Fünfter Prozesstag um tödlichen Unfall auf der Miesbacher Straße

Atteste belegen: Angeklagter leidet psychisch sehr

Der Berufungsprozess wird fortgesetzt
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Der Berufungsprozess wird fortgesetzt

Traunstein/Rosenheim - Fast drei Jahre ist es her, dass bei einem Unfall in der Miesbacher Straße zwei junge Frauen getötet wurden. Drei Männer mussten sich vor Gericht verantworten, alle drei wurden verurteilt. Zwei von ihnen gingen in Berufung. Am Dienstag wird der Berufungsprozess fortgesetzt.

Update, 15.57 Uhr: Verhandlung wird am 7. November fortgesetzt

Nun werden ärztliche Atteste des Angeklagten aus Riedering verlesen. Demnach soll sich der Mann nach dem Unfall in sehr schlechter psychischer Verfassung befunden haben, die medikamentös behandelt werden musste. Die Symptome haben sich laut Arztbericht nach der Verhandlung am Amtsgericht drastisch verschlechtert.


Rechtsanwalt Michel stellt am Ende des Tages noch einige Beweisanträge, die unter anderem belegen sollen, dass einer der Ersthelfer in Kontakt zu den Familien der verstorbenen Mädchen gestanden habe. Außerdem sollen einige Zeugen durch den Zeugenaufruf der Polizei und die mediale Berichterstattung beeinflusst worden sein. 

Darüber hinaus sollen alle Fotografien des Fotografen der örtlichen Presse zur Verfügung gestellt werden. Die Verhandlung wird für den heutigen Tag unterbrochen und am Donnerstag, den 7. November, fortgesetzt. Dann soll der von der Nebenklagevertretung beantragte Belastungszeuge gehört und das unfallanalytische Gutachten vorgetragen werden.


Update, 15.08 Uhr: Polizist: "Vor Ort herrschte ein ziemliches Chaos“

Der nächste Zeuge, wieder ein Polizist, war ebenfalls am Unfallort. „Uns war bei Alarmierung schnell bewusst, dass es ein sehr schwerer Unfall sein muss, weswegen wir gleich Unterstützung angefordert haben. Vor Ort herrschte ein ziemliches Chaos.“ Man habe zunächst den Verkehr umleiten und Platz für die Rettungskräfte schaffen müssen, so der Beamte. 

Er habe mit dem Golf-Fahrer gesprochen, der aber auf Grund seines Zustandes keine genauen Angaben habe machen können. „Ich habe bemerkt, dass um den Unfall viele Schaulustige gestanden sind. Erst im weiteren Verlauf wurde mir dann bewusst, dass die Personen möglicherweise am Unfall beteiligt sind. Sie standen teilnahmslos etwa 100 Meter vom Unfallort entfernt.“ 

Bei der späteren Vernehmung eines Beifahrers habe dieser ausgesagt, dass Platz zum Einscheren gewesen und sie mit maximal 80 km/h unterwegs gewesen seien. Haben sich die Angeklagten abgesprochen? Der Beamte habe Informationen, dass es Absprachen zwischen den BMW-Insassen gegeben habe. 

Dies gehe laut seiner Aussage aus nachher ausgewerteten WhatsApp-Verläufen hervor. Die sollen laut dem Polizisten zumindest belegen, dass die Angeklagten während der Vernehmungen in Kontakt gestanden haben. Auf Nachhaken der Verteidigung und des Richters relativierte der Zeuge seine Aussage, dass er nur mutmaße, dass es Absprachen gegeben habe.

Update, 14.28 Uhr: Rechtsanwalt stellt die Aussagen des Polizisten in Frage

Weiter geht es um einen Vorfall in Geiselhöring, der sich ein halbes Jahr nach dem schlimmen Unfall ereignet haben soll. Der Angeklagte aus Riedering sei dort durch einen Kreisverkehr gedriftet. Hierzu ist ein weiterer Polizist geladen, der den Fahrer nach dem Vorfall aufgehalten hat. 

Der sagt aus, dass der Angeklagte bei der Kontrolle zu ihm gesagt haben soll: "Es war nur Spaß". Der Riederinger habe bei der Maßnahme aber dennoch einen schockierten Eindruck auf den Beamten gemacht. 

