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Vortrag mit Bildern von Dr. Paul Schüller

Themenabend bei der SPD Traunstein „Afghanistan im Oktober 2022“

Reisegruppe mit (v.l.) Dr. Paul Schüller, ein Regierungsmitglied der Taliban, Dr. Heinz Schoeneich.
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Reisegruppe mit (v.l.) Dr. Paul Schüller, ein Regierungsmitglied der Taliban, Dr. Heinz Schoeneich.

Zu einem Themenabend traf sich der SPD-Ortsverein Traunstein im Gasthof Haidforst. Die stellvertretende Vorsitzende Monika Stockinger begrüßte die Anwesenden und stellte den Referenten vor. Der Arzt Dr. Paul Schüller, langjähriges Mitglied im Ortsverein, ist seit vielen Jahren für „Ärzte ohne Grenzen“ in Afrika und Asien unterwegs, um Krankenhäuser zu besuchen und Menschen vor Ort medizinisch zu versorgen. An diesem Abend berichtete er aus Afghanistan.

Die Mitteilung im Wortlaut:

Traunstein - Im Oktober besuchte Dr. Paul Schüller, Surberg, auf Einladung der Taliban Afghanistan im Auftrag von Interplast Germany Afghanistan. Interplast ist ein gemeinnütziger Verein für plastische –und Wiederherstellungschirurgie in Entwicklungsländern. Ziel der Mission war es, geeignete Krankenhäuser für medizinische Einsätze zu suchen. Dr. Schüller war bereits 1972 und 1973 als Medizinstudent in Afghanistan. Den Kontakt zu den Taliban-Ministerien hatte Tomas Avenarius, Korrespondent der SZ in Istanbul, hergestellt. Zusammen mit Avenarius und Dr. Heinz Schoeneich, plastischer Chirurg aus München, verlief der Anflug über Dubai mit einer afghanischen Maschine nach Kabul problemlos. Wegen der täglichen Bombenanschläge in Kabul war die Reise natürlich mit Risiken verbunden. Drei schwerbewaffnete Taliban-Soldaten wurden für die Dauer des Aufenthaltes zum Schutz der Reisegruppe abgestellt.

Ohne offizielle Genehmigung durch die Ministerien darf weder Kabul noch das Land betreten werden. Nach mehrtägigen Verhandlungen mit Hilfe von einheimischen Kontaktpersonen wurde die Genehmigung zum Besuch von Krankenhäusern durch die Taliban erteilt. Die Millionenstadt Kabul gleicht in manchen Stadtteilen einer Festung. 6 m hohe Mauern ummauern das Regierungsviertel, unzählige Straßensperren und Checkpoints mit schwerbewaffneten Taliban sind angsteinflößend. Andere Stadtteile gleichen asiatischen Metropolen mit chaotischem Autoverkehr, Supermärkten, Hochhäusern, modernen Geschäften, Leuchtreklamen und bombastischen Hochzeitspalästen. Kabul war Ende der neunziger Jahre durch den Bürgerkrieg völlig zerstört. Die soziale und wirtschaftliche Lage in Afghanistan ist katastrophal. Die Hälfte der Bevölkerung hungert, es besteht eine Arbeitslosigkeit von über 90 Prozent, Gehälter werden seit Monaten nicht mehr ausbezahlt, die Menschen verkaufen ihren Hausrat und bieten ihre Niere zur Transplantation an. Fast der gesamte Mittelstand hat nach dem Abzug der Amerikaner und der NATO im Jahr 2021 das Land verlassen. 75 Prozent des Staatshaushaltes werden über internationale Entwicklungshilfsgelder finanziert. Aufgrund der natürlichen Energie und Ressourcen (z.B. Lithium) ist Afghanistan eines der reichsten Länder der Welt.

