Prozess um Messerattacke im Rosenheimer Gatsby

Urteil gefallen – Tötungsvorsatz war nicht ausschließbar nachzuweisen

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Links Rechtsanwalt Dr. Markus Frank, Mitte Dolmetscher, rechts der Angeklagte
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Rosenheim - Ein junger Mann aus Eritrea soll in einer Disko in Rosenheim eine 16-Jährige mit einem Messer attackiert und verletzt haben. Vergangene Woche hat der Prozess gegen den Mann begonnen, am Donnerstag wird fortgesetzt.

UPDATE, 12.05 Uhr: Urteil gefallen

Vorsitzender Richter Erich Fuchs verkündet das Urteil: „Der Angeklagte ist schuldig der gefährlichen Körperverletzung und wird zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt. Außerdem hat er die Kosten des Verfahrens einschließlich der notwendigen Auslagen der Nebenklägerin zu tragen.“ 

Zur Sache sagt Fuchs, dass es schwierig gewesen sei, den genauen Tathergang zu rekonstruieren. „Die ganzen Zeugen haben zum Angriff selbst keine genauen Erinnerungen gehabt.“Das Gericht geht nach der Durchführung der Beweisaufnahme davon aus, dass er die Geschädigte verletzen wollte. Bei der Tatbegehung sei der Angeklagte nicht ausschließbar in seiner Steuerung beeinträchtigt und somit vermindert schuldfähig gewesen. Er hatte am Tatabend 1,13 Promille Alkohol im Blut. Warum er das gemacht hat, könne nur der Angeklagte selber wissen. Das Gericht müsse sich auf Schlussfolgerungen stützen. „Es ist davon auszugehen, dass er weder psychisch krank, noch depressiv gewesen ist, jedoch eine depressive Grundverstimmung auf Grund seiner Lebensumstände hatte. Diese Umstände reichen natürlich nicht aus, es lag aber eine erhebliche Alkoholisierung vor. 1,13 Promille scheinen nicht viel, aber wenn jemand Alkohol nicht gewohnt ist, dann ist das schon erheblich.“ 

Das Gericht geht weiter davon aus, dass der Beschuldigte auf Grund seiner Zurückweisung und Nichtbeachtung bei Antanzversuchen wütend wurde, was zu einem Impulsdurchbruch und der Attacke auf die Geschädigte führte. Beim Angeklagten habe somit nicht ausschließbar eine seelische Störung zum Tatzeitpunkt vorgelegen. 

Wollte er die junge Frau töten oder sie nur verletzen? 

„Grundsätzlich gilt, dass es bei äußerst gefährlichen Gewalttaten natürlich auf der Hand liegt, dass der Täter den Tod des Opfers zumindest billigend in Kauf nimmt“, so Fuchs. „Die Rechtssprechung sieht aber vor, dass eine Gesamtschau der Tat durchgeführt werden muss.“ Für das Gericht sei nicht ausnahmslos klärbar gewesen, dass ein heftiger Stich im Bereich der Brust ausgeführt wurde. „Es sind einige Umstände offen geblieben und somit kann man nicht sicher davon ausgehen, dass ein Tötungsvorsatz vorgelegen hat.“ 

Letztendlich seien viele Umstände offen geblieben, die sich, auch wenn das vielleicht für viele nicht verständlich sei, zu Gunsten des Angeklagten auswirken, so der Richter. Hinzu komme noch die psychische Verfassung des Angeklagten. Man habe keine Ansatzpunkte, dass der Angeklagte mit tödlichen Folgen gerechnet habe. Was blei sei in rechtlicher Hinsicht eine gefährliche Körperverletzung. Das Gesetz sehe hier einen Strafrahmen von sechs Monaten bis zu zehn Jahren vor. Es sei eine Strafrahmenverschiebung auf Grund der verminderten Steuerungsfähigkeit vorzunehmen, was zu dem verhängten Strafrahmen führte. Abschließend sagt Fuchs: „Er ist aus einem fremden Land gekommen, ist hier aufgenommen und unterstützt worden. Dieses Gastrecht hat er missbraucht.

