Theater am Traunsteiner Chiemgau-Gymnasium

Oberstufe inszenierte Janne Tellers "Nichts"

Traunstein - Das Oberstufentheater der Q12 am Traunsteiner Chiemgau-Gymnasium inszenierte eindrucksvoll Janne Tellers Parabel "Nichts".

"Nichts bedeutet irgendetwas!" - Diese radikale Behauptung stellt Pierre Anthon auf, als er nach einer durchzechten Nacht mit seinen Klassenkameraden kurzerhand vor deren Augen plakativ in einen Pflaumenbaum steigt. Denn nichts habe eine Bedeutung. Deswegen mache es auch keinen Sinn, irgendetwas zu tun. Logisch, oder? Das sehen seine Klassenkameraden, die Pierre Anthons nihilistische Haltung überhaupt nicht nachvollziehen können, anders. Um ihn vom Gegenteil zu überzeugen, beschließen sie, einen Berg aus Bedeutung aufzuschichten. Dieser beginnt noch relativ harmlos mit den innig geliebten Kopfhörern eines Mitschülers oder Fotos von früheren Bekannten. Die Opfer, welche die Jugendlichen bringen, sind aber bald nicht mehr freiwillig und erreichen nach und nach immer extremere und makabrere Dimensionen. So wird ein Mädchen von der Gruppe gezwungen, ihren Hund zu erschießen, während eine hingebungsvolle Gitarrenspielerin von einem ihrer Finger Abschied nehmen muss. Der Berg ist schließlich fertig und zieht die Aufmerksamkeit von Journalisten und Kunstliebhabern auf sich. Euphorisch entscheidet sich die gebrochene Gruppe dazu, ihren Berg bei einer Auktion zu versteigern und beweist somit in Pierre Anthons Augen die Bedeutungslosigkeit der verschiedenen Opfer. Warum sollte mensch nämlich irgendetwas weggeben, was ihm wichtig ist? Spöttisch steigt er vom Pflaumenbaum herab, verhöhnt seine Mitschüler und provoziert sie solange, bis die Gruppe schließlich die Kontrolle verliert und das Sägewerk, in dem der Berg der Bedeutung lagert, mit Pierre Anthon darin in Brand setzt, wo er verbrennt.

Inszenierung am Chiemgau Gymnasium

Stimmungsvoll und bedacht hat das diesjährige P-Seminar Theater am Chiemgau-Gymnasium Janne Tellers Parabel "Nichts" inszeniert. Ohne die Handlung zu melodramatisch oder überzogen darzustellen, ist es den Schauspielern gelungen, die Zuschauer mit philosophischer Nonchalance zu unterhalten und dem ernsten Thema einen Teil der Schwere zu nehmen. Dazu hat unter anderem das Spiel mit verschiedenen Stimmungen beigetragen, die sich von Ausgelassenheit während der Party am Anfang, zu Ernüchterung, Wut, Trotz, Angst und Hysterie wandelt und nach dem Tod von Pierre Anthon mit nachdenklicher, bedeutungsvoller Geladenheit endet. Immer wiederkehrender, melancholischer Gesang untermalte dabei vor allem den Wechsel zur gedankenvollen-grüblerischen Atmosphäre. 

Auch das Durchbrechen der "vierten Wand", die Darsteller haben unter anderem im Publikumsraum gespielt, hat die Zuschauer nicht nur in den Bann des Theaterstücks gezogen, sondern sie selbst auch zu einem Teil des Geschehens gemacht und die dringliche Frage nach irgendeinem Sinn im Handeln ganz direkt gestellt.Die provokante Behauptung, nichts habe eine Bedeutung, ist aber nicht die einzige Botschaft, die den Zuschauer zum Nachdenken anregt: Interessant ist außerdem die erschreckende Demonstration der Gruppendynamik, welche die Mitschüler dazu bringt, sich entwürdigend, unmenschlich und amoralisch zu verhalten und sich gegenseitig zu immer bestialischeren Opfern zu zwingen. 

Großer Respekt gilt den Schauspielerinnen und Schauspielern, die es mit überzeugender Spielweise geschafft haben, die Zuschauer teils zum Grübeln zu bringen, teils zu amüsieren und die Spannung über das Ende des Stücks hinaus zu halten, sowie Richard Steiger, der die Vorbereitungen und die Inszenierung geleitet hat. Chapeau auch vor dem braven Live-Hund, der geduldig das ganze Stück über mitgespielt hat, an dessen Ende die Behauptung "Nichts bedeutet irgendetwas" sympathischerweise weder vollständig widerlegt noch begründet worden ist - womit zumindest angedeutet wird, dass das wohl jeder für sich selbst entscheiden muss.

Pressemeldung Chiemgau Gymnasium Traunstein

Rubriklistenbild: © Chiemgau Gymnasium Traunstein

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