Doppelmord von Aschau

"Das in Aschau war für mich keine Straftat!"

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Traunstein - Ein 58-Jähriger steht seit dem Vormittag vor dem Landgericht. Er soll an Pfingsten 2014 ein Ehepaar in Aschau getötet haben. Was am ersten Prozesstag alles passierte:

UPDATE 17.55 Uhr: Weitere Zeugen gehört

Vier weitere Zeugen machten zum Ende des ersten Prozesstages noch Angaben zur Sache. Einer der Beamten schilderte die Suche nach den Opfern, auch in der Samerberger Filze. "Hätten die beiden noch gelebt, hätte er uns auch schon vorher was gesagt", schätzte der Polizist Josef O. im Nachhinein ein. Für die Beamten soll zum Zeitpunkt der Suche noch nicht klar gewesen sein, ob das Rentner-Ehepaar noch am Leben war.

Mit den Worten "Ich bin im Grunde ein ehrlicher Mensch" und "das in Aschau war für mich keine Straftat" endete der erste Verhandlungstag am Donnerstag. Die Behandlung ihm gegenüber durch die Justiz im Betreuungsfall seiner Mutter habe Josef O. zu seinen Taten getrieben.

Nach der kurzen Stellungnahme des Angeklagten unterbrach Erich Fuchs die Hauptverhandlung. Der Prozess wird am 5. Februar ab 9 Uhr in Traunstein fortgesetzt.

UPDATE 16.55 Uhr: Messer zum Selbstschutz?

Mit Detailfragen zum Nachgang der zweiten Tat seitens der Staatsanwaltschaft wurde die Verhandlung gegen Josef O. vor der 5. Strafkammer am Landgericht in Traunstein nach der Mittagspause fortgesetzt.

"Das macht doch gar keinen Sinn, was Sie sagen", erwiderte der Angeklagte auf die Fragen, ob eine konkrete Tötungsabsicht bereits bei der Planung des Raubes in Aschau bestand. Das Messer habe er lediglich mitgeführt, um sich selbst zu schützen. "Es sollte nicht dasselbe passieren wie in Brannenburg", so Josef O. Weiter versuchte er im Anschluss wieder die entzogene Betreuung seiner Mutter und den daraus resultierenden Druck auf seine Psyche für die Taten in Brannenburg und Aschau verantwortlich zu machen: "Ohne Entzug wäre es zur zweiten Tat erst gar nicht gekommen", erklärte er abschließend.

Nachdem die Verfahrensbeteiligten zu diesem Zeitpunkt keine Fragen mehr an den Angeklagten hatten, stieg Richter Erich Fuchs in die Beweisaufnahme ein. Als erster Zeuge machte ein Sachbearbeiter der Polizei Angaben zum Fall des Ehepaars. Nach der Alarmierung und bei der Durchsuchung des Hauses in Aschau hatten die Beamten Blutspuren und ein gewaltsam geöffnetes Fenster auf der Rückseite des Gebäudes entdeckt. "Somit musste von einem Verbrechen ausgegangen werden", bestätigte der Beamte. Umgehend wurde die Überwachung der Geldkarten in die Wege geleitet.

Bereits einen Tag nach der Tat konnte die Polizei einen erste Treffer vermelden. Mit den gestohlenen Karten wurden 2.000 Euro im Rosenheimer Stadtgebiet abgehoben. Nach einer erneuten Abhebung am darauf folgenden Tag, erfolgte dann bereits der Zugriff auf dem Ludwigsplatz. Ein Mann aus dem Rosenheimer Banhofsmilieu konnte festgenommen werden. Er gab an, von einem Unbekannten zur Beschaffung des Geldes am Automaten beauftragt worden zu sein. Der Mittelsmann führte dann die Beamten zum vereinbarten Übergabeort mit "Mike aus Traunstein".

Josef O. konnte in Gewahrsam genommen werden und wurde bald darauf verhört. Zuerst präsentierte er den Polizisten eine "abwegige Geschichte",  so der Beamte. Zwei unbekannte Männer hätten ihm die EC-Karten als Dank für das Auskundschaften des Hauses in Aschau überlassen. In einer späteren Vernehmung gestand Josef O. dann die Tat. Bereits zum damaligen Zeitpunkt soll er aber immer wieder die Geschichte um den Betreuungsentzug seiner Mutter als Motiv und Ursache für das Geschehen angeführt haben. Unmittelbar nach der Festnahme habe er hingegen von einem "starken, finanziellen Druck" gesprochen, so der Sachbearbeiter der Polizei.

