Prozess wegen Messerattacke in Wasserburg

Angeklagter droht Zeugen: "Pass bloß auf, was du der Polizei sagst"

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Der Angeklagte aus Wasserburg mit seinem Anwalt Harald Baumgärtl.
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Traunstein - Großeinsatz für Polizei und Spezialkräfte im Juli 2018 in der nördlichen Burgau: Ein Streit zwischen zwei Wasserburgern eskalierte derart, dass der Jüngere der beiden schwere Stichverletzungen davontrug. Seit Dienstag muss sich der mutmaßliche Täter nun vor Gericht verantworten.

UPDATE, 16.55 Uhr - Weitere Zeugen sagen aus

Die nächsten beiden Zeugen sind Bekannte des Angeklagten und Freunde des Geschädigten. Beide seien bei der Tat von Beginn an dabei gewesen. Vom schlechten Verhältnis zwischen Angeklagtem und Geschädigtem haben sie gewusst.

Bereits als der Angeklagte mit dem Auto in der Altstadt auf die kleine Gruppe zugefahren und der spätere Geschädigte nicht sofort von der Sitzbank weggesprungen sei, so versicherte der erste Zeuge gegenüber dem Vorsitzenden Richter, hätte der Angeklagte den 28-Jährigen gewiss mit dem Auto touchiert.

Vor dem Fahrzeug des Angeklagten hätten die beiden dann später in der Burgau ein Wortgefecht gehabt, das mit den Stichen von Seiten des Angeklagten geendet habe. Beide Zeugen betonten, sie hätten die ganze Zeit über am Auto des Geschädigten gewartet und Abstand gehalten – etwa fünf bis zehn Meter. 

Der erste Zeuge habe noch versucht, die aufgeheizte Stimmung zu entschärfen, der Angeklagte aber habe ihm nur gedroht: "Pass bloß auf, was du der Polizei sagst." Der Zeuge habe dann den Notruf abgesetzt für seinen verletzten Freund. Er habe sowohl Angst um sein Leben, als auch um das seines Freundes gehabt.

Der zweite Zeuge konnte zum Wortgefecht selbst laut eigener Aussage nicht viel sagen, da bosnisch geredet worden sei und er als Türke der bosnischen Sprache nicht mächtig sei. Erst als er das blutüberströmte weiße T-Shirt seines Freundes gesehen habe, habe er den Ernst der Lage realisiert und ihn sofort ins Krankenhaus gefahren.

Die Verhandlung wurde am späten Nachmittag unterbrochen. Der Prozess wird am Dienstag, 5. Februar, um 9 Uhr fortgesetzt.

UPDATE, 15.45 Uhr - Aussage des Geschädigten

Der inzwischen 28-jährige Geschädigte mit bosnischen Wurzeln kennt laut eigener Aussage den Angeklagten als "flüchtigen Bekannten" aus Wasserburg, will aber „nie wirklich“ mit ihm zu tun gehabt haben.

Der Auseinandersetzung in der Burgau im Juli 2018 sei ein Vorfall in der Innenstadt im Februar 2017 vorausgegangen: Der Geschädigte habe sich damals bedroht gefühlt und habe das Auto des Angeklagten, das dem Vater gehöre, demoliert. Daraufhin seien gegenseitige Anzeigen wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung gefolgt, deren Verfahren jedoch eingestellt worden seien.

Das nächste Aufeinandertreffen sei dann erst am 25. Juli 2018 erfolgt. Der Geschädigte sei mit Freunden am frühen Abend in der Stadt auf einer Bank in der Herrengasse gesessen. Nach einiger Zeit sei plötzlich der Angeklagte mit einem Auto herangefahren, und sei in Richtung des Geschädigten gefahren.

„Ich bin weggesprungen, die Bank wurde beschädigt. Dann ist er mit einem giftgrünen Messer aus dem Auto gesprungen, hat mich beschimpft und bedroht. Ich kann mich an Worte erinnern wie ‚Ich steche dir die Augen raus. Ich bring dich um und schlitze dich mit dem Messer auf", schildert der Geschädigte, der den Grund des Angriffs in den Vorfällen im Jahr 2017 vermutet.

