Hat ein Mühldorfer seinen Nachbarn erstochen?

Ex-Freundin des Angeklagten: "Es ging alles ganz schnell"

Mühldorf am Inn/Traunstein - Ein Fall aus dem November 2019 wurde am Dienstag vor dem Landgericht Traunstein verhandelt. Ein Mühldorfer soll seinen Nachbarn im Streit getötet haben.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Ein heute 47-Jähriger Mühldorfer soll im November 2019 im Streit seinen Nachbarn erstochen haben.
  • Insgesamt 38 Mal soll er zugestochen und seinem Opfer an der rechten Halsseite eine faustgroße Wunde zugefügt haben.
  • Hintergrund soll gewesen sein, dass der Angeklagte eine Affäre zwischen dem Getöteten und seiner Ex-Freundin vermutet hatte
  • Der Angeklagte selbst behauptet, einen "Filmriss" gehabt zu haben und sich an die Tat nicht erinnern zu können
  • Auch die Ex-Freundin gab vor Gericht an, den genauen Tatablauf nicht mitbekommen zu haben. An anderslautende Aussagen nach der Tat könne sie sich nicht mehr erinnern.
  • Der Prozess wird am Freitag, den 24. Juli fortgeführt

Update, 17.30 Uhr - Weitere Zeugenaussagen

Vier weitere Polizeibeamte schildern danach zunächst noch ihre Eindrücke der Tatnacht. Unter anderem berichten zwei davon, dass der Angeklagte zunächst keine Reue über die Tat gezeigt habe. Einem von ihnen gegenüber habe er auf die Auskunft, das Opfer sei noch nicht tot mit "schade" geantwortet. 

Dann sagt die Ex-Freundin des Angeklagten aus. Das Problem in der Beziehung sei der Alkohol gewesen. "Wenn wir nichts getrunken haben, war alles O.K.." Sie selbst habe damit angefangen und den Angeklagten dazu ermutigt. "Er wurde immer wütend, wenn ich getrunken habe", berichtet sie weiter. Ende Mai 2019 sei es dann zu den bei der Polizei angezeigten Schlägen gegen sie gekommen. 


Daraufhin sei sie für eine Woche zum Nachbarn gezogen. "Er war für mich ein guter Mensch, ein guter Freund. Aber mehr nicht", betont sie. Sie habe dem Angeklagten angesehen, dass er neidisch gewesen sei und vielleicht eine Affäre vermutet habe. Erst auf ausdrückliches Nachfragen des Gerichts räumt sie ein, dass der Nachbar gegenüber dem Angeklagten behauptet habe, dass sie eine eine Affäre hätten. 

Bis zu dem Vorfall im November sei sie bei dem späteren Opfer des öfteren zu Besuch gewesen. Sie hätten getrunken und geredet, mehr nicht. Ende Oktober habe sie schließlich das Zusammenleben mit dem Angeklagten nach einem erneuten Prügel-Übergriff beendet."Weil ich in Mühldorf noch eine Ausbildung abschließen wollte, bin ich aber noch einmal zurückgekehrt." Sie habe dann kurzzeitig wieder bei dem Nachbarn gewohnt. 

Zum genauen Tatgeschehen könne sie nichts sagen. "Eben hatten wir noch unsere Aussprache, dann ist er plötzlich los gelaufen. Es ging ganz schnell." Weder habe sie gesehen, wie der Kampf der beiden Männer anfing, noch wer diesen begann. Auch nicht, wie der Angeklagte auf den Nachbarn eingestochen habe. "Im Protokoll des ersten Notrufs steht aber ihre Aussage, der Angeklagte habe soeben auf den Nachbarn eingestochen", wendet der Vorsitzende Richter ein. 

Auch ihr Vater habe der Polizei gegenüber wiedergegeben, dass seine Tochter gesagt hätte, sie habe gesehen, wie der Angeklagte Stiche in Hals und Gesicht des Opfers führte. Sie könne sich nicht mehr genau an das Geschehen erinnern, erwidert sie darauf. "Ich war selbst ziemlich betrunken", beteuert die 36-Jährige. Auch ihre Aussage, dass der Angeklagte angeblich nach dem Absetzen ihres ersten Notrufs verschwunden gewesen sei, wird vom Gericht angezweifelt. 

