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Schwere Verläufe, Stationsschließungen und Belastung des Personals

Traunsteiner Pfleger über Lage an Kliniken: „Menschen sterben größtenteils an Corona und nicht mit“

Für medizinisches Personal ist die Zeit der Corona-Pandemie eine besondere Herausforderung und eine massive Belastung. Viele sehen sich bereits an der Grenze des Machbaren.
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Für medizinisches Personal ist die Zeit der Corona-Pandemie eine besondere Herausforderung und eine massive Belastung. Viele sehen sich bereits an der Grenze des Machbaren.

Traunstein - Seit 2010 ist Thomas S. ausgebildeter Gesundheits- und Krankenpfleger und arbeitet seitdem im Klinikum Traunstein. Seit Beginn der Pandemie 2020 ist er auf einer der Covid-Stationen tätig. Dort sorgen er und seine Kolleginnen und Kollegen immer wieder dafür, dass schwererkrankte Corona-Patienten, die nötige Unterstützung und Versorgung erhalten. Er erzählt im Gespräch mit OVB24 vom harten Alltag auf der Covid-Station.

  • Seit Beginn der Corona-Pandemie 2020 sehen sich Kliniken und Pflegeeinrichtungen einer besonderen Belastung ausgesetzt
  • Oft wird die Auslastung des Gesundheitssystems kritisch infrage gestellt, da manche Stationen geschlossen wurden
  • Immer mehr Ärzte, Pflege- und Einsatzkräfte melden sich mit Warnungen vor einer Überlastung zu Wort
  • Thomas S., Pfleger auf der Covid-Station am Klinikum Traunstein, erzählt im Gespräch mit chiemgau24.de von seinen Erfahrungen in der Pandemie

Im Frühjahr 2020 ging es los, als die Infektionszahlen deutschlandweit anstiegen und sich bald auch in der Region extrem häuften. Damals wurde die Normalstation im Klinikum Traunstein, auf der Thomas S. seit 2010 als Pflegekraft arbeitet, bereits zu einer Covid-Station umfunktioniert. Dafür wurden die regulären Patienten auf andere Stationen verlegt.

Schon bald nach der Eröffnung der Covid-Station gab es den ersten Rückschlag für Thomas S. und sein Team: „Ich bekam dann plötzlich Covid-19 Symptome und wurde im Anschluss auch sofort positiv getestet. Wie mir erging es mehreren Kollegen, die alle mehr oder weniger starke Symptome entwickelten, aber zum Glück alle nach der Quarantäne ohne wirklich schwere Verläufe wieder einsatzfähig waren.“ Nicht wenige Kliniken und Einrichtungen zur Pflege haben in diesem Jahr einen Ausbruch von Covid-19 erlebt. Zuletzt gab es im Landkreis Traunstein einen Ausbruch am Siegsdorfer Alten- und Pflegeheim Kardinal von Faulhaber, wobei sowohl Patienten als auch Pflegepersonal positiv auf SARS-Cov-2 getestet wurden.

Auch interessant: Pfleger der Mühldorfer CoVid-Klinik berichtet - "Die Zahlen, die man in den Medien hört, werden in der Arbeit zu Bildern" (Plus-Artikel vom 30. April)

Häufung von Corona-Fällen sind eine große Belastung für Kranken- und Pflegeeinrichtungen

