Zwei Angeklagte vor dem Landgericht Traunstein

Zwangsprostitution in Rosenheim: Urteil gefallen

+
Die beiden Angeklagten (links, weißes Hemd und rechts, schwarzes Hemd) und ihr Übersetzer (mitte, grüne Jacke) am Landgericht Traunstein. 
  • schließen

Rosenheim/Traunstein - Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft Traunstein soll im Sommer 2016 in einem Rosenheimer Rotlicht-Etablissement schwerer Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung stattgefunden haben. Zwei Angeklagte müssen sich nun vor dem Landgericht verantworten.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Im Sommer 2016 soll in einem Rosenheimer Rotlicht-Etablissement schwerer Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung stattgefunden haben.
  • Zwei Angeklagte müssen sich nun vor dem Landgericht Traunstein verantworten.
  • Laut dem Opfer hätten diese Druck auf sie ausgeübt, um sie zur Prostitution zu zwingen.
  • Der Sohn des Opfers befand sich bei Verwandten der Angeklagten.
  • Der Vorwurf, einer der Angeklagten habe die Frau auch vergewaltigt, konnte nicht bewiesen werden.
  • Das Gericht schlug bereits einen Vergleich vor, den aber die Staatsanwaltschaft ablehnte.
  • Die Angeklagten räumten einige der Vorwürfe ein.
  • Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu zwei Jahren auf Bewährung, die Angeklagte zu einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung.

Update, 17.25 Uhr: Urteil gefallen

"Die Angeklagten sind schuldig des schweren Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Man hat die Geschädigte zur Prostitution veranlasst um sich persönlich zu bereichern." Das Gericht verurteilt den Angeklagten daher zu zwei Jahren auf Bewährung, die Angeklagte zu einem Jahr und neun Monaten Bewährung. Haupttäter sei für das Gericht der Angeklagte, für den die Angeklagte der Handlanger gewesen sei.

Update, 16.50 Uhr: Plädoyers

Nach Staatsanwältin Bachmayr habe sich die Anklage bis auf den Vergewaltigungsvorwurf im Wesentlichen bestätigt. Sie sehe die Situation der Geschädigten als sehr bedrohlich an. "Sie ist in einem fremden Land, spricht die Sprache nicht. Es gibt keinen Grund die Situation hier zu verharmlosen, bloß weil dem Sohn nichts passiert ist." Das Verhalten der Angeklagten vor Gericht sei teilweise eine Frechheit gewesen. "Die ganze Zeit wurde gegähnt oder gelacht, die Angeklagten haben glaube ich den Ernst der Lage nicht erfasst." Bachmayr fordert drei Jahre Haft für den Angeklagten und zwei Jahre Bewährung für die Angeklagte.

Plädoyer Verteidigung

Rechtsanwalt Otten: "Wenn es keine Unrechtseinsicht gäbe, gäbe es kein Geständnis." Er wolle das nicht kleinreden, man müsse jedoch auch die bisherige Haftzeit und andere Fälle berücksichtigen. Otten hält einen Strafrahmen von 1,5 Jahren unter Straffortsetzung auf drei Jahre Bewährung für tat- und schuldangemessen. Rechtsanwalt Sachse schließt sich seinem Kollegen an.

Verteidiger Peter Pospisil teilte mit, dass an seiner Mandantin das Ganze nicht spurlos vorüber gegangen sei, wie von der Staatsanwältin behauptet. Er geht auch auf die besondere Haftempfindlichkeit ein und sehe das vollumfängliche Geständnis als Strafzumessungsgrund an. Er fordert ein Jahr Freiheitsstrafe, ausgesetzt zur Bewährung. Er bitte von Bewährungsauflagen abzusehen und den bestehenden Haftbefehl auszusetzen.

Rechtsanwalt David Kolostori ergänzte, dass das Gericht ohne das Geständnis der Angeklagten erhebliche Schwierigkeiten bei der Tataufklärung bekommen hätte. Er ist der Auffassung dass es sich hier um einen minder schweren Fall handle und fordert ein Jahr Freiheitsstrafe ausgesetzt zur Bewährung.

