Prozess um Schießerei am Rosenheimer Salinplatz - Opfer sagt aus

"Als er auf meinen Kopf zielte, habe ich einfach nur die Augen geschlossen"

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Freitagabend, den 16. März, hat ein 59-Jähriger eine 26-jährige Frau am Rosenheimer Salinplatz niedergeschossen.
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Rosenheim/Traunstein - Am Abend des 16. März dieses Jahres ist eine 26-Jährige an der Salinstraße in Rosenheim auf offener Straße niedergeschossen worden. Am Montag geht der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter (59) weiter. Jetzt werden Ausschnitte seiner Briefe öffentlich

Update, 15.25 Uhr: Das Opfer sagt aus

Sie habe den Angeklagten 2011 oder 2012 kennengelernt, sagt nun die 26-Jährige Geschädigte aus. Sie wird die letzte Zeugin des Tages sein, die gehört wird. „Er wollte zu meiner Mutter, die wollte aber nicht mit ihm sprechen. Sie hat gesagt 'das ist nur ein Verrückter'.“ Die Chemie zwischen ihr und dem Beschuldigten habe von Anfang an nicht gestimmt. Sie habe sich aus der Beziehung zwischen ihrer Mutter und dem Angeklagten immer raus gehalten. „Ich habe auch nie gesehen, dass sie Zuneigungen ausgetauscht hätten.“ 

Von den Grundstücksgeschäften habe sie gewusst, aber von einem Kauf nichts Genaues mitbekommen. Selber habe sie nie Geld vom Angeklagten erhalten. „Ob Sie nur so wenig gewusst haben, daran hege ich schon Zweifel“, sagt Vorsitzender Richter Erich Fuchs zur Geschädigten. 

Es habe nach Aussage der 26-Jährigen in der Vergangenheit bereits Vorfälle mit dem Angeschuldigten gegeben, Drohbriefe seien geschrieben worden, was sie aber nie ernst genommen habe, bis er ihren Sohn mit einer Waffe bedroht habe. „Ich wusste, dass es um Geld ging, mehr nicht. Meine Mutter hat da immer blockiert, als ich genauer nachgefragt habe.“ Auch mit dem Beschuldigten habe sie kaum gesprochen. 

Am Tattag habe der Angeschuldigte sie vor dem Supermarkt abgepasst und gewollt, dass sie mit ihm mitgehe, um zu reden. „Ich hatte Angst, aber ich habe versucht ruhig zu bleiben. Ich hab nur gesagt, dass das eine Sache zwischen ihm und meiner Mutter ist, und er mich in Ruhe lassen soll. Ich dachte es geht darum, dass meine Mutter einen anderen geheiratet hat und er da nicht drüber hinweg kommt.“ Es sei zu einem Streitgespräch gekommen und schließlich zu Schüssen. Nachdem er auf sie geschossen hat, habe sie nur bemerkt, dass es in ihrer Brust „brannte wie Hölle. Als er dann auf meinen Kopf gezielt hat, habe ich einfach nur die Augen geschlossen“. 

Die ersten Tage nach der Tat seien sehr schlimm für sie gewesen, körperlich sowie psychisch. Sie leide heute noch unter Angstzusänden und Schlafstörungen. Ihr Sohn sei immer noch in psychologischer Behandlung

Warum hat er das getan?

„Ich weiß es nicht, wahrscheinlich Verzweiflung. Ich frage mich das jeden Tag“, sagt sie auf die Frage des Richters hin, was sie glaube warum er das gemacht habe. „Es gibt dafür keinen Grund, so etwas zu machen. Er hat zu meiner Mama gesagt, er nimmt ihr das Liebste weg, was er hat.“ Als es nochmal um den Hauskauf geht, sagt sie aus, dass sie nur wisse, dass das Haus von ihrer Oma gekauft wurde. Woher ihre Großmutter das Geld dafür hatte, habe sie sich nie gefragt. "Meine Oma bekommt regelmäßig Geld von ihren Kindern." Das Verhältnis zu ihrer Familie in der dominikanischen Republik sei aber nicht sehr gut. Bis heute versuche sie von ihrer Mutter zu erfahren, was wirklich gewesen ist, aber die Mutter blocke immer ab. Erst durch die Hauptverhandlung habe sie erfahren, um welche Menge Geld es überhaupt gehe.

Angeklagter will sich entschuldigen

Der Angeklagte möchte sich bei der Geschädigten und ihrem Sohn entschuldigen. „Es tut mir leid. Ich wollte dir nicht weh tun. Es tut mir unwahrscheinlich weh, was ich gemacht habe, das ist mir erst im Nachhinein bewusst geworden. Das letzte was ich möchte ist, dass ein Kind darunter leidet.“ „Leider ist es zu spät, du hast das Leben von meinem Kind zerstört. Er ist nicht mehr der, der er mal war“, sagt die Geschädigte unter Tränen und verlässt den Gerichtssaal.

Update, 12.40 Uhr: Weitere Zeugen gehört

Im weiteren Verlauf sagen Zeugen aus, die am 16. März bei der Tat vor Ort waren. „Er hat immer nur gesagt, die Frau hat mein Leben zerstört“, sagt ein 31-Jähriger, der den Angeschuldigten bei der Tat überwältigen und ihm die Waffe aus der Hand reißen konnte. „Für das, dass jemand eine Waffe in der Hand hat, hat er sie sich relativ leicht abnehmen lassen. Er hat auch zu mir gesagt, er wird sich nicht wehren“, so der Zeuge weiter. Er selber leide immer noch unter dem Vorfall, schlafe seitdem nicht mehr richtig. 

