Altöttinger nach Bluttat in Ainring angeklagt

Russische Identität Auslöser des tödlichen Streits?

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Rechts der Angeklagte, links Pflichtverteidiger Florian Eder.
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Ainring/Traunstein - Es sollen jede Menge Wodka und Diskussionen über Russland im Spiel gewesen sein - bis eine Geburtstagsfeier tödlich endete. Nun steht ein 46-Jähriger deshalb vor Gericht. 

UPDATE, 17.15 Uhr: Zwei weitere Zeugen werden angehört

Ein Neffe des Angeklagten ist der nächste Zeuge. In seiner Wohnung hat sich das Drama abgespielt - er selbst war zum Tatzeitpunkt schon längere Zeit im Bett. Das Gericht versucht nun aus ihm herauszubringen, wie es zum Streit und der Messerattacke kommen konnte: "Es gab Gerüchte, dass sich die beiden gestritten haben und dass sich mein Onkel verteidigt hat." Details von der Vorgeschichte will er nicht mitbekommen haben, auch später vom Streit und der Auseinandersetzung nicht: "Ich war betrunken und habe geschlafen", so der Zeuge.

"Von Ihren Bekannten konnte Ihnen also niemand etwas sagen, warum plötzlich eine Leiche bei Ihnen in der Wohnung liegt?", bohrt der Nebenkläger nach - "ne", ist die knappe Antwort des Zeugen. Ihm ist es spürbar unangenehm hier auszusagen.

Warum genau der Streit zwischen dem Angeklagten und dem Opfer ausgebrochen ist, kann auch die Verlobte des vorigen Zeugen nicht sagen. Ihr Geburtstag war es, der gefeiert wurde. Sie ist als eine der ersten ins Bett gegangen - doch vor der Polizei hat sie eine Vermutung angestellt: Der angeklagte Altöttinger sei ein "überzeugter Russe", das spätere Opfer könne aber besser deutsch als russisch und sei mehr in Deutschland verwurzelt - "vielleicht war der Angeklagte davon genervt", so die Zeugin bei der Polizei.

Der Prozess wird für heute beendet und am Donnerstag, den 13. Juli fortgesetzt. Bis zu diesem nächsten Termin können sich Nebenklage und Staatsanwaltschaft dann zum Antrag der Verteidigung äußern, dass das Verhör des Angeklagten vor der Polizei nicht gewertet werden dürfe.

UPDATE, 13.25 Uhr: Verteidiger unterstellt unerlaubte Verhörmethoden

Bei der ersten Vernehmung bei der Polizei habe der Angeklagte die Tat noch geleugnet, sprach wohl von Notwehr, doch bei einer weiteren Vernehmung kam laut dem Kripo-Beamten ein Geständnis: "Er meinte, es könnte sein, dass er zugestochen habe."

Außerdem fasst der Kripo-Beamte zusammen, dass der Angeklagte nach der Tat zur Wohnung in Ainring zurückgekehrt und auf den Balkon im Hochparterre gestiegen sein muss: "Der Angeklagte meinte uns gegenüber, er wollte helfen", so der Polizist.

"Auch andere haben uns bestätigt, wenn jemand nicht weiter mit ihm trinken will, dann wird er aggressiv", so der Kripo-Beamte, der das Umfeld des Altöttingers vernahm. Insgesamt muss der angeklagte 46-Jährige über den Abend einen knappen Liter Wodka getrunken haben, so der Polizist.

Der Verteidiger des Angeklagten, Florian Eder, nimmt sich den Kripo-Beamten im Zeugenstand aber nochmal genau vor: Er fragt nach seinen Verhörmethoden und erkundigt sich, warum bestimmte Verhörprotokolle nicht unterschrieben seien oder ob der Angeklagte vor den Vernehmungen genug Schlaf bekam.

Der Anwalt stellt den Antrag auf ein sogenanntes Verwertungsverbot, also dass die Vernehmungsprotokolle vor Gericht nicht verwertet werden dürfen: Die Polizei hätte Druck auf den Angeklagten ausgeübt, außerdem sei er nicht ordnungsgemäß belehrt worden. Verteidiger Eder beruft sich dabei unter anderem auf den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, sieht bei den Verhörmethoden Verstöße gegen rechtsstaatliche Grundsätze.