Rechtsanwalt Dr. Michel stellt die Aussagen des Polizeibeamten in Frage, da bei der Protokollierung Fehler passiert seien. Beispielsweise seien der Ort und die Uhrzeit falsch aufgenommen worden, was der Zeuge bejahte. Der Vater einer der verstorbenen Mädchen will vom Zeugen noch wissen, ob von einem driftenden Fahrzeug eine Gefahr ausgehe. „Natürlich geht davon eine Gefahr aus“, entgegnete der Beamte.

Update, 13.58 Uhr:  Polizist über die Glaubhaftigkeit der Beteiligten

Als nächster Zeuge sagt ein weiterer Polizeibeamter vor der sechsten Strafkammer aus. Der Golf-Fahrer sei psychisch und physisch stark angeschlagen gewesen, als er mit ihm sprach. „Er hat keine ganzen Sätze von sich gegeben, sondern das gesagt, was ihm gerade eingefallen ist“, sagt der Beamte. „Ich fahre auch ein schnelles Auto, die anderen wollten schon was“, verliest Richter Dr. Zenkel eine Aussage des Unfallfahrers.

Dieser soll zudem ausgesagt haben, dass er unter Zeitdruck gestanden habe, weil seine Beifahrerin nach Hause wollte. Er sei nicht reingelassen worden. Die Aussagen des Golf-Fahrers seien für den Beamten absolut glaubhaft gewesen, auch die des Beifahrers des hinteren BMW, den er ebenfalls vernommen hatte.

Und das, obwohl sich die Aussagen unterscheiden. „Sie hatten ja beide andere Sichtwinkel, der Eine von hinten, der Andere von der Seite.“ Richter Dr. Zenkel will abschließend vom Zeugen wissen, woran dieser festmache, dass die Aussagen für ihn glaubhaft seien. „Das ist reines Gefühl. Man achtet auf die Gesamtschau“, sagt der Beamte.

Update, 13.22 Uhr: Zeuge: „Ich habe keinen der Angeklagten als Ersthelfer beobachten können“

Nach der Mittagspause wird ein weiterer Zeuge gehört. Der Polizeibeamte war mit zwei Kollegen als erste Streife am Unfallort. Vor ihm seien schon einige Ersthelfer vor Ort gewesen. „Als ich ankam wurden gerade Reanimationsmaßnahmen an einem der Mädchen durchgeführt“, sagte der Beamte.

Golf-Fahrer sprach von einem Rennen

Er habe an der Unfallstelle mit dem Golf-Fahrer gesprochen. Der habe ihm gegenüber geäußert, dass sich seiner Meinung nach zwei BMWs vor ihm ein Rennen geliefert haben. Er habe deshalb ausweichen müssen, und sei auf die Gegenfahrbahn gekommen.

„Meiner Meinung nach stand der Golf-Fahrer unter Schock.“ Richter Dr. Zenkel hakt nach, ob es überhaupt möglich gewesen sei, den Unfallfahrer zu vernehmen. „Er hat das mehrmals vor sich hin gesagt, bei den weiteren Vernehmungen war ich dann nicht mehr eingebunden.“ Das Gespräch mit dem Golf-Fahrer soll etwa eine Minute gedauert haben. Mit weiteren Personen habe er nicht gesprochen. „Der Unfallfahrer ist dann zusammengebrochen und von Notärzten versorgt worden.“

Rechtsanwalt Baron von Koskull will wissen, ob er die verunglückten Mädchen gekannt habe. Das verneint der Zeuge, er kenne lediglich die Schwester einer der jungen Frauen. „Ich habe keinen der Angeklagten als Ersthelfer beobachten können“, sagt der Beamte auf Nachfrage des Vaters einer der Verstorbenen.

Update, 11.10 Uhr: „Das war ein Kopf-an-Kopf-Rennen.“

„Das war ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Wer schafft es zuerst den Brückenberg rüber?“ sagt ein weiterer Polizeibeamter aus, der das Rennen beginnend in der Äußeren Münchener Straße beobachtet haben soll. 

