Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Prozess gegen „falschen Rosenheimer Impfarzt“ am Landgericht

Expertin stellt klar: Keine Gefahr für Impflinge durch Stefan H.s HIV-Infektion 

Der Angeklagte, der in Rosenheim als „falscher Impfarzt“ arbeitete vor dem Landgericht in Traunstein. Links im Bild Verteidigerin Carolin Arnemann.
+
Der Angeklagte, der in Rosenheim als „falscher Impfarzt“ arbeitete vor dem Landgericht in Traunstein. Links im Bild Verteidigerin Carolin Arnemann.

Er soll sich als Arzt ausgegeben und hunderte Menschen im Landkreis Rosenheim gegen das Coronavirus geimpft haben - am Donnerstag wird der Prozess gegen Stefan H. (50) am Landgericht in Traunstein fortgesetzt.

Update, 16.11 Uhr - Keine Gefahr für Impflinge durch Stefan H.s HIV-Infektion 

Welche Gefahr ging von Stefan H.s HIV-Infektion für die Impflinge aus? Diese Frage soll nun die Sachverständige Gabriele Birkenfeld klären, die lange eine HIV-Klinik in München leitete - und ihre Einschätzung ist eindeutig: „Eine Viruslast der HIV-Krankheit war zum Tatzeitpunkt beim Angeklagten nicht nachweisbar“, bei seinen Tätigkeiten im Impfzentrum habe für die Menschen „keine Gefahr“ bestanden.
 
Sogar bei einer Mund-zu-Mund-Beatmung im Falle eines Notfalls im Impfzentrum sei eine Virusübertragung äußerst unwahrscheinlich gewesen, so die Gutachterin. Es hätte, wenn dann schon eine direkte Übertragung einer nicht-geringen Menge Blutes gebraucht, um einen Impfling anstecken zu können. In der Konstellation im Impfzentrum Rosenheim sei das „nahezu undenkbar“ gewesen, so Birkenfeld.

„Es wird allgemein völlig überschätzt, wie übertragbar HIV ist“, klärt die Sachverständige auf. Bei geringer Viruslast dürften HIV-positive Menschen auch im Klinik- oder Gesundheitsbereich die allermeisten Tätigkeiten übernehmen. Weltweit seien bisher nur vier Fälle dokumentiert, in denen Ärzte oder Krankenpfleger ihre Patienten mit dem HI-Virus ansteckten. Die Verteidigung sieht sich bestätigt: „Wir sehen also, HIV spielt für diesen Prozess keine Rolle.“

Die Verteidigung versuchte bereits zu Prozessbeginn, die HIV-Infektion von Stefan H. nicht publik werden zu lassen. Die Vorsitzende Richterin Aßbichler thematisierte es dann doch öffentlich, was bei den Anwälten für großen Unmut sorgte. Denn eines der Hauptargumente der Verteidigung lautet: Die überwiegende Mehrheit der Impflinge habe kein Problem damit, dass sie von jemandem gegen das Coronavirus geimpft wurden, der sich nur als Arzt ausgab.

Der Prozess ist für heute beendet und wird am 10. März vor dem Traunsteiner Landgericht fortgesetzt. 

Update, 15 Uhr - Über Stefan H. wurde in Rosenheim schon „gemunkelt und getuschelt“

Die nächste Zeugin, die mit dem „falschen Impfarzt“ zusammenarbeitete und ebenfalls schnell skeptisch wurde. Die Krankenschwester impfte unter der Aufsicht von Stefan H. im Rosenheimer Impfzentrum. „Schon nach dem dritten oder vierten Impfling dachte ich mir, er hat Lücken“, so die Zeugin. Er habe viel nachfragen müssen und habe ein Medikament, das schon seit 30 Jahren am Markt sei, nicht gekannt.

Außerdem fiel ihr auf: Mal habe sich der Angeklagte als „Psychologe“ vorgestellt, mal als „Psychiater“ - „über ihn wurde im Impfzentrum schon gemunkelt und getuschelt“, so die Krankenschwester. Kolleginnen von ihr hätten bereits begonnen, im Internet zu recherchieren, ob es sich bei Stefan H. wirklich um einen Arzt handle. Sie sagt aber auch: „Er war sehr fürsorglich und den Menschen zugewandt.“

Am heutigen Prozesstag wird noch eine Gutachterin erwartet, die lange eine HIV-Klinik in München leitete. Denn am ersten Prozesstag wurde publik, dass der Angeklagte HIV-positiv ist. Sie wird dem Landgericht Auskunft darüber geben, ob bzw. wie ansteckend Stefan H. für die Impflinge gewesen wäre. 