Im frühen November führte ein Corona-Ausbruch am Bad Aiblinger RoMed Krankenhaus (Plus-Artikel) zu einem zwischenzeitlichen Aufnahmestopp. Trotz des Covid-Ausbruchs wurde die Klinik „nicht gänzlich geschlossen“. Sicherheitshalber bestand jedoch ein „Aufnahmestopp für das ganze Haus“. Wie Elisabeth Siebeneicher, Pressesprecherin der RoMed-Kliniken betonte, wurden zu dieser Zeit keine stationären Patienten aufgenommen. Die Klinik wurde bei der zentralen Rettungsleitstelle für die Notfallaufnahme abgemeldet. Auch kurz vor Weihnachten kam ein weiterer Corona-Ausbruch zur Reihe der betroffenen Kranken- und Pflegeeinrichtungen dazu: Im Katharinenheim, einem Bad Endorfer Seniorenheim (Plus-Artikel), hatten sich 53 Personen infiziert. Die Folge: Eine Einrichtung zweier Quarantänestationen. Diese Fälle dienen als Anschauungsbeispiele für die Folgen eines Corona-Ausbruchs in Kranken- und Pflegeeinrichtungen.

Pfleger auf Covid-Station verärgert über Zweifel an der Belastung der Kliniken

Die Lage ist ernst, schildert Thomas S. und deshalb ist er besonders verärgert, wenn er in Kommentarspalten liest, dass die Situation an den Kliniken wiederholt angezweifelt wird. „Immer wieder liest man Meinungen, die die Toten durch Covid-19 oder die Gefährlichkeit der Erkrankung infrage stellen“, erzählt der Pfleger. Es ärgert ihn, dass es so viel Zweifel daran gibt, ob die Belastung der Kliniken tatsächlich zugenommen hat. Viele der kritischen Kommentierenden beziehen sich dabei auf die sich ständig ändernde Zahl der verfügbaren Intensivbetten, Statistiken zu Todesfällen im Zusammenhang mit Covid-19 und teilweise auch auf Mythen um gefälschte Zahlen. Oft liest man von der Gegenüberstellung, dass die Opfer der Covid-19 Krankheit nur „mit“ und nicht „an“ Corona verstorben seien.

Für diesen Vergleich führt Thomas S. seine persönliche Erfahrung als Gegendarstellung an: „Ich habe in der Zeit auf der Covid-Station in den letzten Monaten sehr viele Patienten an der Erkrankung leiden und auch sterben sehen. So viele Todesfälle wie in den letzten Wochen habe ich persönlich in meiner gesamten Zeit als Pflegekraft vorher nicht gesehen. Es ist richtig, dass viele Verstorbene älter und/oder vorerkrankt sind, aber diese Menschen sterben definitiv zum allergrößten Teil „an“ Covid-19 und nicht „mit“, wie es häufig von einigen selbsternannten Onlineexperten heißt.“ Er stellt weiter fest, dass auch bei alten, dementen und dialysepflichtigen Patienten oder denjenigen, die einen Herzinfarkt hatten, nicht heißt, dass sie sowieso gestorben wären. Besonders diese Relativierung des Werts eines Lebens macht S. traurig und lässt ihn immer wieder aufs Neue fassungslos zurück. Die Gefährlichkeit der Erkrankung lässt sich seiner Meinung nach nicht dadurch herunterspielen, nur weil sie die trifft, die vorab schon geschwächt waren.

Lage an Kliniken „äußerst angespannt“

Auch aktuell ist die Lage in den Kliniken „äußerst angespannt“, erklärt Thomas S. weiter. Es gäbe schon einen „OP-Stop“, also ein Anhalten, des regulären Betriebs mit operativen Eingriffen, wenn diese nicht dringlich sind und deshalb verschoben werden können. Allerdings erzählt S. auch, dass es trotzdem kaum freie Plätze gibt. Er fragt sich: „Wie sollen die Kliniken noch Plätze auf den Intensivstationen schaffen, wenn bereits jetzt alles, was nicht absolut dringlich ist, verschoben wurde?“ Nach dem Stand vom 17. Dezember gab es im Landkreis Traunstein noch gerade einmal drei freie Intensivbetten.

Dass es neben Corona-Patienten auch jene gibt, die aktuell nicht operiert werden können, da aufgrund der Belastung und der fehlenden Kapazitäten weniger dringliche Fälle schlicht aufgeschoben werden müssen, ist ein weiterer Punkt, den Thomas S. betont. Auch für diese Patienten sei eine Reduktion der Fallzahlen enorm wichtig, erklärt er, da die negativen Auswirkungen oder gar Todesfälle, die aufgrund dieser Verschiebungen folgen könnten, nur mit einer Entlastung der Kliniken zu verhindern seien.

