Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Traunsteiner Gesundheitsamtsleiter über Impfdurchbrüche und Varianten

„Ausrotten medizinisch unmöglich“ - Schwächt eine höhere Impfquote das Virus?

Dr. Wolfgang Krämer, Gesundheitsamtsleiter in Traunstein über Corona-Impfung
+
Dr. Wolfgang Krämer, Gesundheitsamtsleiter in Traunstein über die Wirksamkeit der Corona-Impfung, die ansteckendere Delta-Variante und 3G/2G-Regeln.
  • Marina Birkhof
    VonMarina Birkhof
    schließen

Nach den jüngsten Beschlüssen der Regierung steigt der Druck auf ungeimpfte Bürger, die 3G beziehungsweise 2G-Regel erhält mehr Gewicht. Dr. Wolfgang Krämer ordnet die neuen Maßnahmen zur Corona-Impfung für chiemgau24.de aus medizinischer Sicht und in seiner Funktion als Leiter des Traunsteiner Gesundheitsamts ein.

Traunstein - 41 aktive Fälle, eine Sieben-Tage-Inzidenz von 15,2, die Anzahl an Corona-Patienten in den Intensiv- und Normalstationen gleich Null (Stand 13. August): Dr. Krämers Tagesgeschäft ist es die Pandemie zu managen und Zahlen für den Landkreis Traunstein zu analysieren. Anhand der Daten kann er die Einschätzung von RKI und Bund und Ländern bestätigen, dass Deutschland ab dem Herbst/Winter wohl eine „Welle der Ungeimpften“ bevorstehen könnte.

Eine Auswertung der letzten vier Wochen zeigt: Im Kreis Traunstein gab es insgesamt 109 Neuinfektionen. Erkrankungen an Corona trotz vollständiger Impfung, sogenannte „Impfdurchbrüche“, lagen dabei bei unter vier Prozent. „Das bedeutet im Umkehrschluss: 96 Prozent der Neuinfizierten waren nicht oder unzureichend geimpft und damit einer höheren Ansteckungsrate ausgesetzt“, erläutert Dr. Krämer.

Impfung sorgt für leichteren und kürzeren Krankheitsverlauf

Zudem spiele für ihn die Altersverteilung eine Rolle: In Heimen beispielsweise gebe es dank einer hohen Durchimpfungsrate keine größeren Ausbrüche mehr und nur noch selten Infizierte. Tritt dennoch eine Infektion auf, so könne häufig ein milder Verlauf beobachtet werden. Bei Menschen ab 50 Jahren sei die Impfquote „sehr gut“. Betroffen von Infektionen seien vielmehr Jüngere und Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen.

„Natürlich bietet die Impfung keinen 100-prozentigen Schutz - das wurde auch nie behauptet. Tatsache aber ist: Wer geimpft ist und sich dennoch infiziert, durchläuft mit hoher Wahrscheinlichkeit einen leichten, kürzeren Krankheitsverlauf und belegt keine Intensivbetten.“

Die Impfung sei effektiv, dem Virus werde gezielt weniger Angriffsfläche geboten. Von daher könne Dr. Krämer als Leiter des Gesundheitsamts nur appellieren, dass jeder das unbürokratische Impfangebot annehmen sollte - außer jene, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden könnten. „Die Impfung ist die kraftvollste und effektivste Maßnahme, dieses Virus so weit unter Kontrolle zu bekommen, dass die Betroffenheit schrumpft. Wer geimpft ist, besitzt ein Schutzschild gegen das Virus.“ Selbst die Ständische Impfkommission (STIKO) empfehle eine Booster-Impfung für Genesene vier Wochen nach der Erkrankung.

Aktuell liege die Impfquote bundesweit bei rund 50 Prozent. Würden Quoten von 85 bis 90 Prozent erreicht, könne sich das Virus viel weniger durchsetzen und schwäche sich ab. Ob man dann überhaupt von einer vierten Welle über alle Bevölkerungsgruppen reden könne, glaubt Dr. Krämer nicht: „Das Virus verbreitet sich dort, wo es einen Wirt findet.“

Delta-Variante: Sorgt sie berechtigterweise für ein schlechtes Image der Impfung?