Um die Frage nach der Aussage im Notruf zu prüfen, wird das Notruf-Protokoll daraufhin mit der Tonaufzeichnung des Telefonats verglichen. "Er hat ihn mit einem Messer gestochen", ist die Frau darauf zu hören. Auch die Ausrufe des Angeklagten “Ich habe jetzt einen Mann umgebracht” und “Er ist tot” sind zu hören. "Ich kann mich daran nicht erinnern, wirklich nicht", beteuert die Ex-Freundin. Dann sagt noch ihr Vater aus. 

Der vorsitzende Richter konfrontiert ihn mit einer Aussage aus dem Dezember 2019. Damals habe er angegeben, vom Angeklagten in einem Telefongespräch vor der Tat einmal mit dem Tode bedroht worden zu sein."So erinnere ich mich daran aber nicht", entgegnet der Vater. "Halt dein Maul, hat er gesagt, an mehr kann ich mich nicht erinnern." 

Er bestätigt wiederum, seine Tochter habe ihm nach der Tat berichtet, sie habe gesehen wie der Angeklagte das Opfer in Hals und Wange gestochen habe. Genaueres über die Tat oder deren Hintergründe habe er aber sonst nicht von ihr erfahren. "Sie haben da sonst nie darüber geredet, nie gefragt?", fragt der Vorsitzende Richter ungläubig. 

Zuletzt sagt noch ein Paar aus, dass Untermieter des Getöteten war. "Er hat uns ganz stolz erzählt, dass er mit ihr eine Affäre hatte. Er war definitiv scharf auf sie", berichtet die Frau des Paars über ihn. Immer wieder habe es sichtlich Konflikte zwischen den beiden Männern gegeben. Das spätere Opfer habe sehr provokativ sein können. "Besonders wenn der Alkoholpegel da war", berichtet der Mann des Paars. Den Konflikt am Abend der Tat hätten sie erst als solchen wahrgenommen, als sie beide Männer schreien hörten, stimmen beide überein. 

Das Opfer habe noch "Du hast hier nichts verloren" gerufen, was der Angeklagte mit "Halt die Fresse" gekontert habe. Dann habe man Kampfgeräusche gehört. Sie hätten daraufhin den Notruf verständigt. Beide berichten auch, kurz hätten sie den Getöten noch nach dem Mann des Paars rufen gehört. Dann hätten sich der Angeklagte und seine Ex-Freundin noch einmal kurz auf russisch unterhalten. "Als ich hinunter gegangen bin, traf dann auch die Polizei ein", erinnert sich der Mann. Damit endet die Verhandlung am Dienstag. Nächster Fortsetzungstermin ist am Freitag dieser Woche, den 24. Juli.

Update, 12.50 Uhr - Zeugen sagen aus

Nun werden Zeugen gehört. Der Angeklagte habe sich widerstandslos festnehmen lassen, erinnert sich ein Polizist, der als einer der ersten am Tatort war. "Ich habe ihn abgestochen, er liegt im Haus", habe der Mühldorfer ihm gegenüber erklärt. 

Daneben sagt unter anderem ein Mühldorfer Kriminalkommissar aus. Während dessen Aussage starrt der Mühldorfer überwiegend wieder auf den Boden. Immer wieder wischt er sich über die Haare und das Gesicht, schnauft kräftig auf. Teilweise vergräbt er auch das Gesicht in den Händen. "Dass der Angeklagte seine Freundin geschlagen hat, konnte in einem Fall polizeilich dokumentiert werden", berichtet der Polizist. 

Nachbarn hätten von der Dreiecksbeziehung gewusst, auch mitbekommen, dass die Lebensgefährtin geschlagen wurde. Es gäbe auch Handy-Videos aus den Monaten vor der Tat, in denen der Angeklagte in die Wohnung des Nachbarn hineinfilmte.