Warum Josef O. einen Dachgepäckträger zum Einbruch ins Haus verwendet hatte, konnte der Beamte nicht nachvollziehen, zumal in der unmittelbaren Nähe des Gebäudes auch Scheit-Holz gelagert wurde. Eine Analyse des Tatwerkzeugs durch die Spurensicherung konnte Blutspuren auf dem Dachgepäckträger nachweisen. Anzeichen für eine vorangegangene Durchsuchung des Hauses durch den Angeklagten konnten nicht festgestellt werden.

Weiter haben auch die Beamten der Polizei im Zuge der Ermittlungen die finanziellen Hintergründe des Angeklagten genauer unter die Lupe genommen. "Es fällt auf, dass immer wieder Geldmittel an die Ehefrau geflossen sind", erklärte ein Zeuge. Des weiteren wurden viele Anzeichen für einen "sehr hohen Lebensstandard", zum Beispiel mehrere Rolex-Uhren und ein teurer SUV, festgestellt. Anzeichen für einen Drogen- oder Medikamenten-Missbrauch seien nicht aufgetaucht.

Nach einer kurzen Pause sollen noch weitere Zeugen, vornehmlich Beamte der Kripo Rosenheim, als Zeugen vernommen werden.

UPDATE 13.20 Uhr: Der Angeklagte beschreibt die Tat

Nach der kurzen Unterbrechung machte Josef O. dann doch Angabenzu den Gründen und dem Motiv, warum er in Brannenburg eine Frau und ihre Mutter Ende 2013 überfallen und beraubt hatte.

"Das Maß war einfach voll!", umriss Josef O. seine geistige Verfassung am Tag der ersten Tat. Er machte weiter seine "jahrelangen, psychischen Probleme" und seine "Unfähigkeit Druck auszuhalten" für die Geschehnisse verantwortlich. Die angestauten Gefühle hätten sich ventilartig gelöst. "Irgendwas stimmt mit mir nicht", ergänzte Josef O., der kurz nach der Tat einen Arzt aufgesucht haben will. Geld soll keine Rolle bei der Begehung der Tat gespielt haben.

Mit einem Küchenmesser bewaffnet soll der Angeklagte in die Wohnung in Brannenburg eingedrungen sein. Mit dabei hatte er eine Flasche, in der Schlaftabletten gelöst waren. Während er mit dem Messer die Herausgabe der EC-Karte und der PIN-Nummer erzwang, ließ er die jüngere der beiden Frauen die mitgebrachte Flüssigkeit trinken, in der Hoffnung dann besser fliehen zu können. Danach fuhr Josef O. nach Happing, um Geld vom Konto seiner Opfer abzuheben. Die Beute aus dem ersten Tatkomplex soll sich auf 1.200 Euro belaufen.

Als Motiv für seine zweite Tat, den Einbruch in Aschau und den Angriff auf das Rentnerehepaar, machte Josef O. im Grunde die selben Auslöser verantwortlich. Zusätzlich soll ihm zwischenzeitlich, nach der ersten Tat, eine Klage in Höhe von 270.000 Euro im Zusammenhang mit der Betreuung seiner Mutter angedroht worden sein. "Es gab kein Halten mehr", erklärte der Angeklagte. Bereits vor dem Tattag an Pfingsten 2014 sei er in Aschau gewesen und hatte das Grundstück des Arztes ausgekundschaftet. "Da habe ich mich noch steuern können."

Der Druck habe sich erst am nächsten Tag entladen. "Ich habe mich ausgezeichnet mit ihm verstanden. Das ist das Schlimme", erklärte Josef O. über seinen ehemaligen behandelnden Arzt. Er sei ins Haus des Ehepaars mit Hilfe eines Dachgepäckträgers eingebrochen. Beim Durchsuchen des Kellers habe er dann Geräusche an der Tür gehört und sei in Panik geraten. Er habe die Wohnung betreten und das Ehepaar im Esszimmer vorgefunden. Beide seien bei seinem Anblick erschrocken. Umgehend habe er die EC-Karte und die zugehörige Geheimzahl gefordert.