Er habe sich dann die Kennzeichen notiert. „Einer der beiden BMWs hat sich der Kontrolle entzogen, den anderen haben wir angehalten. Mein Kollege hat dann die Maßnahme an ihm durchgeführt.“ 

Der Angeklagte sei nicht sehr kooperativ gewesen, er habe ein Telefonat geführt aus dem ersichtlich gewesen sei, dass er der Polizei nicht wohlgesonnen ist. Der Richter wollte wissen, was der Anlass für ihn gewesen sei, die BMWs zu verfolgen und anzuhalten. „Die quietschenden Reifen haben meinen Kollegen dazu veranlasst hinterherzufahren und die hohe Geschwindigkeit. Die beiden haben sich duelliert, wer schneller fährt.“

Update, 10.51 Uhr: Autorennen nach dem schweren Unfall? Angeklagter äußert sich

Jetzt geht es um das mutmaßliche Rennen, das der Angeklagte Daniel R. aus Kolbermoor nach dem schweren Unfall gefahren haben soll. Der Mann schildert vor Gericht, wie er die Situation erlebt habe. Ein Rennen leugnet er. Den anderen beteiligten Fahrer, der ihn entlasten könne, wolle er nicht nennen.

Der Vorsitzende Richter konfrontierte den Angeklagten mit der Äußerung, die er bei der Polizei getätigt haben soll: „Jetzt haben sie mir schon wieder den Führerschein genommen, aber das ist mir egal. Ich gebe jetzt meinen Führerschein für 3 bis vier Jahre ab, dann kaufe ich einen Lamborghini und penetriere sie alle.“ „Das mit dem Lambo stimmt, aber den Satz mit dem penetrieren habe ich niemals gesagt“, so der Kolbermoorer.

Das mit dem Lamborghini habe er deshalb gesagt, weil er sauer gewesen und bisher immer mit einem BMW aufgehalten worden sei. Mit einem Lamborghini würde er dann vermutlich nicht mehr aufgehalten werden. Der Beamte, der den Angeklagten aufgehalten hat sagt aus, dass er quietschende Reifen vernommen und zwei BMWs gesehen habe.

Auf Höhe des Brückenbergs sollen diese dann stark beschleunigt haben. „Ich habe die Verfolgung aufgenommen und musste kurzzeitig auf etwa 80 km/h beschleunigen. Ich habe ihn dann als Beschuldigten einer Straftat belehrt, weil meiner Meinung nach ein verbotenes Kraftfahrzeugrennen gefahren wurde. Er hat nur gesagt, dass er das lächerlich findet, mehr wollte er nicht sagen. Während ich die Unterlagen überprüft habe, hat er telefoniert und dann eben diesen Satz mit dem Lamborghini geäußert.“ Das Auto des Angeklagten sei auch nicht verkehrstüchtig gewesen.

Update, 9.31 Uhr: Angeklagter äußert sich zu neuem Belastungszeugen

Am fünften Prozesstag wartet alles gespannt auf einen neuen Belastungszeugen, den der Anwalt der Nebenkläger erst am vergangenen Verhandlungstag angekündigt hatte. Laut Beweisantrag ist der Mann ehemaliger Mitarbeiter im Betrieb des Vaters von einem der beiden angeklagten BMW-Fahrer. 

Der Zeuge soll angeblich einen Tag nach dem Unfall ein Gespräch zwischen den BMW-Insassen mitgehört haben. Die vier sollen davon gesprochen haben, dass sie einen Golf-Fahrer zum Überholen ihrer Autos provoziert hätten, ihn dann nicht überholen ließen und die Lücke zwischen ihren Fahrzeugen dicht gemacht hätten, um den Golf nicht einscheren zu lassen. 

Zeuge sagt erst am Donnerstag aus 

Wie der Vorsitzende Richter, Dr. Jürgen Zenkel, zu Beginn der Verhandlung mitteilte, wird dieser Zeuge erst am Donnerstag, 7. November aussagen. Der Angeklagte BMW-Fahrer aus Kolbermoor bezieht vor Gericht trotzdem Stellung zu den Vorwürfen: „Am nächsten Tag waren wir gar nicht an der Arbeitsstätte, sondern das war der Tag, an dem die Handys sichergestellt wurden“, sagt der Kolbermoorer. Die Handys seien auch der Schwerpunkt des Gesprächs gewesen. „

