Berufungsprozess nach tödlichem Unfall auf Miesbacher Straße

Mutter: "Keiner hat den Arsch in der Hose, die Wahrheit zu sagen"

Der Berufungsprozess wird fortgesetzt
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Der Berufungsprozess wird fortgesetzt

Traunstein/Rosenheim - Fast drei Jahre ist es her, dass bei einem Unfall in der Miesbacher Straße zwei junge Frauen getötet wurden. Drei Männer mussten sich vor Gericht verantworten, alle drei wurden verurteilt. Zwei von ihnen gingen in Berufung. Am Dienstag wurde der Berufungsprozess fortgesetzt.

Update, 15.45 Uhr:

Die Verhandlung wird bis kommenden Dienstag, 5. November unterbrochen. Dann werden voraussichtlich sechs Zeugen aussagen. Das Gericht versucht, für diesen Termin auch den von Nebenklagevertreter Schluttenhofer beantragten Zeugen zu laden.


Update, 15.25:

Als nächste Zeugin sagt eine Ersthelferin aus. „Ich bin zu dem Golf hin und habe versucht, den Fahrer in mein Auto zu setzen. Dann bin ich weiter zu seiner Beifahrerin. Sie war bei Bewusstsein und ich habe ihr gesagt, dass gleich Hilfe kommt.“ Dann sei sie weiter zum Micra und habe den Kopf des Mädchens auf der Rückbank gehalten. In der Nähe hätten die BMW-Insassen am Straßenrand gestanden.

Die Zeugin habe die Männer mehrfach aufgefordert, zu helfen. Der Mann, welcher als Erster beim Micra war, und sich um die Mädchen kümmerte, sagt als Nächster aus: „Ich kann nicht helfen, ich komm nicht hin“, habe der Zeuge von einem weiteren Ersthelfer gehört, der die Fahrerin des Micra betreuen wollte. Von den Angeklagten habe er keinen am Fahrzeug der Samerbergerinnen gesehen.


Aussagen, die dem Vater eines der verstorbenen Mädchen sehr nahe gehen, denn einer der Angeklagten hat am ersten Prozesstag ausgesagt, dass er den Kopf seiner verstorbenen Tochter gehalten habe. Auch die Eltern und Schwester des anderen verstorbenen Mädchens sind von den Aussagen des Zeugen sehr berührt. „Da hat keiner den Arsch in der Hose gehabt, die Wahrheit zu sagen“, sagt die Mutter unter Tränen.

Update, 12.35 Uhr:

„Ich habe mir gedacht die spinnen“, sagt eine Zeugin, die den Golf und beide BMWs vor dem Unfall beobachtet hatte. „Die waren alle drei ganz nah beieinander, wie wenn sie ein Rennen fahren würden.“

Dem nächsten Zeugen seien am Unfallabend zwei BMWs auf der B15 aufgefallen, die sehr langsam, etwa mit 20 km/h, nebeneinander her, und dann plötzlich sehr zügig Richtung Rosenheim gefahren seien.

„Ich habe noch zu meinem Buben, der mit im Auto saß, gesagt: Die fahren jetzt wohl ein Rennen.“ Der Vorsitzende Richter Dr. Jürgen Zenkel konfrontierte den Zeugen damit, dass er bei den polizeilichen Vernehmungen zunächst nicht von einem Rennen gesprochen habe, den „Rennen-Gedanken“ habe er erst bei späteren Vernehmungen geäußert. Rechtsanwalt JUDr. Andreas Michel will wissen, ob der Gedanke an ein Rennen möglicherweise durch die mediale Berichterstattung gekommen sei, was der Zeuge nicht beantworten konnte. 

Die Verhandlung wird für einen einstündige Mittagspause unterbrochen.

Update, 11.20 Uhr:

Das Gericht hat nach Beratung beschlossen, dem Zeugenantrag der Nebenklageverteidigung stattzugeben. Außerdem soll über die Ladung der weiteren von Rechtsanwalt Schluttenhofer benannten Zeugen beraten werden. Die nächste Zeugin ist die Schwester (33) des bereits rechtskräftig verurteilten Golf-Fahrers.