Das letzte Wort der Angeklagten

Die Angeklagten schließen sich den Worten ihrer Verteidiger an. Das Gericht zieht sich nun zur Beratung zurück, ein Urteil wird noch heute erwartet.

Update, 16.20 Uhr: Angeklagte räumen Vorwürfe ein

Die Verteidigung und die beiden Angeklagten stimmen dem Vergleichsvorschlag zu, die Staatsanwaltschaft nicht. Die Einigung kommt also nicht zustande.

Rechtsanwalt Frank Otten gibt nun für den Angeklagten eine Erklärung ab. Sein Mandant bestätige, dass man der Geschädigten eine Arbeit und Unterkunft in Deutschland in Aussicht gestellt habe, während seine Mutter sich um den Sohn des Opfers kümmerte. Auf dem Weg nach München habe man ihr mitgeteilt, dass es sich nicht um eine haushälterische Tätigkeit, sondern um die Arbeit in einem Club handle. Die Geschädigte habe jedoch die ganze Zeit über Kontakt zu ihrem Kind halten können. 

Als Druckmittel habe ausgereicht, dass man ihr mitgeteilt habe, sie solle an ihr Kind denken, das in Bulgarien schließlich auch Kosten verursache. Als sich die Tätigkeit in München als nicht mehr lukrativ herausstellte, sei man nach Rosenheim gewechselt. Zu diesem Zeitpunkt war der Angeklagte bereits wieder in Bulgarien, was weiteren Druck bezüglich des Kindes für das Opfer bedeutet habe.

Update, 15.25 Uhr: Vergewaltigung nicht nachweisbar

Nachdem die Verteidiger, Rechtsanwalt Peter Pospisil aus München, Rechtsawalt David Kolostori aus Osnabrück, Rechtsanwalt Frank Otten aus Osnabrück und Rechtsanwalt Hans Sachse aus Rosenheim das Rechtsgespräch mit dem Gericht suchten, verkündet Richter Erich Fuchs, dass die Vergewaltigung als nicht nachweisbar erscheine. 

"Nach Aktenlage und unter Berücksichtigung der bisherigen Beweisaufnahme wird der Strafrahmen im Falle eines Menschenhandels beim Angeklagten auf drei Jahre und bei der Angeklagten auf zwei Jahre zur Bewährung festgesetzt", sagte Fuchs. Die Verteidigung fordert für beide Bewährung. Im Falle eines Geständnisses des Menschenhandels werde für beide Angeklagte von der Kammer ein Strafrahmen von 1,5 bis zu zwei Jahren, die jeweils zur Bewährung ausgelegt werden kann, festgesetzt. 

Die Verfahrenseteiligten ziehen sich nun erneut zur Beratung zurück.

Update, 14.25 Uhr: Opfer fürchtete um ihren Sohn

"Kümmere dich gut um unseren Sohn, weil wir uns um deinen Sohn kümmern", habe der Vater des Angeklagten zur Geschädigten bei der Abfahrt nach Deutschland gesagt. Zunächst habe sie das nicht als Drohung gesehen, als sie dann aber nach und nach erfahren habe, dass der Vater des Beschuldigten gefährlich sei, habe sie die Drohung verstanden. Sie habe den Angeklagten um alles bitten müssen, ob sie etwas essen dürfe oder duschen. 

"Er ist der Gott", so die Geschädigte. "Ich wurde erst von ihm vergewaltigt und dann auf den Strich geschickt." Zum Sex mit dem Angeklagten sei es gekommen, damit er das bekomme, was er wollte und die Geschädigte dann ihre Ruhe habe. "Ich habe mich hilflos gefühlt, ich war angewidert." Auf Nachfrage des Richters habe sie dem Beschuldigten nicht den Eindruck vermittelt, sie habe das freiwillig gemacht.

Die Verteidiger und das Gericht ziehen sich nach der Mittagspause zu einem Rechtsgespräch zurück.

Update, 13.10 Uhr: Opfer sagt weiter aus

Nach einer kurzen Unterbrechung wird die Hauptverhandlung fortgesetzt.