Ein Beispiel: Beim Verhör sagten die Polizisten zum Angeklagten "denken Sie bei Ihrer Aussage an die Mutter des Opfers", schließlich sei auch der Angeklagte selbst ein Vater. Aus Sicht des Verteidigers Eder sei dies unerlaubter "seelischer Druck" und "Quälerei" bei einem Verhör. Die Vielzahl der Verstöße sei eklatant, von einem fairen Verfahren könne nicht mehr gesprochen werden, so Verteidiger Eder.

Wenn das Gericht diesem Verteidiger-Antrag statt gibt, wäre das Geständnis in der Vernehmung durch die Polizei wertlos.

Nach einer Mittagspause wird die Verhandlung fortgesetzt.

UPDATE, 11.05 Uhr: Der erste Zeuge: Ein Kripo-Beamter

Wie er berichtet kam bei den Ermittlungen ein entscheidender Hinweis versehentlich vom 13-jährigen Sohn des Angeklagten. Der Kripo-Beamte berichtet von einem Telefonat mit der Frau des Angeklagten: "Dann hat von hinten jemand ins Telefon geschrien 'Ich weiß genau was passiert ist, der Papa hat's mir erzählt. Es ist einer mit dem Messer auf ihn losgegangen, er hat sich nur gewehrt'."

Das sei der Zeitpunkt gewesen, an dem die Ermittlungen eine neue Richtung genommen hätten: "Ab dann war er der Beschuldigte", so der Kripo-Beamte zu Richter Fuchs. Ein glücklicher Zufall für die Beamten - denn bis zu dem Zeitpunkt war die Lage für die Beamten noch recht unübersichtlich. Die Zeugen waren alkoholisiert, hatten Erinnerungslücken: "Keiner konnte genau sagen, was abgelaufen ist, wann wer die Feier verlassen hat oder ins Bett gegangen ist."

Eine der Zeuginnen hat den Streit und den Kampf wohl hinter der Türe mitbelauscht, berichtet der Kripo-Beamte. Als es schließlich in der Wohnung leise wurde sei sie mit dem Handy filmend durch die Wohnung gegangen - all die grausigen Details seien auf ihrem Film zu sehen gewesen: Blutspritzer an der Wand bis in Kopfhöhe, Schleifspuren am Boden im Gang, Blutflecken am Wohnzimmerteppich neben leerer Wodka-Flasche. Auch diese Zeugin wird hier noch aussagen.

Doch schon am Tag nach der Tat wundert sich der Kripo-Beamten über die ganze Situation: "Es war total befremdlich. Wir hatten am nächsten Tage jede Menge Zeugen auf der Polizeiinspektion in Freilassing, es gab da ja einen Toten, aber denen war das allen irgendwie total egal."

Außerdem hat der Angeklagte am Tag nach der Tat nach Aussagen des Beamten seine blutdurchtränkten Klamotten bei seinem Nachbarn in Altötting vorbeigebracht: "Das ist zu schade zum Wegschmeißen", soll er zum Nachbarn gesagt haben. Die Tasche mit den Klamotten sei daraufhin im Keller verstaut worden.

Was kann der Kripo-Beamte über das Opfer sagen? "Niemand konnte sich vorstellen, dass der einen Streit vom Zaun bricht", so der Zeuge. Die Ermittlungen hätten ergeben, dass er ruhig, besonnen und aufgeschlossen gewesen sei.

UPDATE, 9.45 Uhr: Angeklagter zieht Geständnis zurück

Die Stimmung im Traunsteiner Gerichtssaal ist schon vor Beginn der Verhandlung gedrückt: Viele Angehörige und Freunde des damals 19-jährigen Opfers sind mitgekommen, kämpfen mit den Tränen. Auf der Anklagebank ein 46-Jähriger aus Altötting. Er verhält sich ruhig, vergräbt die Hände im Schoß, fühlt sich unwohl.