Als der Angeklagte schimpfend zum Auto zurück gegangen und weggefahren sei, habe der Geschädigte entschieden, die Sache „auf normalen Weg“ klären zu wollen, so dass nicht noch mehr passiere.

Als der Angeklagte den Geschädigten gesehen habe, sei dieser mit dem Messer auf ihn losgegangen. Er habe auch Schlagbewegungen in Richtung des Angeklagten getätigt. Die beiden Freunde hätten indes beim Auto des Geschädigten gewartet und seien laut des 28-Jährigen nicht an der Auseinandersetzung beteiligt gewesen. Als er die Stiche gespürt habe und das Blut gesehen habe, sei der 28-Jährige weggelaufen und habe sich auf den Boden neben sein Auto gelegt.

Auf der Intensivstation habe er „um mein Leben gekämpft“. Seitdem leide er sowohl unter körperlichen als auch psychischen Folgen: „Ich habe Angst rauszugehen, sobald ich ein Auto hinter mir höre, denke ich, es kommt wieder ein Angriff. Ich sehe die Bank, die nach wie vor deformiert ist, und werde immer an den Vorfall erinnert“, erzählt der 28-Jährige vor Gericht.

UPDATE, 14.05 Uhr - Nagelfeile statt Messer als Tatwerkzeug?

Ein Polizeibeamter der Inspektion Rosenheim berichtet als erster Zeuge über den Tathergang. Am 25. Juli 2018 sei ein Notruf wegen einer Messerstecherei abgesetzt worden. Es habe sich herausgestellt, dass es am frühen Abend in der Wasserburger Altstadt bereits schon zu einer Streiterei zwischen dem Angeklagten und dem späteren Geschädigten gekommen sei. 

Der Angeklagte sei dabei mit dem Auto mit etwa 15 km/h in Richtung der drei Männer, die am Tatabend ebenfalls beteiligt gewesen seien, gefahren. Der spätere Geschädigte sei von der Bank aufgesprungen, bevor das Auto diese erfasst habe. Der Angeklagte sei ausgestiegen und mit einem Küchenmesser in der Hand mit bedrohenden Worten auf den späteren Geschädigten zugegangen – es habe sich ein Wortgefecht um eine schon frühere Auseinandersetzung im März 2017, bei der das Auto des Vaters des Angeklagten beschädigt worden sei, entwickelt.

Weil der Geschädigte noch in der selben Nacht an der Wohnung des Angeklagten die Angelegenheit habe klären wollen, sei es wieder zu einer Auseinandersetzung gekommen – erst verbal, dann tätlich. Die Zeugen hätten laut dem Beamten widersprüchliche Aussagen in punkto Verlauf gemacht.

Gegen 6.30 Uhr habe sich der 29-Jährige bei der Polizei gemeldet und sei in München festgenommen worden. Bei der Vernehmung habe er angegeben, er sei von drei Männern angegriffen worden und habe sich mit einer Nagelfeile gewehrt, die er nach der Tat weggeworfen habe. Eine Nagelfeile sei jedoch nie gefunden worden, so der Polizist. Untersuchungen hätten ebenso mehr auf ein Messer als Tatwerkzeug hingedeutet.

Die Aussage, er habe sich mit einer Nagelfeile zur Wehr gesetzt, habe der Angeklagte auch gegenüber einem Polizeibeamten aus Unterhaching getätigt, der bei der Festnahme beteiligt gewesen sei. Die Feile habe er im Radius von 200 Metern im Umfeld des Tatorts weggeworfen.

Auch einem Beamten der Polizeiinspektion Rosenheim erzählte der Angeklagte am Tag nach der Tag, er habe nichts gemacht, sich nur gewehrt und den Geschädigten lediglich zweimal mit einer Nagelfeile gestochen.