„Ich habe am Tag des Unfalls einen Anruf von meinem Bruder bekommen, dran war aber eine Frau, die gesagt hat, dass mein Bruder einen schweren Unfall hatte“. Anschließend habe sie dann mit ihrem Bruder telefoniert. „Er hat immer wieder gesagt 'ich habe Schmerzen, ich bekomme keine Luft' und 'die Schweine haben mich nicht rein gelassen, da war keine Lücke'.“ Auch die Mutter des Golf-Fahrers (54) sagt vor der sechsten Strafkammer aus. Sie habe einen Anruf von ihrer total aufgelösten Tochter bekommen und sei dann selber zusammengebrochen, als sie von dem Unfall erfuhr.

Als ich ihn im Krankenhaus besucht habe, hat er sofort angefangen zu weinen und gesagt 'Mama, zwei Mädchen sind tot' und dass er nicht reingelassen wurde. Mein Sohn hat nicht die alleinige Schuld an dem Unfall.“ Geladen ist auch die Ehefrau des Golf-Fahrers, die bei den vorherigen Verfahren von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machte.

Dieses gilt nun nicht mehr, da ihr Mann rechtskräftig verurteilt wurde. „Mein Mann hat nicht viel erzählt, weil er psychisch belastet war. Ihm ging es gar nicht gut. Er hat nur gesagt, dass er nicht reingelassen wurde. Er wollte mich so viel wie möglich raushalten.“ Sie habe erst ein paar Tage nach dem Unfall mit ihm gesprochen. In der Unfallnacht hätten Polizisten bei ihr Sturm geklingelt, um ihr von Unfall ihres Mannes zu berichten. Die Frau hatte nach dem Vorfall ein Trauma und sei lange in psychologischer Behandlung gewesen. Mittlerweile wisse sie, dass sich ihr Mann mit einer Frau in Rosenheim getroffen habe, um etwas an deren Auto zu reparieren.

UPDATE, 10.15 Uhr:

Am Dienstag stehen zwölf Zeugen auf der Liste. Nebenklagevertreter Christian Schluttenhofer beantragt zudem die Ladung eines weiteren Zeugen, der einen Tag nach dem Unfall ein Gespräch zwischen den BMW-Insassen gehört habe, in dem sie sich abstimmten, was sie der Polizei gegenüber sagen wollen. Außerdem könne der Rechtsanwalt noch weitere Personen benennen, die ähnliche Aussagen machen können. 

Der ersten Zeugin des Tages seien die beiden BMW 45 Minuten vor dem Unfall auf der B15 aufgefallen. Sie habe an einer Ampel neben den Fahrzeugen gestanden, die dann zügig losgefahren seien. "In einem Auto war laute Musik, da ging es richtig lustig zu. Die beiden Fahrzeuge waren sehr aufgemotzt. Ich habe richtig geschimpft und gesagt: Raser!" 

Die Verhandlung wird anschließend für 15 Minuten unterbrochen, um über den Beweisantrag von Rechtsanwalt Schluttenhofer zu entscheiden.

Der Vorbericht:

Am dritten Prozesstag um den tödlichen Unfall auf der Miesbacher Straße sind fünf Zeugen geladen. Darunter vier Polizeibeamte und der Staatsanwalt, der an der Unfallstelle war. 

Rechtsanwalt Harald Baron von Koskull, der einen der Angeklagten vertritt, gibt zu Beginn des Verhandlungstages - noch bevor die Zeugen aussagen - eine Erklärung zur Glaubwürdigkeit der Polizeibeamten ab. Laut Koskull habe sich - seiner Meinung nach - bei den Beamten nach dem Unfall die Ermittlungshypothese es hätte ein Rennen stattgefunden ergeben. Diese Hypothese habe sich durch Presseberichte und Berichte in den sozialen Medien verfestigt.

Sein Mandant sei nach dem Unfall in unverhältnismäßiger Intensivität von Polizeibeamten observiert worden. Innerhalb eines Monats sollen sich verschiedene Vorfälle ereignet haben. Koskull zählt vor Gericht sieben Fälle auf, bei denen der Angeklagte im Raum Kolbermoor und Rosenheim – er war hierbei sowohl Fahrer als auch als Beifahrer – von Polizeistreifen angehalten und kontrolliert worden sei. Angeblich immer ohne Beanstandung oder ersichtlichen Grund. 