Dass man an diesem Ort einem Gespräch zuhören, geschweige denn dass überhaupt Absprachen stattgefunden haben, das stimmt hinten und vorne nicht. Es gab keine Absprachen, es ist nur über den Unfall geredet worden“, sagt der Angeklagte. Auf mehrfache Nachfrage des Richters verneint er mögliche Absprachen immer wieder. „Das Unfallgeschehen hat mein Mandant noch in der Nacht bei der Polizei zu Papier gegeben und ist seitdem auch nicht mehr von dieser Aussage abgewichen“, so sein Verteidiger Rechtsanwalt Baron von Koskull. „Eine Absprache wäre ja gar nicht mehr sinnvoll gewesen, da er ja bereits eine Aussage gemacht hat.“

Vorbericht: Fünfter Prozesstag um tödlichen Unfall auf der Miesbacher Straße

Am Donnerstag, den 10. Oktober begann der Berufungsprozess um den tödlichen Unfall auf der Miesbacher Straße in Rosenheim. In voraussichtlich sieben Verhandlungstagen wird der Fall am Landgericht Traunstein neu verhandelt. Nach ihren jeweiligen Verurteilungen haben sowohl der Angeklagte aus Kolbermoor, als auch sein Mitangeklagter aus Riedering Berufung eingelegt.

Im Berufungsprozess werden drei Verfahren verbunden: Die beiden gerichtlichen Auseinandersetzungen mit dem Unfall auf der Miesbacher Straße und ein weiteres Verfahren: Der Angeklagte aus Kolbermoor wurde am 3. Dezember 2018 wegen der Teilnahme an einem verbotenen Autorennen vom Amtsgericht Rosenheim verurteilt. Er soll das Rennen nur kurze Zeit nach dem schlimmen Unfall gefahren haben. Auch gegen dieses Urteil hat der Angeklagte Rechtsmittel eingelegt

Angeklagte brechen ihr Schweigen

Nachdem sich beide Männer bei den ersten Prozessen vor Gericht nicht geäußert hatten, brachen sie am ersten Verhandlungstag des Berufungsprozesses vor der sechsten Strafkammer ihr Schweigen. Der zweite Verhandlungstag war geprägt von den Aussagen der wichtigsten Zeugen: Gehört wurden der mittlerweile 26-jährige Golf-Fahrer, der mit den Mädchen vom Samerberg kollidierte, seine Beifahrerin und die Beifahrer der Angeklagten. Am dritten Verhandlungstag sagten  hauptsächlich Polizisten aus. Es ging im Wesentlichen um die Frage, ob ein Rennen gefahren wurde oder nicht. Am vierten Prozesstag sagten die Ersthelfer aus und ein Beweisantrag der Nebenklagevertreter sorgte für Überraschung.

Insgesamt 31 Zeugen sollen bei dem Berufungsprozess gehört werden. Das Urteil wird für Dienstag, 12. November, erwartet.

Schuldspruch vor dem Amtsgericht Rosenheim 

Das Amtsgericht Rosenheim sprach beide Fahrer bei der ersten Verhandlung der fahrlässigen Tötung, Gefährdung des Straßenverkehrs und fahrlässigen Körperverletzung schuldig. Der BMW-Fahrer aus Riedering wurde im März 2019 zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt, der Fahrer aus Kolbermoor im Mai 2018 zu einer Haftstrafe von zwei Jahren ohne Bewährung. Der Autofahrer aus Ulm wurde zu einer 20-monatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Diese ist inzwischen rechtskräftig. Er wird in diesem Prozess jedoch voraussichtlich wieder als Zeuge aussagen müssen.

Bei dem Unfall am 20. November 2016 auf der Miesbacher Straße in Rosenheim wurden z wei junge Frauen tödlich verletzt. Die 15-jährige Ramona D. und die 21-jährige Melanie R. stammten beide vom Samerberg. Ramonas Schwester Lena überlebte den Crash schwerst verletzt.

Die Unfallstelle auf der Miesbacher Straße in Rosenheim. Die weißen Kreuzen haben Unbekannte aufgestellt. Sie sollen die Unschuldigkeit der Opfer erinnern.

Die beiden BMW-Fahrer, gegen die jetzt neu verhandelt wird, sollen den Golf damals absichtlich beim Einscheren nach einem Überholvorgang behindert und so den Horror-Unfall mitverursacht haben. 

**chiemgau24.de berichtet vom Prozess am Dienstag**

jb

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