Als das Paar anfängt, sich gegen den Raub zu wehren und aufstehen will, habe Josef O. die Frau weggeschubst und sei ins Schlafzimmer zu seinem Rucksack gelaufen. Neben dem Dachgepäckträger hatte Josef O. auch ein Messer mit nach Aschau gebracht. "Danach ist es zum Kampf gekommen", so der Angeklagte. Mit dem Gepäckträger habe er dann auf den Kopf der Frau, die ihn ins Schlafzimmer verfolgt hatte, eingeschlagen. Die Frau soll sofort umgefallen sein.

Der Arzt habe sich zu diesem Zeitpunkt im Flur befunden. Auch ihn will Josef O. mit dem Dachträger geschlagen haben. "Die Schläge können aber nicht so fest gewesen sein, weil ich da schon das Messer in der Hand hatte", so der Angeklagte. Kurz darauf habe er den Dachträger fallen lassen und mehrmals auf den Arzt eingestochen. "Ich glaube, er hat mich nicht erkannt."

"Ich habe dann die Katastrophe gesehen", erklärt Josef O. weiter. Er habe eine halbe Stunde überlegt. Mit allen Maßnahmen, die danach noch folgten, habe er hauptsächlich den Verdacht von sich ablenken wollen. "Ich habe den Mann ins Auto gesetzt, die Frau in den Kofferraum", bestätigt Josef O. In der Wohnung habe er anschließend "sauber gemacht". Die Leichen des Rentnerpaars legte er dann im Anschluss auf dem Samerberg ab, das Auto stellte er wieder nach Aschau zurück.

"Es tut mir von Herzen leid, ich kann es leider nicht mehr gut machen", richtete Josef O. sein Wort an die Angehörigen. In Zusammenarbeit mit einem "Mann aus dem Trinkermilieu" habe er dann vom Konto der beiden Rentner noch 4000 Euro abheben können. Die Verhandlung wurde erneut unterbrochen. Sie wird ab 14 Uhr fortgesetzt.

UPDATE 11.43 Uhr: Der Angeklagte verliert die Beherrschung

Mit knapp einer halben Stunde Verspätung eröffnete der Vorsitzende Richter Erich Fuchs die Verhandlung gegen den 58-jährigen Angeklagten aus dem Inntal mit Verlesung der Anklageschrift. Neben zweifachem Mord wird dem Mann schwere räuberische Erpressung, gefährliche Körperverletzung und Computerbetrug vorgeworfen.

Der 58-jährige Angeklagte.

Josef O. machte Angaben zu seiner Person und seiner Vorgeschichte. Aufgewachsen im Landkreis Traunstein machte der Angeklagte nach der Schulzeit eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann. Anschließend absolvierte er seinen Wehrdienst in Bad Reichenhall. Was in den fünf Jahren zwischen dem Ende seiner Zeit bei der Bundeswehr und dem Dienstbeginn als Justizvollzugsbeamter passierte, wollte Josef O. nicht bekanntgeben. Er gab lediglich an, nach einem traumatischen Ereignis schwere Depressionen erlitten zu haben und auch einen Selbstmordversuch begangen zu haben. "Das ist mein Problem," erwiderte Josef O. auf die Nachfragen des Richters.

Nachdem er dann Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre aufgrund anhaltender psychischer Probleme für dienstunfähig erklärt worden sei, verbrachte Josef O. seine Zeit dann ab der Jahrtausendwende zusammen mit seiner Frau im Inntal. "Mir gefällt nicht, wie Sie ihre Fragen stellen", unterbrach Josef O. dabei die Befragung durch Richter Fuchs. Dieser konnte dem Angeklagten jedoch klar machen, dass die Angaben zur Beurteilung der Persönlichkeit wichtig seien.

Durch Börsenspekulationen gab der Angeklagte an, zwischenzeitlich rund eine Million Euro angehäuft zu haben. Damit habe er einen Kredit seiner Mutter abgelöst, der zum Hauskauf verwendet wurde. Bereits damals sei er zum ersten Mal in Kontakt mit dem späteren Opfer, dem Arzt aus Rosenheim, gekommen, bei dem er sich in psychischer Behandlung befand.

Fragen nach dem Weg von einem hohen, vierstelligen Einkommen, unbelasteten Immobilien, einem Luxuswagen und einem "höheren Lebensstandard" zur damaligen Zeit, hin zu späteren Kreditaufnahmen, unter anderem einer Grundschuld in Höhe von 350.000 Euro, wollte Josef O. nicht beantworten. Auf die Nachfragen des Gerichts, für was er das Geld verwendet hatte, antwortete er wiederholt mit "Das weiß ich nicht mehr."

