Beifahrers zu Gunsten der Angeklagten auf Nachfrage des Richters. Der Prozess wird für den heutigen Tag unterbrochen und am 29. Oktober um neun Uhr fortgesetzt.


Update, 12.20 Uhr: Golf-Fahrer: "Sie haben mich nicht reingelassen!"

„Der Fahrer vom Golf hat noch am Unfallort gesagt, dass er nicht reingelassen worden ist“, sagt der zweite Zeuge des Tages, ebenfalls ein Polizeibeamter, aus. Mit diesem Wissen sei er dann auch in die Vernehmung des hinteren BMW-Fahrers eingetreten. Diese sei sehr emotionsgeladen gewesen. DerAngeklagte sei deutlich mitgenommen und häufig den Tränen nahe gewesen. 

Die nächste Zeugin, eine 55-jährige Polizeibeamtin, hat nach dem Unfall den Golf-Fahrer im Krankenhaus vernommen. Es sei eine Art Rennen gewesen, das die beiden Angeklagten gefahren hätten, und dass sie ihn nicht reingelassen haben, soll der Unfallfahrer zu der Zeugin gesagt haben. 

„Es war eine sehr schwierige Vernehmung, weil der Mann immer wieder geweint und gezittert und nur in Bruchstücken gesprochen hat“, so die Polizistin. Er habe sich provoziert gefühlt und noch einscheren wollen, aber er konnte nicht, weil sich ein BMW neben ihm befunden hätte, so seine Aussage. Die Vernehmung habe aber dann - auf Grund seines schlechten Zustandes - unterbrochen werden müssen. 

„Sie haben mich nicht reingelassen.“ Diese Aussage des Golf-Fahrers sei dem Staatsanwalt, der an die Unfallstelle gerufen worden ist, zugetragen worden. „Nach dieser Aussage habe ich mir gedacht, das schauen wir uns genauer an. Es war meine subjektive Überlegung, ob es möglicherweise ein Rennen war“, so der Staatsanwalt. Er habe sich gewundert, dass die BMWs noch durch die Unfallstelle durchgefahren seien. Die Angeklagten und ihre Beifahrer seien nach dem Unfall nicht getrennt worden. „Sie hatten theoretisch die Möglichkeit, sich abzusprechen. Ob sie das getan haben, weiß ich nicht“, sagt er weiter. Nach seinem Einsatz am Unfalltag sei er mit dem Fall nicht weiter betraut gewesen.

Update, 10.39 Uhr: War es ein Rennen oder nicht?

Als erster Zeuge des Tages wird der Polizeibeamte gehört, der als Erster am Unfallort war. Bei seiner Befragung geht es unter anderem darum, ob es Anhaltspunkte für ein Rennen gegeben habe. 

Der Vorsitzende Richter Dr. Zenkel will von dem Beamten wissen, woher er Anhaltspunkte für ein mögliches Rennen gehabt habe. „Die (Angeklagten) fuhren hintereinander her und es gab doch kein einziges Anzeichen für ein Rennen“, so der Vorsitzende. Der Beamte erklärte, dass das Wort „Rennen“ vom Golf-Fahrer bei seiner Vernehmung gefallen sei. Er selber könne nicht sagen, ob ein Rennen gefahren wurde, da er nicht dabei gewesen sei. „Vielleicht hat der Golf-Fahrer ja ein Rennen gefahren und sein Rennen gemeint“, sagt Zenkel. 

„Der Begriff Rennen stammt doch ausschließlich von dem Golf-Fahrer.“ Der Zeuge bejahte das. Ein Rennen habe überhaupt keinen Stellenwert gehabt, so der Richter. Es gebe keinerlei objektive Spuren, wie groß der Abstand zwischen den beiden BMWs gewesen sei. 

Die Nebenklagevertreter sehen das anders: „Die BMW-Fahrer haben Gas gegeben, als der Golf-Fahrer überholt hat und die Beifahrer haben permanent nach hinten geschaut, um zu schauen, ob er vorbei kommt. Das ist ein Rennen“, sagt Rechtsanwalt Christian Schluttenhofer. 

Weiter geht es um eine Aussage, die der Fahrer des vorderen BMW bei der ersten Vernehmung durch den Polizisten getätigt haben soll. „Der Golf-Fahrer wird schon kapieren, dass er an mir nicht vorbei kommt“, soll der Angeklagte ausgesagt haben. 

Laut Richter Zenkel könne diese vom Zeugen protokollierte Aussage in zweierlei Hinsicht verstanden werden: Entweder, weil der Angeklagte ihn nicht überholen lassen wolle, oder weil er gemerkt hat, dass der Golf-Fahrer es nicht schaffen werde, an ihm vorbeizukommen, weil bereits Gegenverkehr in Sicht war. 

Der Staatsanwalt will vom Zeugen wissen, ob die Ermittlungen ergeben haben, dass vor dem Unfall auf der B12 ein Rennen gefahren wurde. Laut Polizist habe es aufgrund von Zeugenaussagen Anhaltspunkte für ein Rennen gegeben. Ob es wirklich ein Rennen war, und ob dieses Rennen von den Angeklagten gefahren wurde, habe aber nicht gesichert werden können.