Der Staatsanwaltschaft verliest die Anklageschrift: Die Stimmung in der Nacht muss sich demnach Stück für Stück hochgeschaukelt haben. Nach Diskussionen über Russland und der Weigerung des späteren Opfers, noch weiter zu trinken, soll der Angeklagte ausgeflippt sein: "Er warf den Küchentisch in Richtung des Geschädigten um. Dabei rief er in russischer Sprache "Russland'."

Dann zählt der Staatsanwalt all die Stichverletzungen auf: Ein Stich gegen die linke Schläfenseite, zwei Stiche gegen die linke Brustseite. "Einer der Stiche wurde mit großer Wucht geführt und durchtrennte zunächst den fünften Rippenknorpel und drang anschließend bis zum Herzbeutel vor. Die Tiefe des Stichkanals beträgt insgesamt acht Zentimeter. Die Wucht des Stichs war so groß, dass sich im Bereich der Einstichstelle durch den Abdruck des Messergriffs eine Stanzmarke ergab."

Auch einen Stich in den Hals, der in der Folge den Mundboden durchtrennte und die Zunge verletzte, führt der Staatsanwalt auf. Die Stiche in die Brust und in den Hals sollen es schließlich gewesen sein, die den Tod des 19-Jährigen verursachten.

In der Vernehmung mit der Polizei legte der Angeklagte im Vorhinein schon ein Geständnis ab, wie Verteidiger Eder versichert: "Dieses Geständnis wird widerrufen, eine Erklärung geben wir am nächsten Verhandlungstag ab", so der Anwalt. Der Prozess wird nun für kurze Zeit unterbrochen, dann werden die ersten Zeugen vernommen.

Vorbericht:

Eine Geburtstagsfeier in einem der Wohnblöcke in Ainring-Mitterfelden lief von 18. auf 19. November 2016 völlig aus dem Ruder - ein 19-Jähriger verlor in dieser Nacht sein Leben. Ein 46-jähriger Russlanddeutscher aus Altötting muss sich deshalb nun vor dem Landgericht Traunstein verantworten. Der Vorwurf: Totschlag.

Opfer weigerte sich noch mehr zu trinken

Bereits nach Mitternacht soll der Angeklagte zu einer Geburtstagsfeier von sechs Leuten gestoßen sein. Es wurde mehr und mehr getrunken bis der 46-Jährige laut Staatsanwaltschaft zum ersten Mal handgreiflich geworden sein soll: Weil er nicht noch mehr trinken wollte, nahm der Angeklagte einen anderen Gast wohl in den Schwitzkasten - der Zeuge verließ die Wohnung. Zurück blieben nur noch der Altöttinger und das spätere Opfer. Alle anderen waren bereits im Bett.

In der Küche kam es laut Staatsanwaltschaft dann zu einem Streit über Russland, bis sich auch das spätere Opfer geweigert haben soll, mit dem Angeklagten weiter zu trinken. Der Streit soll sich fortgesetzt haben, bis das spätere Opfer womöglich zu einem Küchenmesser griff - als die Rangelei im Wohnzimmer weiterging, soll der 46-Jährige seinem Kontrahenten das Messer entrissen und zugestochen haben.

Tödliche Stiche in Herz und Hals

Bis zum Anschlag soll der Angeklagte dem Opfer das Messer ins Herz gerammt haben, danach auch noch in den Hals. Es hat eine Klingenlänge von acht Zentimetern. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft soll der Altöttinger nach der Tat die Wohnung verlassen haben. Eine spätere Reanimation durch Notärzte scheiterte, im Salzburger Landeskrankenhaus verstarb der 19-Jährige schließlich.

Der Prozess beginnt am Dienstag um 9 Uhr, drei weitere Verhandlungstage sind angesetzt. Das Urteil wird für 27. Juli erwartet. 

BGLand24.de wird aktuell aus dem Gerichtssaal berichten. 

xe

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Kommentare

CharlyAntwort
(1)(0)

Kann schon sein... und ich befürchte es sogar!

Vollkorn
(2)(0)

Die weltweite Elite versammelt sich gerade in Deutschland...grandios.

doro
(3)(0)

Wenn er so überzeugter Russe ist, warum lebt er dann hier und nicht in Russland??? Das frage ich mich auch immer bei den Türken die hier für Erdogan auf die Straße gehen..

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