PROZESS UM ERSTOCHENEN 19-JÄHRIGEN IN AINRING

Dritter Prozesstag durchzogen von widersprüchlichen Angaben

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Rechts der Angeklagte, links Pflichtverteidiger Florian Eder.
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Ainring/Traunstein - Eine Geburtstagsfeier in einem der Wohnblöcke in Ainring-Mitterfelden lief von 18. auf 19. November 2016 völlig aus dem Ruder - ein 19-Jähriger verlor in dieser Nacht sein Leben. Ein 46-jähriger Russlanddeutscher aus Altötting muss sich deshalb vor dem Landgericht Traunstein verantworten. Der Vorwurf: Totschlag.

Der dritte Prozesstag in der Zusammenfassung

Der dritte Prozesstag im Fall der Tötung eines 19-Jährigen ist durchzogen von Unstimmigkeiten bei den Aussagen der geladenen Zeugen. Deren Angaben vor Gericht wichen von ihren Aussagen bei der Polizei zum Teil deutlich ab. Richter, Staatsanwaltschaft und Nebenklagevertretung mussten mehrfach auf die Wahrheitspflicht der Zeugen hinweisen. „Wir verhandeln hier keinen Verkehrsunfall, sondern den Tod eines jungen Menschen“, so die Nebenklagevertretung zu einem Zeugen.

„Ich glaube sie hat sich schlafend gestellt“

Als erster Zeuge sagte ein Polizeibeamter aus. Er war einer der ersten Beamten vor Ort. Er habe bei Eintreffen eine im Gang liegende Person vorgefunden, welche gerade mit einer Reanimationsmaschine reanimiert wurde. Im Wohnzimmer habe ein etwa 16-jähriges, schlafendes Mädchen gelegen. Der Beamte sei zunächst verwundert gewesen, weil etwa zwei Meter neben ihr Reanimationsmaßnahmen stattfanden und sie nicht aufgewacht sei. „Die Geräuschkulisse ist zum schlafen zu laut“, so der Beamte. Er gehe davon aus, dass sich das Mädchen schlafend gestellt habe, weil sie nur sehr schwer aufzuwecken gewesen sei, im Wachzustand dann aber nicht extreme alkoholbedingte Ausfallerscheinungen gezeigt habe.

Zeuge habe nicht nachgefragt was passiert sei

Nächster Zeuge war ein 54-jähriger Verwandter des Angeklagten, der am Tatabend auch bei dem Zusammentreffen vor Ort war. Man habe gemeinsam gegessen und etwa eine halbe Flasche Vodka getrunken. Der Zeuge selber habe auf Grund einer Erkrankung nur wenig getrunken, die restliche Flasche sei von vier Personen konsumiert worden. Wer wie viel davon getrunken hat, könne er nicht mehr genau sagen. Um etwa 23.30 Uhr habe er sich schlafen gelegt, bis er um etwa sechs Uhr geweckt worden sei, weil etwas passiert sei. Es habe eine Schlägerei gegeben, habe es geheißen. Der Angeklagte habe nach Aussage des Zeugen in der Früh im Wohnzimmer auf der Couch gesessen und seinen Kopf zwischen den Händen gehalten. Richter Fuchs zweifelte an der Aussage des Zeugen, dass er nicht gefragt habe, was los gewesen sei. Auch Staatsanwalt Björn Pfeifer hakt noch einmal nach, warum er nicht nachgefragt habe, was genau passiert sei. Ob er den Angeklagten schon einmal betrunken gesehen habe, wollte er vom Zeugen wissen, der dies bejate. Er sei lustig, wenn er betrunken ist. Was genau passiert sei, habe der Zeuge nach eigener Auskunft erst über das Internet erfahren, als er wieder zurück zuhause war.

Wer auf wen losgegangen ist, geht aus Zeugenaussage nicht hervor

Die dritte Zeugin des Tages ist die Ehefrau des vorigen Zeugen, die auch auf dem Fest gewesen sei. Ihre Aussage deckt sich weitestgehend mit der des vorigen Zeugen. Man habe zusammen gegessen und getrunken. Laut ihrer Aussage haben aber nur drei Leute etwa eine halbe Flasche Vodka getrunken. Bis sie ins Bett gegangen sei um etwa 22.30 Uhr, sei noch niemand betrunken gewesen. Auch sie sagt aus, dass sie mit den Worten, „es ist etwas passiert“ geweckt wurde. Auch sie habe den Angeklagten dann auf der Couch sitzend vorgefunden. Sie selber habe aber ebenso wie ihr Mann nicht nachgefragt, was genau vorgefallen sei. Auch sie gab auf Nachfrage des Staatsanwaltes an, dass sie den Angeklagten schon einmal betrunken erlebt habe. Er sei dann immer sehr gesellig gewesen, nicht aggressiv. Sie wie ihr Mann seien nach der Nacht unter Schock gestanden. Wer auf wen losgegangen ist, wird aus den Angaben der Zeugin nicht deutlich. Sie habe aber nach der Tat vom Angeklagten die Information bekommen, dass es mehr als ein Angreifer gewesen sei. Die Angreifer habe er als „Welpen“ bezeichnet.