Ab dem Jahr 2012 habe sich dann der Zustand seiner Mutter rapide verschlechtert. Anfang 2013 habe er sich dann entschieden, seine an Demenz erkrankte Mutter zuhause im Inntal zu pflegen. Kurze Zeit später sei ihm dann vom Amtsgericht die Entziehung der Betreuung angedroht worden. Steuerschulden, langjährige Beschäftigungslosigkeit und Unterschlagung von Geldern sollen der Grund dafür gewesen sein. Josef O. vermutete hinter den Vorgängen ein Komplott eines Verwandten: "Der Typ hat mich gehasst" und "Ich wollte doch nur meiner Mutter alles zurückgeben!" so der Angeklagte.

Mit seiner psychischen Verfassung soll es dabei zunehmend schlechter ausgesehen haben. Schließlich soll ihm die Betreuung dann auch mit der Begründung entzogen worden sein, nicht mit der Situation fertig zu werden. Die gegen ihn vorgebrachten Vorwürfe hätten eine Pflege unmöglich gemacht, so Josef O.

Dann brach es aus dem Angeklagten heraus: "Der Mensch hat mein Leben ruiniert! Das ist ein Skandal!" machte er den Beamten des Betreuungsgerichts verantwortlich. "Ihr seid doch alle wahnsinnig" schrie er, bevor ihn die Staatsanwaltschaft beruhigen konnte. Ob diese Rage oder doch finanzielle Motive der Grund für seine erste Tat in Brannenburg gewesen sei, beantwortete Josef O. nicht. Die Verhandlung wurde kurze Zeit später von Richter Erich Fuchs unterbrochen.

Vorbericht:

Am Donnerstag startet der Prozess gegen den heute 58-jährige Angeklagte, der Pfingsten 2014 ein Ehepaar in Aschau ermordet haben soll. Nach einer umfangreichen Erbschaft soll der Mann dann seinen Dienst beim Staat beendet und zu seiner Frau ins Inntal gezogen sein. Die Staatsanwaltschaft in Traunstein konnte nach ihren Ermittlungen, zusätzlich zum vermeintlichen Mord am Rentnerehepaar, eine weitere Tat mit dem Angeklagten in Verbindung bringen.

Bereits im November 2013 soll der Ex-Beamte versucht haben, auf illegale Weise an Geld zu kommen. Aufgrund von DNA-Spuren an einem Tatort in Brannenburg, konnte die Kriminalpolizei dem ehemaligen Justizvollzugsbeamten eine Verwicklung in einen Raubüberfall auf zwei Frauen nachweisen. Mit einem Küchenmesser bewaffnet soll der Täter damals eine 58-jährige Frau und ihre 87-jährige Mutter zur Herausgabe der EC-Karte samt PIN gezwungen haben. Insgesamt soll der vermummte Täter so 1.200 Euro erbeutet haben.

Angriff auf Rosenheimer Ehepaar in Aschau

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Pfingsten 2014 soll der Angeklagte dann erneut zugeschlagen haben. Nachdem er in das Haus des Rentnerpaares auf der Suche nach Geld und Wertgegenständen eingebrochen war, soll er beide überrascht und mit einem Dachgepäcktrager und einem Küchenmesser getötet haben. 

Bereits einen Tag später soll ein Mittelsmann mit der gestohlenen Karte des Ehepaars eine Abhebung am EC-Automat versucht haben. Beim zweiten Abhebeversuch konnte der Gehilfe des Angeklagten festgenommen werden. Er führte die Beamten dann schließlich zu einem Treffen mit dem heute 58-jährigen Angeklagten.

Bei den Vernehmungen des damals Tatverdächtigen am Nachmittag des 13.Juli gestand dieser, das Ehepaar in Aschau getötet zu haben und führte die Kriminalbeamten der SOKO "Amsel" zum Ablageort der Leichen auf dem Samerberg.

Der Prozess gegen den ehemaligen Justizvollzugsbeamten vor der 5. Strafkammer beginnt am Donnerstag ab 9 Uhr am Landgericht in Traunstein. chiemgau24.de ist beim Prozess im Gerichtssaal und berichtet live vom Fortgang der Verhandlung.

Bilder aus dem Archiv

Der Fundort der Leichen

Leichenfund am Samerberg

Der mutmaßliche Tatort

Rentner-Ehepaar umgebracht 

Die Fahndungsfotos der Polizei

Doppelmord: Wer hat diese Fahrzeuge gesehen?

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