Prozess um tödliche Schleusung übers Mittelmeer

V-Mann-Führer sagt aus: Angeklagter stolz auf guten Ruf als Schleuser

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Drei der mutmaßlichen Drahtzieher der tödlichen Schleusung von der Türkei auf die griechische Insel Lesbos: (Von links) Ammar R., Muataz J. (zuletzt wohnhaft in Burghausen), Mahmod M.
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Traunstein/Burghausen - 13 Flüchtlinge starben, als ihr Schlauchboot bei einer Überfahrt im Mittelmeer mit einem Frachter zusammenstieß. Drei mutmaßliche Schleuser stehen nun am vierten Prozesstag vor dem Traunsteiner Landgericht - darunter auch ein Asylbewerber, der zuletzt in Burghausen wohnte.

Update 12.40 Uhr

Solche Aussagen sind vor dem Traunsteiner Landgericht nicht alltäglich: Die deutsche Polizei hat V-Männer auf die Schleuserszene angesetzt, um den Hintermännern auf die Spur zu kommen. Doch die V-Männer müssen geheim bleiben - daher sagt jetzt ein V-Mann-Führer der Bundespolizei als Zeuge aus - mit Genehmigung des Innenministeriums.

Der V-Mann-Führer hat mit dieser "Vertrauensperson", wie er sie nennt, einige Male gesprochen: "Die Vertrauensperson ist immer zuverlässig, intelligent und spricht sehr gut Deutsch", erklärt der Zeuge. Ein "Köder", wie der Zeuge sagt, der mit dem Angeklagten im Herbst 2016 in der Türkei Kontakt hatte.

Der Angeklagte soll dem V-Mann erzählt haben, dass er in der Türkei als Schleuser viel Geld verdient habe. Er habe mal 150.000 US-Dollar auf dem Tisch gehabt, berichtet der Zeuge stellvertretend. Mit diesem Geld habe er nicht nur seine Familie von Syrien nach Deutschland holen können, sondern für Verwandte auch Immobilien gekauft. Er sei stolz auf seinen guten Ruf als Schleuser gewesen, habe der V-Mann berichtet.

Dass Menschen bei der Schleusung im September 2015 ertrunken seien, habe dem Angeklagten Leid getan - doch es müsse wohl "Gottes Wille" gewesen sein, beruft sich der Zeuge auf die Aussagen seines V-Mannes. Der Angeklagte habe gegenüber der "Vertrauensperson" der Polizei auch angegeben, dass er Angst vor einer Festnahme habe.

"Der Angeklagte hat Schleusungen organisiert", erklärt der Zeuge der Bundespolizei vor Gericht. Doch, was das genau heißt, kann er nicht sagen: "Haben Sie die Angaben Ihrer Vertrauensperson nicht näher hinterfragt?", bohrt einer der Anwälte nach. Welche Rolle genau soll der Angeklagte gespielt haben, wie viel Geld verdiente er? "Das wäre zu auffällig gewesen", erklärt der V-Mann-Führer: "Eine Vertrauensperson geht in so einem Fall immer sehr vorsichtig vor."

Der Angeklagte selbst, der zuletzt in Burghausen gemeldet war, begleitet die Aussagen des Bundespolizisten dagegen immer wieder mit Kopfschütteln.

Der Prozess wird am 8. August mit den Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Anwälten fortgesetzt. Eventuell kann auch das Urteil an diesem Tag noch gefällt werden.

Update 10.30 Uhr

Eine weitere Überlebende der tödlichen Schlauchbootfahrt über das Mittelmeer berichtet nun als Zeugin: Eine ältere, kleine Frau aus Syrien in ihren Fünfzigern. Nach dem Zusammenstoß mit dem Frachtschiff konnte sich die Nichtschwimmerin nur dank ihrer Schwiegertochter über Wasser halten.

Bereits die ersten Versuche der Überfahrt am 20. September 2015 in Izmir begannen unglücklich: Der Motor des Schlauchbootes am Strand wollte nicht anspringen. Ein weiterer syrischer Flüchtling wurde als Steuermann bestimmt - deswegen sitzt auch er nun auf der Anklagebank vor dem Traunsteiner Landgericht.

