Nach Urteil gegen Traunreuter Kinderschänder

Missbrauchtes Mädchen in Klinik: Warum reagierte keiner?

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Zu sieben Jahren und neun Monaten Haft wurde ein 28-jähriger Traunreuter am Mittwoch verurteilt. Er hatte über knapp drei Jahre seine Stieftochter sexuell missbraucht, dazu auch fotografiert und gefilmt.
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Traunstein/Traunreut - Hätte dem missbrauchten Mädchen zumindest ein Teil des Horrors erspart werden können? Es verbrachte schon eine Nacht mit Blutungen im Vaginalbereich im Krankenhaus - tags darauf holte es der verurteilte Stiefvater wieder ab.

Hätte der 19. Juli 2015 die Wende für die missbrauchte Stieftochter bringen können? Eine Nacht verbrachte die damals Achtjährige in der Klinik. Das Jugendamt wurde aber nicht informiert. Der sexuelle Missbrauch, der sich über knapp drei Jahre zog, war da längst schon in vollem Gange - doch es hätte dem Mädchen viel weiteres Leid erspart.

Was in der Krankenakte steht

Lesen Sie hier alles rund ums Urteil gegen den Traunreuter Kinderschänder

Im Prozess gegen den 28-Jährigen wurde auch die Krankenakte verlesen. Die Diagnose: Unklare, vaginale Blutungen, Bauchschmerzen, keine Fremdkörpereinführung. "Sehr ängstlich, haut blass", ist in der Akte weiter vermerkt. Tags darauf wurde das Kind wieder aus der Klinik entlassen: "In gutem Allgemeinzustand", wie es heißt. Die Akte ging im Krankenhaus durch mehrere Hände, zwei Ärzte hatten unterschrieben

Was war in der Traunreuter Wohnung am 19. Juli 2015 zuvor passiert? Das Mädchen habe auf ihm gelegen und man habe sich "nur aneinander gerieben", so die Version des 28-Jährigen. Es gab mindestens eine Berührung der Geschlechtsteile, ein teilweises Eindringen. Eine Wunde entstand, doch das Wischen mit dem Waschlappen machte es nicht besser. 

Das Mädchen wehrte sich gegen weitere Untersuchungen

Prozessauftakt: Angeklagter äußerte sich zu allem

Tatsächlich tat wohl aber auch das Mädchen viel, um im Krankenhaus keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Es erzählte dort "eine Geschichte", gab das Mädchen später gegenüber der Polizei zu. Ihr Stiefvater hatte sie gewarnt, dass es für ihn sonst Konsequenzen habe. Weiter ist in der Krankenakte vermerkt: "Die Patientin ließ sich nicht weiter urogenital untersuchen." Auch laut Richter Weidmann muss sich das achtjährige Kind gegen weitere Untersuchungen sehr zur Wehr gesetzt haben. 

Der eigentlich Weg: Klinik, Jugendamt, Polizei

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Ein schwieriger Fall. Wie es eigentlich läuft oder laufen sollte, ist im Krankenhaus aber klar: "Wenn wirklich konkreter Verdacht besteht, dass Gewalt im Spiel war, wird das Jugendamt eingeschaltet und der gesetzliche Weg beschritten", so Ralf Reuter, Sprecher der Kliniken Südostbayern. Auch Gerichtsmediziner werden im Zweifel eingeschaltet. Das Jugendamt handelt dann in der Regel sofort, in Verbindung mit der Polizei. Das Kindeswohl wiegt hier schwerer als die ärztliche Schweigepflicht.

Doch auch im Krankenhaus gelte gegenüber den Eltern zuerst die Unschuldsvermutung: "Es kommt auch immer wieder vor, dass sich beispielsweise geschiedene Partner gegenseitig anschwärzen wollen", so Reuter. Und nicht jeder Fall sei am Anfang so klar, wie er sich im Nachhinein herausstelle: "Die Ärzte müssen sich auch nach den Antworten des Kindes zu dem Fall richten. Und wenn sich ein Kind gegen weitere Untersuchungen weigert, kann man es nicht zwingen."

xe

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