Dass er eine Nagelfeile als Tatwerkzeug in Gebrauch gehabt habe, darüber hat der Angeklagte am ersten Prozesstag vor Gericht kein Wort mehr verloren. Ein Sachverständiger des Landeskriminalamts löst die Situation im Gerichtssaal auf: "Ich habe große Augen bekommen, als ich jetzt gehört habe, dass die Feile nicht mehr relevant ist. Das T-Shirt des Geschädigten wies zwei Einschnitte auf, die auf eine Beschädigungen durch eine Messerschneide hinweisen. Das Spurenbild lässt den Schluss zu, dass bei der Tat sich definitiv nicht um eine Nagelfeile gehandelt haben konnte."

Beim Angeklagten wurde am Morgen des nächsten Tages ein Alkoholtest durchgeführt. Dieser erbrachte einen Wert von null Promille. Als nächstes wird der Geschädigte vor Gericht seine Aussage tätigen.

Update, 11.37 Uhr: Angeklagter äußert sich zur Tat

In einer kurzen Stellungnahme erklärt der Angeklagte, ein gebürtiger Bosnier, der die kroatische Staatsbürgerschaft inne habe, zu Beginn, er trinke täglich zwischen sechs und zehn Bier – meistens 0,33 Liter-Flaschen. Ebenfalls konsumiere er gelegentlich Drogen wie Kokain.

Der Angeklagte, so beginnt Pflichtverteidiger Harald Baumgärtl in der Stellungnahme zum Tatvorgang, kenne den Geschädigten vom Sehen, man habe nie sehr engen Kontakt gehabt. Es habe aber dann 2017 eine Begegnung gegeben, nach der es zu mehreren verbalen wie körperlichen Streitigkeiten gekommen sei. Rund eineinhalb Jahre später habe man dann versucht, die Angelegenheit zu klären. Dies sei jedoch wieder ausgeartet: der Angeklagte sei mit dem Auto gefährlich nahe an den Geschädigten herangefahren und habe eine Sitzbank in der Wasserburger Altstadt beschädigt.

Am Tatabend habe der 29-Jährige bis etwa 23 Uhr eigenen Angaben zufolge sechs bis sieben 0,33-Liter Bier getrunken. Gegen 1.30 Uhr habe der Angeklagte rückwärts vor seiner Wohnung am Willi-Ernst-Ring geparkt und sei ausgestiegen, um nach Hause zu gehen. Da habe er drei Männer gesehen, unter ihnen habe er den Geschädigten erkannt. Daraufhin sei erzum Auto zurück gegangen und habe, wie er selbst auf Nachfrage von Richter Fuchs behauptet, „aus Angst“ ein Messer, das sich im Auto befunden habe, in die Hosentasche gesteckt.

Der Geschädigte habe laut der Aussage des Angeklagten Streit gesucht, den 29-Jährigen beleidigt und ihm einen Schlag gegen die Stirn versetzt. Auch die anderen beiden hätten bei Schlägen mitgemacht. Daraufhin habe der Angeklagte, weil er sich bedroht gefühlt habe und um sich zu verteidigen, das Messer eingesetzt. Ob und wen der drei Männer er verletzt haben könnte, habe er nicht gesehen. Für ihn sei die spätere Nachricht, dass der Geschädigte schwerste Bauchverletzungen davongetragen habe, überraschend gekommen.

Der Angeklagte sei schließlich zurück zum Fahrzeug gegangen und sei, wie er sagt, „vor Schock“ nach München zu seiner Freundin gefahren, habe sich dann aber nach einem Telefonat mit seinem Vater am frühen Morgen der Polizei gestellt.

Als nächstes werden Zeugen und Sachverständige gehört.

Update, 10.23 Uhr: Staatsanwaltschaft verliest Anklageschrift

Der Vorsitzende Richter Erich Fuchs eröffnet die Sitzung und übergibt Staatsanwalt Dr. Oliver Mößner das Wort zum Verlesen der Anklageschrift: Dem 29-Jährigen wird versuchter Totschlag in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung vorgeworfen.