Gegenüber dem Deutschlandfunk teilte Thomas Schmitz-Rixen, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Anfang Dezember mit: „Das bedeutet für eine andere große Patientengruppe, dass sie nicht direkt oder nur verzögert operiert werden kann. Wir versuchen die Notfallversorgung aufrechtzuerhalten und das gelingt auch. Aber darüber hinaus wird’s doch sehr, sehr knapp.“ Besonders bei Erkrankungen des Herz-Kreislaufs sei Vorsicht geboten. Es komme laut dem Vizepräsidenten immer wieder vor, dass Operationstermine aktuell häufiger ein- oder sogar zweimal verschoben werden müssen, als das vor der Pandemie der Fall war.

Schmitz-Rixen bittet deshalb um Vorsicht: „Es gilt nicht nur den einen Opa und die Oma vor der Covid-Infektion zu schützen, sondern es gilt auch den Opa und die Oma zu schützen, wenn sie einen Herzinfarkt bekommen.“ Eine sofortige Behandlung ist nicht immer möglich, wenn die Krankenhäuser überlastet sind.

Covid-Pfleger besorgt über die Entwicklung in den nächsten Wochen: „Man bedenke auch die Zeitverzögerung“

Der Meinung einiger Kritiker nach seien die tatsächlichen Belastungen der Krankenhäuser im Moment vollkommen normal. Bei einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in Rosenheim am vergangenen Sonntag (20. Dezember) sagte der bekannte Corona-Kritiker Karl Hilz, ehemaliger Hauptkommissar der Polizei München „Wir denken, dass wir über die tatsächliche Lage im Land aufklären können und sollen. Die Lage ist nämlich eine andere, denn die Krankenhäuser sind genauso belegt wie jeden Herbst und Winter die Jahre zuvor.“

Für Thomas S. sind solche Aussagen belastend. Besorgt blickt er auf die kommenden Wochen: „Man bedenke auch die Zeitverzögerung von bis zu mehreren Wochen zwischen Ansteckung, Krankenhausaufnahme und Intensiv-Verlegung. Der Zustrom an Patienten wird also höchstwahrscheinlich in den nächsten Wochen noch sehr hoch bleiben und die Verweildauer der Patienten ist häufig sehr lange.“

Patienten bekommen immer wieder Morphium zur Reduktion der Angstzustände durch Atemnot

Der oft von Kritikern bemühte Aspekt, dass Corona nur alte und schwache Menschen mit Vorerkrankungen treffe, stößt Thomas S. gerade deshalb sauer auf, da er immer öfter neben den „klassischen“ Risikopatienten auch vermehrt jüngere Patienten auf die Station bekommt. S. erzählt davon, dass besonders die älteren, vorerkrankten Risikopatienten nach ärztlichem Ermessen schon bei der Aufnahme gefragt werden, ob sie einen möglichen Intensivaufenthalt oder Reanimation in ihrer speziellen Situation überhaupt wünschen.

Der folgende Aufenthalt auf der eigentlichen Normalstation ist für Covid-Patienten kein Spaß. Ganz im Gegenteil, wie Thomas S. berichtet: „Dort bekommen sie dann nach Arztanordnung Sauerstoff, Inhalationen, Cortison, Blutverdünner, Remdesivir und so weiter. Immer wieder ist es auch nötig Patienten mit Morphium zur Reduktion der Angstzustände durch Atemnot zu verabreichen.“ S. ist wichtig, zu betonen, dass diese Situation für Ärzte und Pfleger, aber besonders für die Patienten sehr belastend ist. Abseits der Intensivstationen sind laut seiner Aussage auch die Normalstationen an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt.