Nun sagt das 29-jährige Opfer vor Gericht aus. Sie kenne die Angeschuldigten sehr gut. Zunächst sei es eine ganz normale Freundschaft gewesen. Zwei Jahre habe sie fast gar keinen Kontakt zu den Angeschuldigten gehabt, bis es zu Problemen mit ihrem Exfreund gekommen sei. Die Angeschuldigten hätten daraufhin ihr Vertrauen gewonnen, sie habe gedacht, sie würden ihr helfen. 

Sie hätte zu diesem Zeitpunkt nicht die finanziellen Mittel gehabt irgendwo neu anzufangen, weswegen sie zu ihrer Freundin ging, bei der sie wohnen konnte. Auch habe sie Kontakt zu den Eltern des Angeklagten gehabt, die sich sehr gut um ihren Sohn gekümmert hätten. Die Idee sei aufgekommen, dass sie nach Deutschland gehen könnte. Sie habe dies als einzige Möglichkeit gesehen, sich aus ihrer finanziellen Notlage zu befreien. 

Der Angeklagte habe ihr angeboten, dass sie für drei Monate als Reinigungskraft für etwa 40 Euro pro Tag in einem Hotel in München arbeiten und in einer kleinen Pension wohnen könnte. Die Angeschuldigten seien mitgefahren, da sie in Deutschland Verwandte hätten. Ihren Sohn habe sie erst einmal nicht in ein fremdes Land mitnehmen wollen, weil sie nach drei Monaten wieder nach Hause kommen wollte. Die Eltern des Angeklagten hätten sich laut der Geschädigten um ihren Sohn während dieser Zeit kümmern wollen.

Die Angeschuldigten hätten ihr dann auf dem Weg nach Deutschland mitgeteilt, dass sie ihr Geld nicht als Putzkraft, sondern als Prostituierte verdienen solle. Sie habe sich dann gefügt, da sie sich in der Schuld der Angeklagten gefühlt habe, weil sie schon so viel für sie und ihren Sohn getan hätten, sie sei verängstigt gewesen. Sie wisse nicht mehr, ob sie den Angeklagten gegenüber geäußert habe, sie wolle das nicht.

In München angekommen habe sie erst ein paar Tage in einer Kellerwohnung einer Prostituierten gewohnt. Bei der Polizei habe sie dann am nächsten Tag eine Arbeitsgenehmigung beantragt unter dem Wissen, dass ihr Sohn bei den Verwandten des Angeklagten in Bulgarien war und sie Angst hatte, dass sie womöglich einfach verschwinde, weil sie mittlerweile sehr viel wisse. In der Kellerwohnung sei sie auch zum Sex mit dem Angeklagten gezwungen worden.

Das Geld, dass sie in den Tagen in dem Münchner Bordell verdiente, habe sie abgegeben. Hätte sie das nicht getan, wäre ihr das Selbe wie der Angeklagten passiert, die vom Beschuldigten geschlagen worden sei.

Vorsitzender Richter Erich Fuchs: "Wir wollen hier feststellen, ob Sie auf Grund von Hilflosigkeit, Drohungen oder Gewaltanwendungen zu etwas gezwungen worden sind, das ist unter Umständen in Deutschland strafbar. Wenn Sie das freiwillig gemacht haben, dann ist das womöglich verwerflich, aber nicht strafbar."

Update, 10.40 Uhr:

Nach anfänglichen Übersetzungsproblemen und der Verlesung der Anklageschrift durch Staatsanwältin Daniela Bachmayr verkünden die Angeklagten, dass sie von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen und sich zur Sache nicht äußern werden. 

Als erster Zeuge ist der sachbearbeitende Kriminalhauptkommissar geladen. Er sagt aus, dass sich der Betreiber des Bordells telefonisch bei der Kriminalpolizei gemeldet habe um auf eine mögliche Zwangsprostitution hinzuweisen. Ein Bekannter des Betreibers, der sich zu dem Zeitpunkt in Bulgarien befand und Kontakt zur Geschädigten hatte, habe ihm mitgeteilt, dass sich die Geschädigte nicht freiwillig in dem Rosenheimer Bordell befunden habe. Die Angeklagten hätten ihr vorgemacht, sie könne für einen Job als Zimmermädchen nach Deutschland kommen. 