"Er warnte uns noch, wir sollten nicht einsteigen, weil der Motor nicht ging", sagte die Zeugin. Doch türkische Schleuser am Strand hätten den Steuermann daraufhin mit Gewehren geschlagen und gedroht, ihn zu erschießen: "Hier kommt keiner mehr raus", sagte die türkischen Schleuser. Nach weiteren Versuchen sprang der Motor an, die Fahrt konnte beginnen.

Kurz vor dem Ziel, der Insel Lesbos, rammte ein Frachtschiff das überfüllte Schlauchboot. Auch die Zeugin sah das Schiff nicht kommen: "Ich zittere immer noch", sagte die Zeugin zum vorsitzenden Richter Erich Fuchs. Sie ringt mit den Worten, bricht in Tränen aus. Nach dem Crash wurde sie und ihre Verwandten im Schlauchboot eingeklemmt und vom Frachter stundenlang mitgezogen.

"Manche wollten ins Wasser springen, doch andere meinten 'Nein! Die Schiffsschraube wird uns zerstückeln'." Nachdem sich das Schlauchboot vom Frachter löste, trieb die Zeugin noch lange im Wasser. Ihre Schwiegertochter, mit der sie unterwegs war, hielt die Nichtschwimmerin über Wasser. Ein Fischerboot rettete die beiden.

1.200 US-Dollar wurden im Voraus für die Überfahrt bezahlt, für die Übernachtungen in einem Hotel in Izmir mussten zuvor 80 US-Dollar pro Nacht gezahlt werden. Auch sie berichtet, dass ihr Sohn, der das Geld überwies, Kontakt zum Burghauser Flüchtling und Hauptangeklagten hatte. Auch habe er die Schwimmwesten vor Ort organisiert.

Vorbericht

Glaubt man den bisherigen Zeugen muss der syrische Asylbewerber Muataz J., zuletzt wohnhaft in Burghausen, bei den Schleusungen von der Türkei auf die griechische Insel Lesbos immer wieder eine zentrale Rolle gespielt haben: Vielen syrischen Flüchtlingen muss sein Name bereits in dem Bürgerkriegsland ein Name gewesen sein, in der Türkei war er dann wohl die erste Anlaufstelle für die Fliehenden, um nach Europa zu kommen - am vergangenen dritten Prozesstag deckten sich viele Zeugenaussagen in diese Richtung

Vor alle eine Überfahrt im September 2015 muss ein Horror gewesen sein: Zuerst wurden 46 Flüchtlinge in der Türkei in ein viel zu kleines Schlauchboot gezwängt - teils unter Androhung von Waffengewalt - dann ging es in der finsteren Nacht ohne Licht hinaus aufs Meer. Nach stundenlanger, turbulenter Fahrt, kurz vor dem Ziel, rammte ein Frachtschiff das Schlauchboot. 13 Menschen kamen damals ums Leben. Das Schlauchboot verhakte sich am Frachter, wurde noch vier Stunden mitgerissen.

Zum Nachlesen:

- 1. Prozesstag: Vernehmung der Angeklagten

- 2. Prozesstag: Überlebender schildert Horrorfahrt

- 3. Prozesstag: So laufen die Schleusungen wohl ab

Seit 27. Juni müssen sich drei Männer vor dem Traunsteiner Landgericht dafür verantworten. Die Anklage lautet auf "das Leben gefährdendes Einschleusen von Ausländern in das Hoheitsgebiet eines Mitgliedsstaates der Europäischen Union mit Todesfolge in 13 tateinheitlichen Fällen". Die drei Angeklagten leben allesamt als Asylbewerber in Deutschland. Rund 1100 US-Dollar verlangte die Schleusergruppe angeblich von jedem Flüchtling, der in das Boot stieg

Am heutigen Montag wird die Verhandlung fortgesetzt. Das Urteil ist momentan für den 11. August geplant. innsalzach24.de wird ab 9 Uhr aktuell aus dem Traunsteiner Landgericht berichten.

xe

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