Deshalb werden Stationen geschlossen: Mehr Personalaufwand für Covid-Stationen

Oft wird argumentiert, dass die Lage an den Kliniken nicht sonderlich brisant sein könne, da Stationen geschlossen wurden. Der Eindruck entsteht, dass diese Schließungen erfolgen, weil sich eine Öffnung aufgrund niedriger Belastung nicht lohne. Das ist jedoch nicht korrekt, erklärt Thomas S. und verweist dabei auf den Aufwand einer Covid-Station: „Eine Öffnung (Anm. d. Red. der Normalstationen) ist derzeit überhaupt nicht möglich, da die Versorgung von Patienten mit Covid-19 extrem personalaufwendig ist. Für den Betrieb einer Covid-Station wird ungefähr das Pflegepersonal von zwei normalen Stationen benötigt.“ Das Personal der geschlossenen Stationen hat also nicht frei, sondern unterstützen die Teams auf den Covid-Stationen.

Auch Pflegekräfte, welche eigentlich in anderen Fachgebieten aktiv sind, unterstützen aktuell die Covid-Stationen, erzählt Thomas S. und stellt die drängende Frage: „Wer soll also bei gleichbleibend hohen Zahlen eine weitere Station, die zwar räumlich vorhanden ist, für die aber kein Personal bereitsteht, betreuen?“ Für ihn ist die einzige Lösung, die aktuell eine Linderung der Belastung verspricht, dass sich mehr Bürgerinnen und Bürger an der Reduktion der Ansteckungszahlen beteiligen. Dazu möchte S. ermutigen und mahnt, dass es niemandem hilft, wenn man sich aufgrund unterschiedlicher Ansichten bekriegt und Unsicherheit verbreitet. Das Wesentliche wird dabei aus den Augen verloren, so S. zur momentanen Debatte.

Keine Angst schüren - Corona und die Belastung der Krankenhäuser soll dennoch ernst genommen werden

Es gibt viele Kritiker der Maßnahmen, welche zur Eindämmung des Infektionsgeschehens getroffen wurden, die durchaus die Schwere der Gefahr durch das Corona-Virus ernst nehmen. Zu diesen zählt sich auch Thomas S.. Allerdings lassen sich seiner Überzeugung nach die Überlastung des Gesundheitssystems und die damit möglichen verbundenen Todesfälle auch nur verhindern, wenn Abstandsregeln eingehalten, Kontakte reduziert und Mund-Nasen-Bedeckungen getragen werden.

Als Pfleger der Covid-Station am Klinikum Traunstein sieht Thomas S. den Schutz der Risikogruppen im Krankenhaus als äußerst wichtige Maßnahme. Jedoch sieht er die Verantwortung auch bei der gesamten Gesellschaft, da sich das Eindringen des Virus in Altenheime und Kliniken durch den alleinigen Schutz von Risikopatienten nicht verhindern lässt. Ausschließlich eine Verringerung der Gesamtzahl der Infizierten in der Bevölkerung hilft, mahnt Thomas S. mit Nachdruck.

Abschließend betont er, dass er mit seinen Erfahrungen keine Angst schüren möchte. Glücklicherweise haben viele Infizierte einen milden oder sogar einen gänzlich asymptomatischen Verlauf. „Nur ein Bruchteil der Erkrankten entwickelt eine gefährliche Covid-Pneumonie mit den gefährlichen Folgeerscheinungen“, beschwichtigt er im Gespräch. Aber man dürfe sich nicht der Tatsache verwehren, dass dieser Anteil im derzeit extremen Infektionsgeschehen vollkommen ausreicht, um das Gesundheitssystem an seine äußersten Grenzen zu bringen. Dass dieser Umstand bekannt ist und verstanden wird, ist dem Pfleger aus Traunstein sehr wichtig, denn: „Nur gemeinsam können wir die Covid-Situation verbessern.

mda

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