Unmittelbar vor der Tat habe der Angeklagte in Textnachrichten an seine Ex-Freundin immer wieder Andeutungen und Ankündigungen gemacht, dass er dem Nachbarn etwas antun wolle. "Vier Stunden vorher schrieb er, dass er sich darauf freue, ihm den Hals aufzuschlitzen." Kurz vor der Tat habe der Angeklagte zudem ein bizarres Handyvideo gefilmt. 

"Darin ritzt er sich mit der Tatwaffe einen 'Nord-Stern' in den Arm ein. Er erklärt, was er nun tun würde, sei alleine seine Verantwortung." Warum der Mühldorfer dies getan habe, könne er nicht erklären. Ein Foto davon habe er auch der Ex-Freundin geschickt. Der 47-Jährige leugnet, sich daran zu erinnern."Da ist auch nichts mehr sichtbar." "Nach dem, was man auf Aufzeichungen der Bodycams der verhaftenden Beamten sieht, wirkt er trotz seiner Alkoholisierung nicht betrunken", erklärt der Kommissar.

Nach seinem Motiv gefragt, habe er einem Kollegen geantwortet: "Was würdest du denn machen, wenn ich deine Frau f***** würde?" "Er hat sich erkundigt, ob das Opfer noch am Leben ist", so der Polizist weiter. "Als ich ihm gesagt habe, dass er tot war, kam eine Reaktion, die ich so noch nicht erlebt habe", schildert er weiter. 

"Er hat den Daumen in die Höhe gereckt und sich auf seine Pritsche in der Zelle fallen lassen. Er machte den Eindruck, sehr zufrieden zu sein." Auf die Frage eines der Sachverständigen teilt der Angeklagte mit, schon früher Erinnerungslücken durch seinen Alkoholkonsum gehabt zu haben. Eine weitere Sachverständige äußert sich zu DNA-Spuren. "An der Messerklinge fanden sich Blutspuren, die zum Opfer gehören", erklärt sie. "Am Messergriff wiederum fanden sich DNA-Spuren, die sowohl vom Angeklagten als auch dem Opfer stammten." Es folgt nun eine längere Mittagspause, danach werden weitere Zeugen gehört.

Update, 10.31 Uhr - Das sagt der Angeklagte zu den Vorwürfen  

Der Angeklagte ist zunächst relativ auskunftsfreudig. Je mehr es aber um die unmittelbare Vorzeit der Tat und deren Hintergründe geht, desto mehr muss der Vorsitzende Richter nachhaken. "Ich glaube schon, dass ich hier zu Recht sitze", räumt der Mühldorfer ein. Er ist gebürtig aus Russland, als Jugendlicher zog er mit seiner Familie nach Deutschland. Überwiegend sei er bisher als Hilfsarbeiter tätig gewesen.

Seine Lebensgeschichte ist laut seinen Ausführungen geprägt von Problemen mit Drogen, später konsumierte er lediglich noch Alkohol. Wenn der 47-Jährige betrunken sei, habe er Aggressionsprobleme. Wenn er danach gefragt wird, blickt er immer wieder zu Boden, verstummt teils kurzzeitig. Immer wieder kam es zu Verurteilungen und Gefängnisaufenthalten, unter anderem nach einer Anzeige wegen Körperverletzung durch eine spätere Freundin. Zuletzt lebte er in Mühldorf mit seiner damaligen Lebensgefährtin.

Das Verhältnis zu dem Nachbarn habe sich verschlechtert, weil dieser immer wieder bei seiner Freundin übermäßiges Trinken ermutigt und gefördert habe. "Das wollte ich nicht. Es hat auch mich mit heruntergezogen." In den Monaten vor der Tat habe sein eigener Alkoholkonsum wieder zugenommen. Zuvor habe er eine Therapie erfolgreich absolviert.