Laut Aussage der Geschädigten bei der Polizei, habe sie die Beschuldigte im Jahr 2013 kennengelernt und ein freundschaftliches Verhältnis zu ihr gepflegt. 2016 sei sie in finanziellen Schwierigkeiten gewesen, woraufhin die Angeschuldigte ihr Hilfe angeboten habe. Man habe sich dann mit dem Angeschuldigten getroffen, der behauptete, ihr einen Putz-Job in Deutschland vermitteln zu können. Ihr sei angeboten worden, dass der Vater des Angeklagten während dieser Zeit auf Ihren Sohn in Bulgarien aufpasse. 

Bereits im Auto nach Deutschland habe man der Geschädigten mitgeteilt, dass sie dort als Prostituierte arbeiten müsse und ihren Sohn als Druckmittel benutzt. In München soll der Angeklagte mit dem Opfer Geschlechtsverkehr gehabt haben, wieder unter der Androhung ihrem Sohn sonst etwas anzutun.

Am nächsten Tag habe sie sich in München als Prostituierte angemeldet und dort etwa eine Woche in einem Bordell gearbeitet. Sämtliches Geld, das sie verdiente, sei ihr abgenommen worden. Weil die Angeklagten mit den Einnahmen der Geschädigten nicht zufrieden waren, habe man sie dann schließlich in das Rosenheimer Bordell gebracht. Der Geschädigten sei das Bordell bekannt gewesen, weil sie dort früher schon als Prostituierte gearbeitet habe. Dort habe sie auch näheren Kontakt zu dem Bekannten des Bordellbetreibers aufgenommen, der ihr helfen und sich darum kümmern wollte, den Sohn der Angeklagten nach Deutschland zu holen.

Bei der Vernehmung der Geschädigten habe es laut dem Kriminalhauptkommisar keine Widersprüche gegeben. Ihre Aussagen seien schlüssig und glaubhaft.

Der Vorbericht:

Kam es in einem Rosenheimer Bordell im Sommer 2016 zu einer Zwangsprostitution? Die Staatsanwaltschaft Traunstein hat nun Anklage gegen eine 23-jährige Frau und einen 27-jährigen Mann aus Bulgarien wegen schweren Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung erhoben. Der Prozess beginnt am Donnerstag, um 9 Uhr, am Landgericht in Traunstein.

Sohn als Druckmittel benutzt

Den Angeschuldigten wird zur Last gelegt, die alleinerziehende Mutter - ebenfalls aus Bulgarien - eines achtjährigen Jungen zunächst in einem Münchener Bordell, dann wenig später in einem Rosenheimer Rotlicht-Etablissement gezwungen zu haben, über 30 Kunden zu bedienen. Das verdiente Geld sollen die Angeschuldigten der Frau abgenommen haben. Als Druckmittel haben sie nach Auffassung der Staatsanwaltschaft das achtjährige Kind der Geschädigten benutzt. Die Beschuldigten sollen gedroht haben, dem Kind etwas anzutun, sollte die Geschädigte der Prostitution nicht nachkommen.

Geschädigte wurde überlistet

Den Angeklagten wird vorgeworfen, die Frau unter dem Vorwand in das Bordell gelockt zu haben, einige Monate als Zimmermädchen in München arbeiten zu können. Ihr Sohn sollte in dieser Zeit vom Vater des Angeklagten versorgt werden.

Betreiber des Bordells hält sich bedeckt

Auf Nachfrage unserer Redaktion wollte sich der Betreiber des Rosenheimer Bordells zu dem Vorfall nicht äußern.

Prozessauftakt am 23. November

Der Prozessauftakt findet am 23. November, um 9 Uhr, am Landgericht Traunstein statt. Zwei weitere Prozesstage sind für die Verhandlung angesetzt:

30. November, 9 Uhr
11. Dezember, 9 Uhr

**Wir berichten von vor Ort.**

Zurück zur Übersicht: Traunstein

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser