Vortrag der Ehrenamtskoordinierungsstelle

Fluchtbewegungen sind von uns mit verschuldet

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Traunstein - Im Pfarrsaal der Pfarrei Hl. Kreuz referierte Prof. Dr. Auernheimer, der selbst in der Flüchtlingshilfe engagiert ist, am Donnerstag, den 27. April vor vierzig Interessenten über die Fluchtursachen.

Frau Natalia Wolf, Leiterin der Arbeiterwohlfahrt Ehrenamtskoordinierungsstelle für Bürgerschaftliches Engagement für Flüchtlinge hatte in Zusammenarbeit mit der Pfarrseelsorge Hl. Kreuz dazu eingeladen. "Wie sie und wie wir Fluchtursachen verursachen" hatte der Referent seinen Vortrag betitelt. Seine Absicht war es, aufzuzeigen, dass wir die Lage in fremden Ländern, die Menschen in die Flucht treibt, mit zu verantworten haben, in erster Linie natürlich unsere Regierungen oder die befreundeter Staaten.

Er unterschied vier Ursachenbündel für Fluchtbewegungen: Kriege und Bürgerkriege, vor allem im Nahen Osten, dann die wirtschaftspolitischen Auflagen von IWF und Weltbank, die ebenso wie die Freihandelsabkommen der EU besonders die afrikanischen Staaten hart treffen, und schließlich unsere "imperiale Lebensweise", die nur auf Kosten der Dritten Welt möglich sei. 

Im ersten Teil des Vortrags wurden die verheerenden Folgen der zum Teil über 35-jährigen Kriege in Afghanistan, Irak und Syrien beleuchtet. Es handle sich um destabilisierte Staaten, die kaum noch über ein staatliches Gewaltmonopol verfügen, was Rechtlosigkeit, alltägliche Gewalt und teilweise zerstörte Infrastrukturen bedingt. Terrormilizen beherrschen die Region. Hinter den Kriegen steckt nach Auernheimer das geopolitische Interesse der USA an der Region, von US-Staatssekretär Paul Wolfowitz 1992 unverblümt bekundet. Aber unsere Bundesregierung sei daran nicht unbeteiligt. 

Ganz andere Fluchtursachen machte Auernheimer im zweiten Teil über Subsahara-Afrika aus. In den dortigen Ländern sei vor allem die Bedrohung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft alarmierend, die zum Beispiel durch großspurige Programme wie die Grüne Revolution für Afrika verschuldet sei, die von Allianzen zwischen westlichen Regierungen und Agrarkonzernen initiiert wurden. Dazu kommen Freihandelsabkommen, die afrikanische Bauern der Konkurrenz mit billigen Importen aussetzen. Und der Aufkauf riesiger Agrarflächen seitens ausländischer Investoren hat direkt die Vertreibung einheimischer Bauern zur Folge. Das alles zusammen führt zur Freisetzung einer Masse von Menschen, die nicht von einem industriellen Sektor absorbiert werden können, solange es den kaum gibt. Die Folge ist Perspektivlosigkeit. Dazu kommen oft Fluchtgründe wie politische Repressionen.

Die anschließende Diskussion konzentrierte sich auf den zweiten Teil des Vortrags. Einer der Teilnehmenden meinte:"Die Planwirtschaft hat versagt, aber der Markt bedarf der politischen Regulierung. Sonst kommt es zu sozialen Entwicklungen, unter denen viele zu leiden haben." Leonhard Strasser war der Ansicht, dass die Befürworter des Freihandels die unterschiedliche Marktmacht übersehen. Gerade im Bereich der Landwirtschaft würde sich das als problematisch erweisen. Gertraud Gafus sah aber auch die Entwicklungsländer in der Pflicht. "Ich versteh‘ nicht, dass dort so einseitig auf die Rohstoffexporte gesetzt wird. Und die Entwicklung der Landwirtschaft wird vernachlässigt. Ich mein‘ eine umweltverträgliche." Ein Teilnehmer fand es nicht korrekt, wenn nur westliche Investoren wegen "Land Grabbing" beschuldigt würden, und verwies auf China. Auernheimer meinte dagegen, entscheidend sei, dass auf den Flächen überwiegend Energiepflanzen oder Flex Crops (mehrfach verwertbare Agrarprodukte) zur Produktion von Biotreibstoffen angebaut werden, womit wir fossile Energie sparen können. 

In einer Wortmeldung wurde die landwirtschaftliche Überproduktion bei uns kritisiert. "Die verursacht bei uns nur Umweltprobleme und zwingt dazu, Fleisch und Milch zu exportieren." Mit Blick auf die Afrikaner, die schutzlos dem Weltmarkt ausgeliefert sind, überlegte Dr. Charambalakis: "Liegt nicht eine kleine Chance für uns wie für Afrikaner in der partiellen Abkoppelung vom Weltmarkt?" Und brachte auch Beispiele für diese Strategie. Dafür plädierten mehrere Zuhörerinnen und Zuhörer, die Projekte wie "urban gardening" oder eine regionale Kreislaufwirtschaft zukunftsweisend fanden. Andere meinten, dieser Weg sei wichtig, sollte aber mit umfassender Reformpolitik verbunden werden. Deshalb fand auch der Teilnehmer keine volle Zustimmung, der sagte: "Jeder von uns muss bei sich anfangen!" Aber er erntete ein zustimmendes Kopfnicken.

Pressemitteilung Ehrenamtskoordinierungsstelle für Bürgerschaftliches Engagement für Flüchtlinge 

Rubriklistenbild: © dpa

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