Die Delta-Variante ist seit vielen Wochen vorherrschend, andere Varianten des Virus spielen kaum mehr eine Rolle. Die Sorge vieler Bürger, dass die Impfung für die aggressivere Variante möglicherweise keine Hürde mehr sein könnte, wächst. Für Dr. Krämer jedoch kein Grund zur Besorgnis: „Studien besagen, dass die Impfung einen sehr guten Schutz gegen die Delta-Variante bietet. Bestätigt wird das Ganze von Daten aus England, wo Delta schon früher vorherrschend war und das Schutzniveau aufrecht erhalten werden konnte.“

„Jenes Virus, das vorherrscht und sich durchsetzt, verbreite sich auch am besten“, erläutert Dr. Krämer. „Wir werden es noch mit einigen Varianten zu tun bekommen - es liegt in der Natur dieses Virus, zu mutieren.“

Für ihn zählt daher die steigende Impfquote: „Ein größerer Impfschutz erhöht die Chance, dass sich das Virus abschwächt. Es wäre naiv zu denken, wir könnten Corona ausrotten, das ist medizinisch unmöglich. Wir werden dauerhaft mit dem Virus leben müssen. Aber: Je größer die Durchimpfungsrate, umso besser werden wir unter normalen Umständen mit den Auswirkungen des Virus leben können.“

Im Vergleich: 2G- und 3G-Regel

„Erfahrungswerte aus anderen Ländern wie Österreich, die früh mit der 3G-Regel begonnen haben, zeigen, dass man gerade bei der Nachtgastronomie damit auf die Nase gefallen ist“, erklärt Dr. Krämer dazu. „In Diskotheken, in denen natürlich mehr Leute ohne größeren Abstand beieinander stehen, sollten Schnelltests der ungeimpften Bevölkerung mehr Freiheiten ermöglichen. Soweit die Theorie. In der Praxis aber waren leider immer wieder größere Ausbrüche zu beobachten, die eine Verschärfung der Regeln für die Nachtgastronomie zur Folge hatten.“

Ein negativer Schnelltest, so erklärt es Dr. Krämer, sei „aus medizinischer Sicht niemals einem Genesenen- oder Geimpften-Nachweis gleichzusetzen“. Zuverlässige Ergebnisse bringe nur ein PCR-Test. Die 3G-Regel sei in den Augen des Gesundheitsamtsleiters also eine „fragliche Brücke für diejenigen, die sich partout nicht impfen lassen wollen“.

Wie sinnvoll ist es, weiter an Inzidenz-Werten festzuhalten?

„Leider ist die Rechtslage laut aktuell geltender Infektionsschutzmaßnahmen noch immer so, dass die Inzidenzen das Maß aller Dinge sind“, bedauert Dr. Krämer. „Ein Inzidenz-Wert über 60, wie es zuletzt im Nachbarlandkreis Berchtesgadener Land der Fall war, ist inzwischen anders zu werten als noch vor einem Jahr, als es keine Impfung gab. Die Impfraten aber fließen in die Inzidenzbetrachtung nicht mit ein.“

Er plädiere dafür, mehr Indikatoren zu betrachten - so wie das Landratsamt online auf seinem Corona-Dashboard. Aus Sicht von Dr. Krämer sei für eine umfassende Analyse der weiteren Entwicklung des Pandemiegeschehens wichtig, folgende Indikatoren zu betrachten:

  • die Inzidenz unter Berücksichtigung von geimpften/ungeimpften Personen
  • die Neuaufnahmen in den Krankenhäusern (sowohl Intensiv- als auch Normalstationen)
  • die Zahl der Rettungsdienst-Einsätze aufgrund von Corona- sowie Corona-Verdachtsfällen

„Zu Beginn war die Betrachtung der Inzidenz ein gutes Modell. Mit Start der Impfungen aber halten wir die Inzidenz als alleinige Zahl für Maßnahmen für nicht mehr geeignet und würden uns ein sachgerechtes Monitoring für Herbst und Winter wünschen“, unterstreicht Dr. Krämer, dem mit dieser Aussage durchaus bewusst ist, dass das Landratsamt lediglich fachliche Vorschläge machen könne. Die Entscheidungen liegen in der Hand der Regierung.

mb

Kommentare