UPDATE, 11.45 Uhr: Plädoyer Verteidigung

Rechtsanwalt Dr. Markus Frank geht in seinem Plädoyer zunächst auf die Vergangenheit des Angeklagten ein. Weiter bezieht er sich auf ein Gutachten, das den Zustand des Angeklagten nach der Tat beschreibt. Darin habe es geheißen: „Sprache: verwaschen, Bewusstsein: benommen, Stehen auf einem Bein: nicht durchführbar, Beurteilung: Nicht richtig orientiert.“ 

„Wir sehen also, dass er einfachste Sachen nicht mehr machen konnte“, so Frank. “Die Staatsanwaltschaft geht von einem Mordmerkmal mit niederen Beweggründen aus.“ Dazu führte Frank aus, dass man von einer Zurückweisung der Geschädigten nicht ausgehen könne, da es keinen Kontakt gab zuvor. „Wir haben also keinerlei Motiv. Wenn es die Frage gibt warum er das gemacht hat, kann man sagen, dass es eine Vielzahl von Faktoren zum Tatzeitpunkt gegeben habe, gepaart mit Alkoholkonsum.“ Zum Mordmerkmal der Heimtücke sagt Rechtsanwalt Frank, dass man nicht nachgewiesen hätte, dass sein Mandant das Messer versteckt in der Hand gehalten habe. „Für das bewusste Ausnutzen muss auch der psychische Zustand in Betracht gezogen werden.“ Auch sei es eine spontane Tat gewesen. Durch das Gutachten habe man bestätigt, dass etwas Spontanes passiert ist, gepaart mit verminderter Steuerungsfähigkeit.

Gegen den bedingten Tötungsvorsatz spreche auch die stumpfe Beschaffenheit des Messers und die erfreulicherweise geringen Verletzungen. Er würde allenfalls von einem Versuch ausgehen, von dem zurück getreten werden kann. „Ich gehe davon aus, dass wir hier eine gefährliche Körperverletzung haben, für die mein Mandant schuldig gesprochen werden muss.“ Frank fordert für seinen Mandanten eine Freiheitsstrafe von nicht mehr als drei Jahren.

Letztes Wort des Angeklagten: Der 29-Jährige möchte sich noch einmal bei der Angeklagten entschuldigen.

UPDATE, 11.20 Uhr: Plädoyer Nebenklagevertretung

Nebenklagevertreterin Manuela Denneborg sagt vor Gericht, dass ihre Mandantin nicht das Interesse habe, dass der Angeklagte übermäßig lang in Haft komme, aber man wahrnehmen müsse, dass nur glückliche Umstände dazu führten, dass sie bei dem Angriff nicht zu Tode kam. 

Laut Denneborg müsse man zweifelsohne von einem versuchten Mord ausgehen. Die Einsichtsfähigkeit des Angeklagten sei nicht beeinträchtigt gewesen. Sie könne in diesem Punkt den Ausführungen des Staatsanwaltes beipflichten. Denneborg sieht, wie auch der Staatsanwalt, das Mordmerkmal der Heimtücke für gegeben. „Die Attacke erfolgte von hinten und so schnell aus dem Nichts heraus, so dass sich meine Mandantin in keinster Weise wehren konnte. Sie betrachtet sich selbst als Zufallsopfer, geht also davon aus, dass die Tat nichts mit ihr persönlich zu tun hat, was womöglich ein Grund dafür ist, dass sie nicht unter psychischen Folgen leidet.“ 

Das Mädchen finde es gut, dass sich der Angeklagte bei ihr entschuldigte. An der Entschuldigung habe sie jedoch gestört, dass er sie dabei nicht angesehen habe. „Nach dem Eindruck meiner Mandantin hat der Angeklagte seine Tat heruntergespielt.“ 

Sie stellt im Namen ihrer Mandantin keinen Antrag auf eine Strafzumessung.

UPDATE, 10.35 Uhr: Plädoyer Staatsanwalt

Staatsanwalt Dr. Oliver Mößner hält die Anklage mit Ausnahme des Mordmerkmales der niederen Bewegründe für nachgewiesen. „Er hat sich Mut angetrunken und Mädchen angetanzt. Er hatte dann Frust und Wut weil seine Annäherungsversuche nicht erwidert wurden und machte seiner Wut Luft und hat von hinten auf die Geschädigte im Hals- und Brustbereich eingestochen.“ 

Was ihn an der Tat besonders erschüttere sei, dass die Tat für die 16-jährige Geschädigte aus dem Nichts kam. „Das ist für mich vollkommen krank und unverständlich. Man muss sich als Eltern fragen, ob man seine Kinder noch ausgehen lässt, wenn solche Taten zu befürchten sind.“ Da vom Krankenhaus keine ausreichende Dokumentation der Verletzung vorliegt, stützt sich Mößner auf die Aussagen der Rechtsmedizinern, die es als sehr wahrscheinlich sehe, dass das Messer in einer Rippe steckenblieb. „Für mich ist nicht erklärbar, wie das Messer sonst hätte stecken bleiben sollte.“ 

