Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Kunst oder Beschädigung am „Jodl“-Grab auf der Fraueninsel?

Kastner: „Es geht um die Freiheit der Kunst“ - Urteil am Landgericht gefallen

Aktionskünstler Wolfram Kastner und „Jodl“-Grab auf der Fraueninsel
+
Dieses Grab ist ihm ein Dorn im Auge: Aktionskünstler Wolfram Kastner kämpft seit Jahren gegen das „Jodl“-Grab auf dem Klosterfriedhof der Fraueninsel. Nun fiel das Urteil im Berufungsprozess am Landgericht Traunstein.
  • Marina Birkhof
    VonMarina Birkhof
    schließen

Wegen Sachbeschädigung, Diebstahl und Nötigung musste sich der Münchner Aktionskünstler im Zuge des Berufungsprozesses am 25. August vor dem Landgericht Traunstein verantworten. Die vorsitzende Richterin lies die Berufung als unbegründet verwerfen und verurteilte Kastner zu einer Geldstrafe. Kehrt damit endlich Ruhe ein am „Jodl“-Grab? 

Traunstein/Frauenchiemsee – Die Tatvorwürfe wusste Kastner noch zu Beginn der Verhandlung von sich zu weisen: Es habe weder eine „Sachbeschädigung, noch Nötigung oder Diebstahl gegeben“. Kastner versteifte sich darauf, dass es sich bei „Jodl“-Grab aufgrund der Tatsache, dass der ehemalige NS-Kriegsverbrecher Alfred Jodl dort nicht bestattet sei, um einen sogenannten Kenotaph, ein Scheingrab, handle. Im Gegensatz zu einem Grab enthalte es keine sterblichen Überreste und diene lediglich der Erinnerung.

Verherrlichung eines NS-Kriegsverbrechers auf der Fraueninsel?

„Die Asche des NS-Verbrechers wurde in die Isar verstreut, damit eben kein Ehrenmal und als Pilgerstätte für Neo-Nazis entsteht. Das Ehrenkreuz des Massenmörders ist eine Verhöhnung von Millionen von Opfern des NS - das darf man nicht schützen“, echauffiert sich der Künstler vor dem Hohen Gericht und untermauert, dass auf der Fraueninsel genau diese Verherrlichung geschehe. Auch das Landgericht selbst habe in seiner Ladung „fälschlicherweise“ den Kenotaph „sieben Mal als Grabmal und fünfmal als Grabstein“ betitelt - daher sei der Tatvorwurf an sich schon nicht richtig.

Laut Aussagen von Beamten der Kriminalpolizei Rosenheim sowie der Inspektion Prien aber habe es auf der Fraueninsel in der Nähe des Grabs in der Vergangenheit „keine Aufmärsche oder Versammlungen von Neo-Nazis“ gegeben. Mit der Schifffahrt auf die Insel wäre dies wohl auch aufgefallen, wenn es sich um viele Personen bestimmter Gruppierungen gehandelt hätte, war einer der Zeugen überzeugt.

Grabnutzungsinhaber: „Es handelt sich um ein Familiengrab“

Der Grabnutzungsinhaber, der Großneffe Alfred Jodls, ging in seiner Zeugenaussage auf mehrfache Mailkontakte sowie auf ein Telefonat mit dem Künstler ein. Darin habe Kastner „gleich losgelegt mit der Grabstätte am Chiemsee und was da nun zu tun“ sei. Es habe sich laut dem Zeugen so angehört, als drohen „weitere Konsequenzen“, würde der Inhaber nicht auf die Forderungen Kastners eingehen.

Der 74-Jährige habe unter anderem darum gebeten, den Namen seines Großonkels zu entfernen und/oder ein Hinweisschild anzubringen, das auf die Funktion Jodls im Dritten Reich und die Gründe seiner Verurteilung im Nürnberger Prozess hindeute. Zu diesem Zeitpunkt habe Kastner bereits ein namensverdeckendes Schild mit Silikonkleber auf dem porösen Stein angebracht und das Grab so beschädigt. Es folgten Abnahme des Buchstabens „J“ auf dem Grab und Versand an ein Museum sowie „Beschmierungen mit roter, schwer wieder zu entfernender Lackfarbe“. Kostenpunkt: mehrere tausend Euro.

