Weiterer ehemaliger Schüler packt aus

War in den 70er-Jahren im Studienseminar Traunstein Gewalt an der Tagesordnung?

Das Studienseminar St. Michael in Traunstein heute
+
Wie war der Alltag am Studienseminar St. Michael in Traunstein in den 70er, 80er Jahren? Eine Frage, die Direktor Wolfgang Dinglreiter klären will.

Traunstein - Nach den schweren Vorwürfen eines ehemaligen Schülers gegen das Studienseminar St. Michael, insbesondere gegen den ehemaligen Leiter Engelbert Siebler, hat in der Einrichtung die Aufarbeitung begonnen. Ein weiterer Ehemaliger hat sich außerdem gegenüber chiemgau24.de zu Wort gemeldet.

Scalping, Schläge, Kopfnüsse - waren das die Erziehungsmethoden im Studienseminar St. Michael in Traunstein in den 70er Jahren? Nach einem ersten Artikel in der Süddeutschen Zeitung und schweren Vorwürfen von Seiten eines ehemaligen Schülers vor allem gegen den ehemaligen Leiter Engelbert Siebler, scheinen sich weitere Ehemalige aus der Deckung zu trauen.


Zumindest hat der jetzige Leiter des Studienseminars Wolfgang Dinglreiter in den Gesprächen nach dem Erscheinen des Artikels wahrgenommen, "dass es Betroffenen wichtig ist, gehört zu werden, mit allem, was sie an Unrecht erlebt haben, und dass ihre Geschichte ebenso wie Berichte anderer, die positive Erfahrungen gemacht haben, als ihre authentische Geschichte, ihr persönliches Erleben der Zeit im Seminar wahrgenommen und angenommen wird."

Die "Erzeugung von Angst und Schrecken" ist für den Direktor des Traunsteiner Studienseminars St. Michael, Wolfgang Dinglreiter, "indiskutabel".

Deshalb will das Studienseminar den nötigen Raum dafür schaffen. Derzeit reife ein Konzept für ein Gesprächsforum, "das von einer neutralen, nicht kirchlichen Person geleitet wird", so Dinglreiter gegenüber Chiemgau24.de. "Dieses Forum soll von einer Haltung des Zuhörens, der Empathie und der Aufklärung getragen sein sowie einer offenen, ehrlichen und differenzierten Aufarbeitung der Vergangenheit dienen. Anhand der Ergebnisse soll überprüft werden, welche weiteren Schritte der Aufarbeitung sinnvoll und nötig sind."


Strukturen in St. Michael 1970 wie in einem Priesterseminar

Worte, die Dirk K. (Name von der Redaktion geändert) kaum glauben kann, zumindest nicht im Zusammenhang mit dem Studienseminar St. Michael. Er war von 1969 bis 1974 Seminarist und lebte nicht ganz freiwillig dort. "Meine Mutter ist gestorben, als ich acht Jahre alt war. Mein Vater und meine Stiefmutter sahen es als das Beste an, mich dort unterzubringen", schildert er seine Erlebnisse gegenüber Chiemgau24.de.

"Es herrschten dort zu diesen Zeiten noch Strukturen wie in einem Priesterseminar. Zu bestimmten Zeiten durfte nicht geredet werden. Unter anderem ab dem Zähne putzen und das bei sechs Buben im Schlafsaal." Die Präfekten hätten damals an den Zimmertüren gelauscht, ob sich einer dem Redeverbot widersetzte. Wurde einer erwischt, sei er in den Studiersaal mitgenommen worden, sei geschlagen worden und habe Lateintexte übersetzen müssen, erinnert sich K.

"Vor allem das so genannte Scalping war bei meinem Präfekten sehr beliebt. Er griff an die Koteletten und drehte die Haut um. Anschließend gab es ein bis zwei Schläge ins Gesicht, das waren keine Ohrfeigen mehr." Diese Erinnerungen begleiten den heute über 60-Jährigen immer noch. Nicht nur ihm ging es so, auch ein enger Schulkamerad habe bis zum Ende seines Lebens unter der Gewalt in seiner Schulzeit gelitten.