Update, 9.47 Uhr: Verteidiger zweifelt Glaubwürdigkeit der Polizisten an

Am dritten Prozesstag um den tödlichen Unfall auf der Miesbacher Straße sind fünf Zeugen geladen. Darunter vier Polizeibeamte und der Staatsanwalt, der an der Unfallstelle war. 

Rechtsanwalt Harald Baron von Koskull, der einen der Angeklagten vertritt, gibt zu Beginn des Verhandlungstages - noch bevor die Zeugen aussagen - eine Erklärung zur Glaubwürdigkeit der Polizeibeamten ab. Laut Koskull habe sich - seiner Meinung nach - bei den Beamten nach dem Unfall die Ermittlungshypothese es hätte ein Rennen stattgefunden ergeben. Diese Hypothese habe sich durch Presseberichte und Berichte in den sozialen Medien verfestigt.

Sein Mandant sei nach dem Unfall in unverhältnismäßiger Intensivität von Polizeibeamten observiert worden. Innerhalb eines Monats sollen sich verschiedene Vorfälle ereignet haben. Koskull zählt vor Gericht sieben Fälle auf, bei denen der Angeklagte im Raum Kolbermoor und Rosenheim – er war hierbei sowohl Fahrer als auch als Beifahrer – von Polizeistreifen angehalten und kontrolliert worden sei. Angeblich immer ohne Beanstandung oder ersichtlichen Grund. 

Es seien bei diesen Kontrollen von den Polizeibeamten auch Sätze gefallen wie: „Ihr werdet es nie lernen, genau Du musst es am besten wissen.“ oder „Du weißt ja Bescheid.“ Koskull habe das vorgetragen um zu verdeutlichen, dass seiner Meinung nach ein neutraler Ermittlungsdruck und ein gewisser Diensteifer geherrscht habe. 

„Ich freue mich über jeden Beamten, der Diensteifer zeigt, sagt Richter Dr. Jürgen Zenkel dazu. Das Gericht werde die Erklärung berücksichtigen.

Vorbericht: Tödlicher Unfall auf der Miesbacher Straße - dritter Verhandlungstag

Am Donnerstag, den 10. Oktober begann der Berufungsprozess um den tödlichen Unfall auf der Miesbacher Straße in Rosenheim. In voraussichtlich sieben Verhandlungstagen wird der Fall am Landgericht Traunstein neu verhandelt. Nach ihren jeweiligen Verurteilungen haben sowohl der Angeklagte aus Kolbermoor, als auch sein Mitangeklagter aus Riedering Berufung eingelegt.

Im Berufungsprozess werden drei Verfahren verbunden: Die beiden gerichtlichen Auseinandersetzungen mit dem Unfall auf der Miesbacher Straße und ein weiteres Verfahren: Der Angeklagte aus Kolbermoor wurde am 3. Dezember 2018 wegen der Teilnahme an einem verbotenen Autorennen vom Amtsgericht Rosenheim verurteilt. Er soll das Rennen nur kurze Zeit nach dem schlimmen Unfall gefahren haben. Auch gegen dieses Urteil hat der Angeklagte Rechtsmittel eingelegt

Angeklagte brechen ihr Schweigen

Nachdem sich beide Männer bei den ersten Prozessen nicht geäußert hatten, brachen sie am ersten Verhandlungstag des Berufungsprozesses ihr Schweigen. Der zweite Verhandlungstag war geprägt von den Aussagen der wichtigsten Zeugen: Gehört wurden der mittlerweile 26-jährige Golf-Fahrer, der mit den Mädchen vom Samerberg kollidierte, seine Beifahrerin und die Beifahrer der Angeklagten. 

Insgesamt 31 Zeugen sollen bei dem Berufungsprozess gehört werden. Das Urteil wird für Dienstag, 12. November, erwartet.

Schuldspruch vor dem Amtsgericht Rosenheim 

Das Amtsgericht Rosenheim sprach beide Fahrer bei der ersten Verhandlung der fahrlässigen Tötung, Gefährdung des Straßenverkehrs und fahrlässigen Körperverletzung schuldig. Der BMW-Fahrer aus Riedering wurde im März 2019 zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt, der Fahrer aus Kolbermoor im Mai 2018 zu einer Haftstrafe von zwei Jahren ohne Bewährung. Der Autofahrer aus Ulm wurde zu einer 20-monatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Diese ist inzwischen rechtskräftig. Er wird in diesem Prozess jedoch voraussichtlich wieder als Zeuge aussagen müssen.

Bei dem Unfall am 20. November 2016 auf der Miesbacher Straße in Rosenheim wurden z wei junge Frauen tödlich verletzt. Die 15-jährige Ramona D. und die 21-jährige Melanie R. stammten beide vom Samerberg. Ramonas Schwester Lena überlebte den Crash schwerst verletzt.

Die Unfallstelle auf der Miesbacher Straße in Rosenheim. Die weißen Kreuzen haben Unbekannte aufgestellt. Sie sollen die Unschuldigkeit der Opfer erinnern.

Die beiden BMW-Fahrer, gegen die jetzt neu verhandelt wird, sollen den Golf damals absichtlich beim Einscheren nach einem Überholvorgang behindert und so den Horror-Unfall mitverursacht haben. 

**chiemgau24.de berichtet vom Prozess am Dienstag**

jb

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