Nachbar des Angeklagten sagt aus

Als vierter Zeuge sagte der Nachbar des Angeklagten aus. Demnach sei der Beschuldigte in der Früh nach der Tatnacht zwischen acht und 8.30 Uhr in einem Trainingsanzug vorbeigekommen und habe eine etwas größere Tasche mit Kleidung dabei gehabt. Er habe ihn dann um seinen Kellerschlüssel gebeten, um diese Tüte dort abzulegen, soll der Zeuge bereits bei der Polizei ausgesagt haben. An diese Aussage erinnert sich der Zeuge vor Gericht nun nicht mehr. Vorsitzendem Richter Fuchs reißt langsam der Geduldsfaden und er erinnert auch diesen Zeugen an seine Wahrheitspflicht. Auch der Staatsanwalt Björn Pfeifer konfrontiert den Zeugen mit seinen widersprüchlichen Aussagen, bei Polizei und vor Gericht. Der Zeuge beschreibt sein Verhältnis zum Angeklagten als nachbarlich freundschaftlich. Fußball sei ein wichtiges Thema für ihn gewesen, Streit innerhalb der Familie habe er nicht mitbekommen. Es sei immer wieder vorgekommen, dass man gemeinsam bei Festivitäten Alkohol getrunken habe. Der Angeklagte sei dabei ruhig gewesen, nicht aggressiv.

Fragen an den Angeklagten

Vorsitzender Richter Fuchs wollte vom Angeklagten wissen, was er von der Tatnacht noch wisse. Dieser gab an, dass es zunächst eine normale Unterhaltung zwischen ihm, dem Opfer und einem dritten Zeugen gegeben hätte, kein Streitgespräch. Als ein weiterer Beteiligter dann schließlich den Raum verlassen habe, aber wieder zurückgekommen sei, weil dieser seine Jacke nicht mehr gefunden habe, sei eine Türe aufgegangen und es habe ein Wortgefecht gegeben. Er wisse aber nicht mehr genau was der Inhalt des Streits gewesen sei. Als der Angeklagte dann eine Türe von der Küche zum Wohnzimmer öffnete, sei das Opfer mit dem Messer vor ihm gestanden. „Ich kann mich erinnern, dass ich ihn dann in das Wohnzimmer hingeingeschubst habe“, so der Angeklagte. Dann sei es zu einer Rangelei gekommen, in der das Opfer die tödlichen Verletzungen erlitten habe, die der Beschuldigte jedoch nicht beabsichtigt habe. Er habe ihn in den Oberarm stechen wollen, nicht in die Brust. Das Gericht stellte im weiteren Verlauf der Verhandlung die Rangelei nach.

„Ich kann mich an nichts erinnern“

Zeuge Nummer fünf am dritten Prozesstag sagte aus. Der 22-Jährige soll derjenige gewesen sein, der laut Angeklagtem später auch mit dem Messer hinter der Türe gestanden sei. Nach Aussage des jungen Mannes sei er am Tatabend mit am Küchentisch gesessen und irgendwann auf der Couch eingeschlafen, in der Küche aber wieder aufgewacht sein. Wie es dazu kam, wisse er nicht mehr. Er wollte dann nach Hause gehen, der Angeklagte habe aber noch einen mit ihm trinken wollen. Als der Zeuge das aber nicht gewollt hätte, habe der Angeklagte ihn in den Schwitzkasten genommen. Er habe sich befreien können und sei dann mit dem Fahrrad nachhause gefahren. Er habe wegen diesem Vorfall Angst vor dem Angeklagten. Diese Aussage weicht von der des Angeklagten erheblich ab.

Als weitere Zeugen sagten drei Kriminalbeamte aus. Bei allen drei Zeugen sei in der ersten und zweiten Vernehmung nicht die Rede davon gewesen, dass der vorige Zeuge ein Messer gehabt hätte. Der Angeklagte habe ausgesagt, dass der vorige Zeuge die Wohnung verlassen habe, bevor das spätere Opfer mit einem Messer auf ihn losgegangen sei. „Vielleicht habe ich etwas schlimmes gesagt“, soll der Angeklagte bei der Polizei zweimal ausgesagt haben.

Laut Richter Fuchs sind nun keine weiteren Zeugen mehr geladen. Die Beweisaufnahme wurde, was Zeugen betrifft, geschlossen.

Am Donnerstag, den 27. Juli wird die Verhandlung fortgesetzt.

Vorbericht

Am Montag ab neun Uhr wird am Landgericht Traunstein der Prozess gegen einen 46-Jährigen aus Altötting fortgesetzt. Es ist der dritte Verhandlungstag.

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft soll es zu einem Streit über Russland gekommen sein, bis sich das spätere Opfer, ein 19-Jähriger geweigert haben soll, mit dem Angeklagten weiter zu trinken. Der Streit soll sich fortgesetzt haben, bis das spätere Opfer womöglich zu einem Küchenmesser griff - als die Rangelei im Wohnzimmer weiterging, soll der 46-Jährige seinem Kontrahenten das Messer entrissen und zugestochen haben und dem Opfer tödliche Stiche in Herz und Hals versetzt haben.

Am zweiten Prozesstag behauptete der Angeklagte vor dem Gericht, er habe sich nur gewehrt. Der Stich ins Herz sei ein Versehen gewesen.

Die Verteidigung ist der Auffassung, dass das Geständnis ihres Mandanten im Polizeiverhör unter Druck geschehen sei.

Lesen Sie hier die Verläufe des ersten und zweiten Verhandlungstages.

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