"Ab Note vier wurde bestraft"

Es sei vor allem die Angst gewesen, die sie als junge Buben begleitet habe. "Die Strafen gab es vor allem bei schlechten Noten. Ab Note vier musste man sich in einer Reihe aufstellen und sich seine Schläge abholen." Oft habe es ihm auch nichts geholfen, dass er eigentlich ein guter Schüler war. "Die Studierzeit von 15.30 bis 18 Uhr hat manchmal einfach nicht gereicht, um alle Fächer zu lernen. Wenn dann eine Ex in dem Fach dran kam, dass ich nicht gelernt hatte, konnte ich mich schon auf Schläge einstellen."

Eine Situation wird Dirk K. nie vergessen. "Ich musste aufgrund einer Note 5 in einer Latein-Schulaufgabe zu meinem Präfekten aufs Zimmer kommen. Er hat mich dann auf brutalste Art und Weise zusammengeschlagen, wie von Sinnen hat er auf mich eingeprügelt. Meine Lippen waren aufgeplatzt und ich blutete aus Mund und Nase. Nachdem er mir ein Tempotaschentuch in die Hand gedrückt hatte, verabschiedete er mich mit den Worten: 'Eines sag ich dir, noch einen Fünfer und ich kleb dich an die Wand'."

Diese Worte wird Dirk K. nie vergessen. In der neunten Klasse nahm er all seinen Mut zusammen und bat seinen Vater, nach Hause kommen zu dürfen. Als dieser seinem Wunsch nicht nachkam, begann er schlechte Noten zu schreiben. "Ich sah es als den einzigen Ausweg an." Tatsächlich durfte K. am Ende der neunten Klasse das Studienseminar verlassen und eine Lehre beginnen.

Bricht die Mauer des Schweigens um das Studienseminar St. Michael?

Er arbeitet bis heute in der gleichen Firma und will eines klarstellen: "Ich erwarte mir nichts. Ich will nur diejenigen unterstützen, die sich zu Wort gemeldet haben. Ich will ihre Glaubwürdigkeit untermauern." Dirk K. bezweifelt nicht, dass es Schüler gab, die gerne im Studienseminar lebten, denen die Strukturen gut taten. Doch viele hätten auch einfach nur geschwiegen. "Wenn einer offensichtlich geschlagen worden war und man fragte, was los sei, antwortete derjenige grundsätzlich 'nichts'."

Eine Mauer des Schweigens, die wohl für diese Zeit nicht unüblich war. Auch die Lehrer im Chiemgau Gymnasium, die die Schüler aus dem Studienseminar unterrichteten, merkten davon nichts. Dirk K. hätte wahrscheinlich auch weiter geschwiegen, wenn er nicht das Gefühl gehabt hätte, endlich damit abschließen zu können.

K. ist sich sicher, dass das, was er im Studienseminar St. Michael erlebt hat, heute auf keinen Fall mehr vorkommen würde. Aber seine Geschichte hat ihn geprägt: "Ich kann es bis heute nicht verwinden, wie man da behandelt wurde. In der Messe wurde von Menschenwürde und Nächstenliebe gepredigt und anschließend gab es Schläge."

"Dunklen Kapiteln in der Geschichte unseres Hauses stellen"

Diese und andere Äußerungen geben auch Wolfgang Dinglreiter zu denken. "Obgleich die Vorwürfe von Vorgängen vor rund vier Jahrzehnten handeln, empfinde ich als derzeitiger Direktor des Studienseminars und des Campus St. Michael sie als erschütternd. Für mich und alle heute im Studienseminar Tätigen hat das Bemühen um eine wertschätzende und die Entwicklung stärkende Pädagogik oberste Priorität. Gerade deshalb ist es mir wichtig, dass wir uns auch dunklen Kapiteln in der Geschichte unseres Hauses stellen. Wir wollen versuchen denjenigen, die ihre Lebensphase im Studienseminar St. Michael als bedrückende und belastende Zeit erlebt und erlitten haben, gerecht zu werden."

Ob Dirk K. an diesem Prozess teilnehmen wird, weiß er noch nicht. Er hat seine Geschichte erzählt, das hätte er mit 18 Jahren sicher noch nicht getan. Bis heute hat er das Studienseminar nach seinem Abschied 1974 nicht mehr betreten.

cz

Kommentare