Es seien bei diesen Kontrollen von den Polizeibeamten auch Sätze gefallen wie: „Ihr werdet es nie lernen, genau Du musst es am besten wissen.“ oder „Du weißt ja Bescheid.“ Koskull habe das vorgetragen um zu verdeutlichen, dass seiner Meinung nach ein neutraler Ermittlungsdruck und ein gewisser Diensteifer geherrscht habe. 

„Ich freue mich über jeden Beamten, der Diensteifer zeigt, sagt Richter Dr. Jürgen Zenkel dazu. Das Gericht werde die Erklärung berücksichtigen.

Vorbericht: Tödlicher Unfall auf der Miesbacher Straße - dritter Verhandlungstag

Am Donnerstag, den 10. Oktober begann der Berufungsprozess um den tödlichen Unfall auf der Miesbacher Straße in Rosenheim. In voraussichtlich sieben Verhandlungstagen wird der Fall am Landgericht Traunstein neu verhandelt. Nach ihren jeweiligen Verurteilungen haben sowohl der Angeklagte aus Kolbermoor, als auch sein Mitangeklagter aus Riedering Berufung eingelegt.

Im Berufungsprozess werden drei Verfahren verbunden: Die beiden gerichtlichen Auseinandersetzungen mit dem Unfall auf der Miesbacher Straße und ein weiteres Verfahren: Der Angeklagte aus Kolbermoor wurde am 3. Dezember 2018 wegen der Teilnahme an einem verbotenen Autorennen vom Amtsgericht Rosenheim verurteilt. Er soll das Rennen nur kurze Zeit nach dem schlimmen Unfall gefahren haben. Auch gegen dieses Urteil hat der Angeklagte Rechtsmittel eingelegt

Angeklagte brechen ihr Schweigen

Nachdem sich beide Männer bei den ersten Prozessen nicht geäußert hatten, brachen sie am ersten Verhandlungstag des Berufungsprozesses ihr Schweigen. Der zweite Verhandlungstag war geprägt von den Aussagen der wichtigsten Zeugen: Gehört wurden der mittlerweile 26-jährige Golf-Fahrer, der mit den Mädchen vom Samerberg kollidierte, seine Beifahrerin und die Beifahrer der Angeklagten. Am dritten Verhandlungstag sagten  hauptsächlich Polizisten aus. Es ging im Wesentlichen um die Frage, ob ein Rennen gefahren wurde oder nicht.

Insgesamt 31 Zeugen sollen bei dem Berufungsprozess gehört werden. Das Urteil wird für Dienstag, 12. November, erwartet.

Schuldspruch vor dem Amtsgericht Rosenheim 

Das Amtsgericht Rosenheim sprach beide Fahrer bei der ersten Verhandlung der fahrlässigen Tötung, Gefährdung des Straßenverkehrs und fahrlässigen Körperverletzung schuldig. Der BMW-Fahrer aus Riedering wurde im März 2019 zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt, der Fahrer aus Kolbermoor im Mai 2018 zu einer Haftstrafe von zwei Jahren ohne Bewährung. Der Autofahrer aus Ulm wurde zu einer 20-monatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Diese ist inzwischen rechtskräftig. Er wird in diesem Prozess jedoch voraussichtlich wieder als Zeuge aussagen müssen.

Bei dem Unfall am 20. November 2016 auf der Miesbacher Straße in Rosenheim wurden z wei junge Frauen tödlich verletzt. Die 15-jährige Ramona D. und die 21-jährige Melanie R. stammten beide vom Samerberg. Ramonas Schwester Lena überlebte den Crash schwerst verletzt.

Die Unfallstelle auf der Miesbacher Straße in Rosenheim. Die weißen Kreuzen haben Unbekannte aufgestellt. Sie sollen die Unschuldigkeit der Opfer erinnern.

Die beiden BMW-Fahrer, gegen die jetzt neu verhandelt wird, sollen den Golf damals absichtlich beim Einscheren nach einem Überholvorgang behindert und so den Horror-Unfall mitverursacht haben. 

**chiemgau24.de berichtet vom Prozess am Dienstag**

jb

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