Der Staatsanwalt hält einen bedingten Tötungsvorsatz für nachgewiesen. „Der Stich war wuchtig, die lebensgefährdende Verletzung im Hals- und Brustbereich ist offensichtlich.“ Er sei sicher, dass sich der Angeklagten dessen auch bewusst war. „Er habt eine mögliche Tötung in Kauf genommen.“ 

Einen strafbefreienden Rücktritt vom Versuch des Mordes sehe er nicht, er gehe aber auch nicht von einem gescheiterten Versuch aus. „Man muss sich fragen, was denkt derjenige, der einen wuchtigen Stich ausführt und das Opfer dann zu Boden geht, das sei nach Rechtssprechung des BGH maßgeblich. Er hätte von einer Weiterhandlung zurücktreten müssen, was ihm aber gar nicht möglich gewesen sei, weil er von anderen zurückgehalten wurde. Mößner hält das Mordmerkmal der Heimtücke für erwiesen, da das Opfer von hinten auf die völlig überraschte Frau eingestochen hat. Er habe die Situation bewusst ausgenutzt

Nicht mehr geht er von dem Merkmal der niedrigen Beweggründe aus. „Er hat nie gesagt, was er gemacht hat und warum er es gemacht hat, was nicht als Geständnis ausgelegt werden kann, aber zu seine Gunsten spricht, dass er sich beim Opfer entschuldigt hat.“ Die große abstrakte Gefährlichkeit des Messers liege zu seinen Lasten, es sei nur glücklichen Umständen zu verdanken, dass das Opfer nicht stärker verletzt wurde. 

Er fordert eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung.

Vorbericht

Im Prozess gegen einen 29-Jährigen Mann aus Eritrea sollen am Donnerstag die Plädoyers gesprochen werden und das Urteil fallen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann vor, am 10 März 2018 eine 16-Jährige in einer Rosenheimer Diskothek plötzlich und ohne Vorwarnung von hinten gepackt, sie in den Schwitzkasten genommen, ihr im gleichen Moment ein mitgeführtes Küchenmesser in den Brustbereich gestochen und ihr weitere Schnittverletzungen zugefügt zu haben. Nur weil mehrere Personen eingriffen, konnte der Angeklagte daran gehindert werden, weiter auf das Mädchen einzustechen, so die Auffassung der Staatsanwaltschaft. Die Geschädigte erlitt dabei nur oberflächliche Schnittverletzungen, was laut Anklageschrift nur glücklichen Umständen zu verdanken sei. Es wurde Anklage wegen wegen des versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung erhoben.

Angeklagter entschuldigt sich bei der jungen Frau

Der Angeklagte wollte sich zu der Sache am ersten Verhandlungstag vor Gericht nicht äußern. Er entschuldigte sich aber bei der jungen Frau: "Ich bin kein Mann, der Messer trägt und kein Mann der Gewalt. Das ist das erste Mal, dass mir der Fehler unterlaufen ist. Dieser Tag ist ein schwarzer Tag in meinem Leben. Ich habe das nicht machen wollen, aber es ist mir passiert. Es tut mir unendlich leid. Ich entschuldige mich von tiefstem Herzen und ich verspreche, dass so etwas nie wieder passiert."

16-Jährige vermutet ein Zufallsopfer gewesen zu sein

Beim Prozessauftakt sagte auch das 16-Jährige Opfer im Beisein ihrer Nebenklagevertreterin Manuela Denneborg aus. Sie glaube ein zufälliges Opfer gewesen zu sein, weil es vor der Tat keinerlei Berührungspunkte mit dem Angeschuldigten gegeben habe. "Auf einmal spürte ich einen Schlag und habe bemerkt das irgendetwas in mir steckt." Die Junge Frau hatte mit Freunden auf der Oberstufenparty auf der Tanzfläche der Diskothek getanzt und wurde dann von hinten angegriffen. 

Mehrere Zeugen, die an dem Abend auch in der Diskothek waren schilderten beim ersten Prozesstag ihre Beobachtungen, die allesamt den Beschuldigten belasten.

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