Jugendhilfe grundlegend verändern

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Traunstein - „Sozialraumorientierte Jugendhilfe der richtige Ansatz“: Die CSU-Kreistagsfraktion diskutiert mit Sozialexperten Professor Dr. Hinte.

Die CSU-Kreistagsfraktion befasste sich in der letzten Fraktionssitzung erneut mit dem Thema der Neustrukturierung in der Jugendhilfe. Die jährlichen Steigerungen der Fallzahlen in der Jugendhilfe im Landkreis Traunstein müssen nach Meinung der Kommunalpolitiker gestoppt werden. Um die Thematik ausführlich zu diskutieren, luden die CSU-Politiker Herrn Professor Dr. Wolfgang Hinte von der Universität Duisburg-Essen ein.

Professor Hinte leitet das Institut für Stadtentwicklung, sozialraumorientierte Arbeit und Beratung der Universität Duisburg-Essen, betreut an der Universität ebenso das Sozialarbeitsstudium und gilt auf diesem Gebiet als ausgesprochener Experte. In einem mitreißenden Impulsreferat gab der Professor der CSU-Fraktion einige Anregungen, die Organisation der Jugendhilfe grundlegend zu verändern.

Als Grundsäulen der Jugendhilfe nannte der Professor drei Elemente, die gute soziale Arbeit ausmachen:

  • Die Jugendhilfe darf nicht danach fragen, was die Menschen brauchen, sondern was sie wollen. „Die Frage nach der Bedürftigkeit führe häufig dazu, dass die Betroffenen sich zurücklehnen und keine Eigeninitiative entwickeln“, erläuterte Hinte. Ausgangspunkt jeglicher Sozialleistung ist, dass man mit den Menschen Ziele vereinbart, die verständlich, klar formuliert, leicht überprüfbar und messbar sind.
  • Als zweiten Punkt nannte Hinte, dass die Hilfe aktivierend gestaltet sein soll. „Betreuung bedeutet immer, ich tue etwas für andere“, sagte Hinte. Das sei aber der falsche Ansatz: Der Sozialarbeiter dürfe nicht härter arbeiten als sein Klient. Entscheidend sei, was der Mensch selbst dazu beitragen kann, seine Situation zu verbessern. Dabei sollte auch das Umfeld des zu Betreuenden betrachtet werden: wie können Verwandte, Nachbarn, Schule, Vereine, etc. unterstützen.
  • Als dritte Säule sollen nach Meinung von Professor Hinte die eigenen Ressourcen des Menschen genutzt werden: „Die Jugendhilfeakten in den Ämtern geben immer Auskunft darüber, welche Defizite die Personen haben“, kritisierte Hinte. „Allerdings sind die Fähigkeiten und Kenntnisse des Jugendlichen/Kindes entscheidend.“ Diese müssten genutzt und gefördert werden.

Nach Meinung von Professor Hinte laufen in der deutschen Jugendhilfelandschaft einige Dinge verkehrt: Es wird genau das finanziert, was die Kommunen und Landkreise eigentlich verhindern wollen – die Fallzahlen. „Geld gibt es immer erst dann, wenn der Jugendliche ein "Fall" geworden ist – die Prävention wird vernachlässigt“, sagte Hinte. Der Mechanismus, der dann eintritt ist laut Hinte enorm: Die Hilfebedürftigen werden von freien Trägern der Jugendhilfe betreut, die von diesen Fallzahlen leben. „Deshalb behaupte ich, dass die Leistungserbringer nie einen Fall zu Ende bringen. Der Träger wird nicht dafür belohnt, die Hilfe abzuschließen. Es verhält sich gegensätzlich, der Sozialarbeiter wird immer Argumente finden, die Jugendhilfe fortzusetzen“, gibt sich Hinte überzeugt.

Diese Schwierigkeiten lassen sich laut Hinte mit einem Systemwechsel lösen:

Die Jugendhilfe sollte in regionalen sozialen Räumen organisiert werden, wobei die einzelnen Sozialräume mit Budget ausgestattet werden. „Ich empfehle, die Fallfinanzierung aufzugeben und die Umstellung auf eine sogenannte Sockelfinanzierung“, erklärte Hinte. Dies bedeute, dass der jeweilige Sozialraum mit Finanzen ausgestattet ist und ein Schwerpunktträger alle Hilfeempfänger in diesem Raum betreut. Die Kostenverantwortung empfiehlt Hinte, soll gemeinsam beim Jugendamt und beim Träger liegen. Wobei der Überschuss, den ein Sozialraum erwirtschaftet, beim Sozialhilfeträger bleibt und für Prävention verwendet werden sollte.

Auf Nachfrage von Kreisrat Robert Aigner, wie dieses System in anderen Kommunen und Städten funktioniert, antwortete Hinte, dass nach der Umstellung alle Beteiligten ein Interesse zeigen, mit dem Geld auszukommen. Dies liege auch oft daran, dass die Sozialhilfeträger plötzlich anfangen, viel flexibler zu arbeiten.

Bürgermeister Franz Parzinger wollte wissen, wie lange die Umstellung in anderen Regionen gedauert hat. Professor Hinte wies darauf hin, dass der Systemwechsel zur sozialraumorientierten Arbeit einen langen Atem benötige und anfangs auch mit Mehrkosten zu rechnen sei. „Das Ziel des Systemwechsels muss sein, die Fallzahlen zu senken“, stellte Hinte klar. „Jedes Kind und jeder Jugendliche, die Hilfe benötigen, ist einer zu viel.“ – das Beste am Systemwechsel sei laut Hinte, dass grundsätzlich mehr Geld für Prävention vorhanden ist.

„Mit Ihrem Vortrag rennen Sie bei uns im Landkreis offene Türen ein“, stellte Landtagsabgeordneter Klaus Steiner fest. „Was die Netzwerkstruktur anbelangt, sind wir in Traunstein auf einem guten Weg.“

Florian Aman, Jurist vom Landratsamt Traunstein gab zu bedenken, dass die Rahmenbedingungen aufgrund der unklar formulierten Gesetze schwierig seien. Die Jugendämter hätten keinen großen Spielraum – wenn einem Kind etwas zustößt, steht immer das Jugendamt in der Verantwortung. Dem erteilte Professor Hinte eine klare Absage. Seiner Meinung nach sei die Gesetzeslage eindeutig: Wenn die Betreuung einem Träger übertragen wurde, ist dieser Sozialhilfeträger bei einer Kindeswohlgefährdung die zuständige Instanz. „Wir brauchen selbstbewusstere Jugendämter“, forderte Hinte.

Der Leiter des Jugendamtes Traunstein, Hermann Feil, erklärte, dass das Traunsteiner Jugendamt ab dem 1. Januar 2014 die Sozialräume einteile. Auch die konkreten Zielformulierungen, wie von Hinte angeregt, werden in Traunstein bereits umgesetzt.

Fraktionsvorsitzender Karl Kaditzky dankte Professor Hinte für die sehr wertvollen Anregungen und betonte, dass die Umstellung auf die sozialraumorientierte Jugendhilfe nur mit dem Jugendamt gemeinsam umgesetzt werden könne. Die CSU-Fraktion war sich einig, dass die Politik Flexibilität gewährleisten und dem Jugendamt in der schwierigen Umstellungsphase den Rücken stärken muss.

Pressemeldung CSU-Kreisverband Traunstein

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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