„Neben den beiden Frauen finden sich in dem Grab auf der Fraueninsel die Überreste zweier weiterer Personen. Es handelt sich um ein Familiengrab“, akzentuierte der Inhaber. Dies wolle er auch so gewürdigt sehen - zumal Thujen die Schriftzüge verdecken würden. Ihn habe es geärgert, dass ein Fremder ihm vorgeben wolle, wie er mit dem Grab seiner Familie umzugehen habe.

„Dringend notwendige Kunstaktion“ in den Augen des Aktionskünstlers

Kastner allerdings steht hinter den Aktionen, das wird im Zuge des Prozesses deutlich: „Ich brachte diese dringend notwendige Kunstaktion, die in aller Öffentlichkeit stattfanden, am Ehrenkreuz und nicht am Grab der Frauen an. Die erhoffte Aufmerksamkeit haben wir erreicht. Als wir zufällig erfuhren, wer der Besitzer des Ehrenkreuzes ist, haben wir uns mehrfach mit der Bitte, gemeinsam eine Lösung zu finden, an ihn gewandt. Das war keine Nötigung, das war Notwehr. Ohne die Aktionen wären wir nicht so weit gekommen.“

Aktionskünstler Wolfram Kastner (rechts) am Landgericht Traunstein mit seinem Verteidiger Hartmut Wächtler.

Rechtsanwalt Harmut Wächtler ergänzte, man sei in den Schreiben an den Besitzer mit der Bitte um Mithilfe, das unzeitgemäße Ehrenkreuz zu beseitigen, herangetreten. Man habe „mehrere Versuche“ unternommen, um „gemeinsam zu einem Ergebnis zu kommen“. Seitens des Besitzers habe es allerdings keine Reaktion gegeben.

Resonanzen aus Kastners Tätigkeiten blieben nicht aus: Er habe neben „Morddrohungen und Beschimpfungen von Rechtsextremisten“ auch Zuspruch erhalten. Von Künstlerkollegen werde er unter anderem als „Rechtspfleger“ eingestuft. Unter den Zuhörern im Sitzungssaal befanden sich einige, die Kastner noch vor Prozessbeginn ihre Unterstützung aussprachen.

Beweisanträge seitens der Verteidigung abgelehnt

Die vorsitzende Richterin Andrea Titz lauschte den Ausführungen Kastners zum Tatvorwurf geduldig. „Wenn ich Sie richtig verstehe, dann räumen Sie den Sachverhalt der Tatvorwürfe ein. Die rechtliche Wertung obliegt uns.“

Noch bevor es zu einem Urteilsspruch kam, stellte Wächtler zwei Beweisanträge: Zum Einen erbat er ein kunsthistorisches Sachverständigengutachten in Auftrag zu geben, das beweisen solle, dass es sich beim Grabmal in Wirklichkeit um ein Zenotaph handele. Zum Anderen stünden die Aktionen seines Angeklagten „in künstlerischer Tradition in Deutschland, um in provokativer Art und Weise die Grenzen in der Gesellschaft auszuloten“.

Beide Anträge wurden abgelehnt. Die Strafkammer war der Ansicht, es sei für eine Entscheidung nicht von Bedeutung, ob es sich um einen Grabstein oder ein Kenotaph handle. Gleiches gelte für die künstlerische Einordnung von Kastners Aktionen.

Plädoyers bewegen sich zwischen Freispruch und Geldstrafe

Wächtler sprach sich für Freispruch aus und unterstrich in seinem Plädoyer, wieso der Angeklagte zu den künstlerischen Mitteln gegriffen habe, noch einmal die Bedeutung des Kenotaphs. Staatsanwältin Karin Hahn legte das Augenmerk auf die Vorfälle, mit denen sie die zur Last gelegten Tatbestände in ihren Augen als erfüllt betrachte.

Der Forderung Hahns auf eine Gesamtstrafe von 150 Tagessätzen à 15 Euro, insgesamt 2.250 Euro, veranlasste den Angeklagten in seinen letzten Worten an die vorsitzende Richterin zu appellieren, sie möge doch “mit klarem Blick urteilen“: „Es geht um die Freiheit der Kunst und die steht höher als die Verehrung eines Privateigentums.“

Titz folgte der Forderung der Staatsanwältin und erklärte in ihrer Urteilsverkündung kurz und knapp, dass die Berufung als unbegründet verworfen werde. Die Kunstfreiheit rechtfertige die Taten nicht, es habe sich um „geplante Aktionen“ gehandelt.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Rechtsanwalt Wächtler verkündete am Ende der Verhandlung, in Revision gehen zu wollen.

mb

Kommentare