Seine Freundin sei im Vorfeld der Tat bereits das zweite Mal zu dem Nachbarn gezogen. "Sie hat behauptet, ich würde sie schlagen." Ein Verhältnis mit dem Nachbarn habe sie stets geleugnet. Anfangs habe er ihr geglaubt. "Aber der Nachbar hat behauptet, sie hätten eine Beziehung."

Am Tag der Tat habe er sich stark betrunken. Es sei zum Streit mit der Freundin gekommen. "Danach hatte ich einen Filmriss und kann mich an nichts mehr erinnern." Seine Erinnerung setze erst wieder ein, als er vor der Haustüre des Nachbarn saß, umgeben von Polizisten. "Das Messer habe ich immer in der Jacke, das brauche ich für die Arbeit."

Nun folgt eine kurze Pause. Danach folgt die Beweisaufnahme.

Update, 8.55 Uhr: "Ich habe jetzt einen Mann umgebracht"

Der Angeklagte sei eifersüchtig auf seinen Nachbarn gewesen, so die Staatsanwaltschaft. Er habe eine sexuelle Beziehung zwischen ihm und seiner ehemaligen Lebensgefährtin vermutet. Am Abend der Tat sei er nach einem Gespräch mit ihr zur Wohnung des Getöteten gerannt. Er habe bereits ein fast neun Zentimeter langes Klappmesser dabei gehabt. Er soll dann die Wohnung durch die unverschlossene Türe betreten und den vermeintlichen Nebenbuhler dann in der Küche angetroffen haben.

Daraufhin habe er begonnen, auf diesen mit dem Messer einzustechen. Der ebenfalls stark alkoholisierte Attackierte hätte versucht, sich zu wehren und den Angreifer zu entwaffnen. Schon dabei sei er am Oberschenkel verletzt worden. Der Kampf der Beiden hätte sich dann von der Küche in das Schlafzimmer verlagert. Schließlich soll der Angeklagte sein Opfer dort zu Boden gebracht und mehrfach auf ihn eingestochen haben. Insgesamt habe er ihm 38 Stich-Schnittverletzungen zugefügt, sechs davon im Kopfbereich, 13 am Hals. An der rechten Halsseite hätte er seinem Opfer eine etwa faustgroße Wunde zugefügt, die Kopfschlagader an der rechten Hals-Mundbogenregion vollständig durchtrennt.

Die ehemalige Lebensgefährtin habe noch versucht einzugreifen. Da sie den Angeklagten nicht habe aufhalten können, rief sie den Notruf. Der Angeklagte habe dabei mehrfach in das Telefon “Ich habe jetzt einen Mann umgebracht” und “Er ist tot” gerufen.

Nun kann sich der Angeklagte zur Tat äußern, die ihm vorgeworfen wird.

Vorbericht

Laut dem Polizeibericht war es am 19. November 2019 gegen 21.50 Uhr zu einem Streit zwischen Nachbarn gekommen. In dessen Verlauf soll der Angeklagte seinem 57-jährigen Opfer mit einem Messer schwerste Verletzungen zugefügt haben

Der 46-Jährige wurde wenig später am Tatort von Beamten der Polizeiinspektion Mühldorf widerstandslos festgenommen.Die Ärzte konnten leider das Leben des 57-Jährigen nicht retten. Er verstarb noch am selben Abend in einem Klinikum.

Anklage wegen Totschlags

Die Staatsanwaltschaft Traunstein klagt den 46-Jährigen daher wegen Totschlags an. Gemäß Paragraph 212 des Strafgesetzbuchs, wird wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein, als Totschläger mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft. In besonders schweren Fällen ist auf lebenslange Freiheitsstrafe zu erkennen.

Die Verhandlung beginnt am Dienstag, den 21. Juli um 8.30 Uhr. Als Fortsetzungstermine sind Freitag, der 24. und Dienstag der 27. Juli jeweils ab 8.30 Uhr, sowie Dienstag der 04. August ab 9 Uhr angesetzt.

chiemgau24.de berichtet am Dienstag live aus dem Gerichtssaal.

hs

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