Am 25. Juli 2018 um circa 1.30 Uhr habe der Geschädigte laut Staatsanwaltschaft mit zwei Freunden den Angeklagten in seiner Wohnung in der Burgau aufgesucht – diesem Treffen sei ein älterer Streit in der Wasserburger Innenstadt vorausgegangen, bei dem der Angeklagte in gefährlicher Art und Weise mit dem Auto erst auf den Geschädigten zugefahren sei und dann nach einer verbalen Auseinandersetzung mit einem Messer gedroht haben soll, den Geschädigten umzubringen.

Vor dem Anwesen am Willi-Ernst-Ring sei es dann in der Tatnacht zuerst zu einer verbalen Auseinandersetzung gekommen, schließlich habe der Angeklagte erneut zu dem Messer mit einer Klingenlänge von etwa 15 Zentimetern gegriffen. Der Angeklagte habe dem Geschädigten, der das Messer zuerst nicht bemerkt habe, mehrere Stichverletzungen im Bereich des Bauches zugefügt, was zu erheblichem Blutverlust geführt haben soll.

Die zwei Zeugen sollen auf den Angeklagten eingeredet haben, von dem Geschädigten abzulassen, der bereits auf dem Boden gelegen hatte. Als einer der Zeugen einen Meterstab zur Verteidigung in die Hand genommen habe, sei der Angeklagte schließlich mit dem Auto geflüchtet.

Der Geschädigte sei zu einer Not-Operation eingeliefert worden; weitere langfristige Krankenhausaufenthalte seinen notwendig gewesen.

Vorbericht

Die Staatsanwaltschaft Traunstein hat Anklage wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung gegen einen 29-Jährigen aus Wasserburg erhoben. Die Hintergründe der Tat und den genauen Tatablauf wird jetzt das Landgericht ab Ende Januar klären. 

Messerattacke ging frühere Streitigkeit voraus 

Am 25. Juli 2018 gerieten die beiden Wasserburger aneinander - zuerst verbal. Die beiden jungen Männer hatten laut Polizei zuvor bereits eine Streitigkeit. Als der spätere Geschädigte diese an dem besagten Tag im Juli 2018 klären wollte, ging der 29-jährige Tatverdächtige auf ihn los. 

Im weiteren Verlauf des Streits habe der beschuldigte 29-Jährige zum Messer gegriffen und auf den 27-Jährigen vor dessen Wohnung am Willi-Ernst-Ring in der nördlichen Burgau eingestochen. Der junge Mann erlitt dadurch mehrere schwere Stichverletzungen am Körper und musste von Einsatzkräften zu einer Not-Operation in ein Krankenhaus eingeliefert werden.

Der Tatverdächtige ergriff nach dem Angriff mit dem Messer zunächst die Flucht, konnte durch ein Großaufgebot von Polizei gemeinsam mit Spezialeinsatzkräften aber kurz nach der Tat am frühen Morgen des 26. Juli 2018 festgenommen werden. Die Kriminalpolizei hat sofort mit den Ermittlungen begonnen. Die Zweigstelle Rosenheim der Staatsanwaltschaft Traunstein erließ einen Tag später bereits Haftbefehl gegen den Mann. Er befindet sich seither in einer Justizvollzugsanstalt. 

Kriminalpolizei ermittelt nach Messerstecherei in Wasserburg

Aufgrund ihrer Ermittlungen legt die Staatsanwaltschaft Traunstein dem 29-jährigen Tatverdächtigen versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung zur Last.

Der Prozess vor der 5. Strafkammer am Landgericht Traunstein beginnt am 29. Januar 2019 um 9 Uhr. Zwei Fortsetzungstermine sind anberaumt: Für den 5. und den 8. Februar - ebenfalls jeweils um 9 Uhr.

mb

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