Der internationale Zahlungsverkehr ist unterbrochen, alle Banken sind geschlossen. Ein großer Teil des Bruttoinlandsproduktes macht die Drogenwirtschaft aus, Afghanistan ist weltweit der größte Opiumproduzent und Rohstofflieferant für Heroin. Dr. Schüller und sein Kollege besuchten ein Krankenhaus in Kabul, das sich für spezielle plastische Operationen bei Verbrennungspatienten eignet. Es ist das einzige Krankenhaus für Verbrennungen in diesem riesigen Land. Vom leitenden Arzt erfuhren sie von dem verheerenden, kurz vor dem Kollaps stehenden Gesundheitssystem. Aufgrund der Sanktionen fehlen wichtige medizinische Geräte, Verbandsmaterial, Medikamente und vor allem Narkosemittel. Viele Kinder können nicht operiert werden, da Narkoseärzte und -ärztinnen fehlen. In seinem Vortrag wies Dr. Schüller auch auf die schreckliche Situation der Frauen und Mädchen hin. Die Taliban sind eine terroristische Organisation, die Frauen missachtet und Mädchen, was einzigartig in der Welt ist, die Schulbildung verweigert.

Afghanistan ist jetzt eine Männergesellschaft. Die meisten afghanischen Männer haben keinen Respekt vor den Frauen, betrachten sie nicht als Menschen, sondern als Ware. Das islamische Recht (SCHARIA) wird eiskalt angewendet. Außer in drei Provinzen dürfen afghanische Mädchen nicht die Mittelschule oder die Universität besuchen. Im Straßenbild in Kabul sieht man relativ wenige Frauen, fast alle trugen Kopftuch und lächelten beim Grüßen freundlich zurück. Im weiteren Verlauf des achttägigen Aufenthaltes konnten die beiden deutschen Ärzte ein weiteres Krankenhaus im Landesinneren ausfindig machen. Bamian, ein früherer Touristenanziehungspunkt, wurde der Weltöffentlichkeit 2001 bekannt, als dort die Taliban die Jahrtausendalte 56 m hohe Buddhastatue in die Luft sprengten. Das dortige Krankenhaus hat die Voraussetzungen, um spezielle Operationen durchzuführen und ist nun in der Planung für einen Einsatz 2023. Ein Höhepunkt des Aufenthaltes war ein Treffen mit Dr. Schwittek, ein früherer Mathematikdozent der Uni Kabul, der mit seiner Frau seit über 20 Jahren in Kabul lebt und die Hilfsorganisation OFARIN gegründet hat. Seine Organisation hat teilweise 9000 Schülerinnen unterrichtet, jetzt sind es nur noch 3000.Seit Monaten erlaubt die Taliban- Regierung nicht, dass er Gehälter für sein Lehrpersonal ausbezahlt.

Unverhohlen berichtete er über die deutsche Entwicklungspolitik in Afghanistan der letzten 20 Jahre. Egal ob es die Bildung, das Schulwesen, das Gesundheitswesen oder den Schul- und Krankenhausbau betrifft, überall gelangte der Großteil des Geldes in korrupte Hände der Regierung oder Unternehmer. Man habe vieles schön geredet, auch zum Selbstschutz. Es gab kaum Kontrollen, wohin die Millionen flossen, zudem wurde die Korruption massiv gefördert. Am Schluss des Vortrags betonte Dr. Schüller, daß das Ziel der Reise erreicht wurde und alle glücklich waren, gesund wieder nach Hause zu kommen. Geplant seien zwei Einsätze 2023. Die Zukunft Afghanistans sei noch nicht entschieden. Sollte sich die Wirtschaftslage weiter verschlechtern und die internationale Unterstützung ausbleiben, werde Afghanistan eine Heimstatt für international agierende Terroristen werden und noch größere Flüchtlingstrecks nach Europa auslösen. In ihrem Schlusswort sprach Monika Stockinger den Dank an Dr. Paul Schüller aus, dass er den Anwesenden einen so fundierten Einblick in die augenblickliche Lage in Afghanistan gewährt habe.

Pressemitteilung SPD-Ortsvereins Traunstein

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