Update, 11.35 Uhr - „Das kam mir komisch vor“

Nach zwei krankheitsbedingt abgesagten Verhandlungstagen wird der Prozess gegen den „falschen Impfarzt“ jetzt in Traunstein fortgesetzt. Die bisherigen Zeuginnen assistierten oder begleiteten ihn beim Impfen - und zum Teil wunderten sich die Frauen: „Er kannte ein Medikament nicht, ein Herzmittel, das alle anderen Ärzte eigentlich kannten. Danach hat er an seinem Handy gesucht“, so eine medizinische Unterstützungskraft.
 
Aber das war noch nicht alles: Eine Patienten horchte der Angeklagte mit dem Stethoskop ab, habe aber an falschen Stellen damit angesetzt, so die Zeugin. Und bei einer Patienten, die im Sterben lag, sei Stefan H. unsicher gewesen, was zu tun sei. „Er hat dann nur eine halbe Dosis verimpft“, so die Zeugin, „das kam mir komisch vor. Ich dachte mir: entweder ganz oder gar nicht.“
 
Auch ein junger, angehender Notfallsanitäter ist als Zeuge geladen, der im Rosenheimer Impfzentrum unter der Aufsicht von Stefan H. Spritzen setzte. „Mir ist aufgefallen, dass er nicht selbst impfen wollte und einen Assistenten gesucht hat, der das für ihn macht.“ Sonst fiel ihm nichts Negatives auf: „Er konnte es gut überspielen, weil er mit den Leuten so viel geredet hat. Es hat immer ewig gedauert, bis wir zum Impfen gekommen sind.“
 
Diesen Eindruck hatten auch zwei andere Zeuginnen, die mit ihm arbeiteten: Wirkliche Beschwerden und Auffälligkeiten habe es nicht gegeben, aber er sei freundlich gewesen und habe sich mit den Impflingen verhältnismäßig viel Zeit gelassen. 

Erstmeldung

Landkreis Rosenheim/Traunstein - Nach drei Wochen Verhandlungspause - die letzten beiden Prozesstage fielen krankheitsbedingt aus - wird am Donnerstag (3. März) ab 9 Uhr wieder gegen Stefan H. verhandelt. Als „falscher Impfarzt“ soll er hunderte Menschen im Landkreis Rosenheim geimpft haben, obwohl er gar kein Arzt war. Mit einer gefälschten Approbationsurkunde soll er sich den gut dotierten Job erschlichen haben. Am ersten Verhandlungstag legte der 50-Jährige über seine Verteidiger bereits ein Teilgeständnis ab.

Landgericht Traunstein: Prozess gegen „falschen Impfarzt“ in Rosenheim

„Er hatte das Gefühl, dass er als Impfarzt aufblüht. Ihm ging es dabei gut, er fühlte sich gebraucht. Es löste ein Glücksgefühl in ihm aus“, erklärte Verteidigerin Carolin Arnemann. Das Geld habe eine untergeordnete Rolle für den Angeklagten gespielt. Über 20.000 Euro wären ihm für seine Arbeit im Februar und März 2021 zugestanden. Die Anwälte argumentierten außerdem, dass die meisten Impflinge kein Problem damit hätten, dass Stefan H. gar kein richtiger Arzt ist. Jedoch wurde am ersten Verhandlungstag durch das Gericht auch bekannt, dass der Angeklagte HIV-positiv ist. Diese Tatsache wollten die Verteidiger eigentlich möglichst vor der Öffentlichkeit verschweigen.

Stefan H. flog auf, weil ein Arzt, der vom Angeklagten in Rosenheim den Stich bekam, stutzig wurde: „Ihm fiel auf, dass er schon einfachste Fragen nicht beantworten konnte“, so eine Kriminalpolizistin als Zeugin am ersten Prozesstag. Der Arzt habe sich dann bei der Bayerischen Landesärztekammer beschwert und in der Folge wurde bekannt, dass der 50-Jährige gar kein Arztzeugnis besaß. Angeklagt ist er unter anderem wegen 1450 Fällen von Körperverletzung. Schäden trug nach derzeitigem Stand aber wohl keiner der Impflinge davon. Bei mindestens 306 Personen habe er die Spritze selbst gesetzt, sowohl im Impfzentrum Rosenheim, als auch in Heimen. Bei 1144 Personen habe er nur Leitung und Aufsicht inne gehabt.

rosenheim24.de berichtet aktuell aus dem Landgericht Traunstein.

xe

Kommentare