Ein anderer Zeuge sagt aus, dass der Angeschuldigte immer wieder gesagt habe, dass es sich um eine Schreckschusspistole handle. „Er hat auf mich gewirkt wie ein harmloser, netter Kerl; aber wenn man denkt was er gemacht hat, ist er nicht harmlos.“ 

„Wir haben ihn weggezogen und dann war er eigentlich mit der Welt zufrieden. Er ist mir so vorgekommen, als habe er sein Ziel erreicht und damit fertig“, sagt ein weiterer Zeuge. Auch er bestätigt, dass der Beschuldigte gesagt habe, dass es sich um eine Schreckschusspistole handle.

Update, 10.Dezember, 10.55 Uhr: Angeklagter in Brief: "Es wird Zeit, alles zu Ende zu bringen"

Nebenklagevertreterin Manuela Denneborg fordert im Namen der Geschädigten vom Angeklagten ein angemessenes Schmerzensgeld nicht unter 25.000 Euro. Der Angeklagte solle sich zudem verpflichten, sämtliche materielle und immaterielle Schäden, die im Zuge der Tat entstanden sind und auch die Kosten für die Attestierung zu übernehmen.

Vor Gericht wird auch ein Brief des Angeklagten an die beste Freundin der Geschädigten verlesen. „Die Frist des Redens ist abgelaufen (…) es wird Zeit alles zu Ende zu bringen. (…) Man sollte die Vergangenheit ehrlich abschließen, sonst holt einen die Vergangenheit wieder ein. Glaubt ihr, Betrug bringt euch weiter? (…) Ich habe genügend versucht, menschlich zu handeln. Ihr wollt und braucht eure Lektion. Ich habe genügend Geduld und Menschlichkeit gezeigt. Ich habe dir zur Genüge gesagt, mit mir kann man vernünftig reden.(...)“ „Ich möchte mein Geld zurück oder ich werde der Familie das nehmen, was ihnen am Wichtigsten ist“, schreibt er in einem anderen Brief. „Ich habe mehr als guten Willen gezeigt, danach ist die Zeit des Handelns.“

Der Angeschuldigte ergreift überraschend vor Gericht das Wort: „Alles, was ich gemacht habe, zu dem möchte ich stehen wie ein Mann.“

Erstmeldung

Am 16. März gegen 18.15 Uhr kam es an der Rosenheimer Salinstraße zu einem Angriff auf eine 26-Jährige mit einer scharfen Schusswaffe, teilte das Polizeipräsidium Rosenheim damals mit. Die junge Frau wurde damals in ein Krankenhaus eingeliefert und dort notoperiert, überlebte den Angriff.

Laut Anklageschrift soll der Angeklagte, ein 59-Jähriger Deutscher der Geschädigten, die die Tochter seiner ehemaligen Lebensgefährtin ist, am 16. März 2018 vor dem Netto am Salinplatz aufgelauert haben. Hierbei führte er einen mit acht Patronen geladenen Revolver mit sich. Wie der Angeschuldigte am ersten Verhandlungstag über seinen Anwalt Dr. Markus Frank mitteilen ließ, habe er nicht gewusst, dass es sich um eine scharfe Pistole handle, er habe gedacht das wäre eine Schreckschusswaffe gewesen. 

Laut Anklageschrift soll er der Geschädigten gefolgt sein. Als diese ihn ignorierte soll er sie am Arm gepackt und gesagt haben, er „wolle es beenden“ und habe ihr den Revolver gezeigt. Als die Geschädigte aber äußerte, sie habe keine Angst vor ihm und weiterging, soll er in Tötungsabsicht auf sie geschossen haben. Die Geschädigte überlebte. 

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft habe er sich durch die Tötung der Tochter an seiner ehemaligen Lebensgefährtin rächen wollen, da diese ihn hintergangen habe. „Der Angeschuldigte hatte eine große Summe Geld aufgebracht, hauptsächlich durch Kredite, um sich durch den Kauf einer Finca in der Dominikanischen Republik eine gemeinsame Zukunft mit ihr aufzubauen, als sie sich plötzlich von ihm trennte und zur finanziellen Rückerstattung, oder einer Umschreibung des Eigentums an der nicht auf ihn eingetragenen Finca nicht bereit war.“ Rund 130.000 Euro sollen es gewesen sein, wie am ersten Verhandlungstag bekannt wurde.

Dies habe zu bereits seit mehreren Jahren andauernden Streitigkeiten zwischen dem Angeschuldigten und seiner ehemaligen Lebensgefährtin, sowie der in der Dominikanischen Republik lebenden Familie und zu großer Wut und Hass auf diese geführt. „Er war verzweifelt, fühlte sich ausgenutzt und betrogen und erstattete Anzeige wegen Betrugs“, so sein Anwalt. Die geschädigte Tochter, die in Deutschland lebt, hatte mit dem überlassenen Geld und der Finca jedoch nichts zu tun, was dem Angeschuldigten auch bewusst gewesen sein soll.

Der 59-Jährige muss sich nun wegen versuchten Mordes vor dem Traunsteiner Landgericht verantworten. Das Gericht setzte vier Verhandlungstermine fest:

29.11.2018, 9 Uhr
10.12.2018, 9 Uhr
14.12.2018, 9 Uhr
18.12.2018, 9 Uhr

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