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„Mein Ziel: Vorn mitlaufen“

Traunsteiner Filimon Abraham fürs 10.000 Meter-EM-Finale in München qualifiziert

Entspannt in seiner neuen Heimat Traunstein: Filimon Abraham, 29 Jahre jung, deutscher Spitzenläufer über die 10.000 Meter und am Sonntag der EM in München mit dabei.
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Entspannt in seiner neuen Heimat Traunstein: Filimon Abraham, 29 Jahre jung, deutscher Spitzenläufer über die 10.000 Meter und am Sonntag der EM in München mit dabei.

Im Grunde ist sein Name für europäische Zungen kein Problem, schon gar nicht in geschriebener Form: Filimon Abraham. Doch bei einem seiner ersten Rennen ignorierte ein Veranstalter beim (eiligen) Erstellen der Teilnehmerlisten kurzerhand zwei Buchstaben.

Traunstein - „Schlagartig war ich nur noch der Filmon Abrham“, wirft der in Eritrea geborene Athlet noch heute die Hände vors Gesicht, kann gleichwohl aber darüber lachen. In den folgenden Jahren übernahmen fast alle Wettkampf-Organisatoren und letztlich auch die Medien diese falsche Schreibweise, in Frankreich wurde aus Filimon jüngst sogar mal Filemon. Letztlich kommt der Name aus der Bibel und ist dem Bischof Philemon entlehnt.

Fakt ist: Der heute 29-jährige Profi ist einer der besten deutschen Läufer, egal ob im Flachen oder am Berg. Nach mittlerweile sieben Jahren Wettkampf-Erfahrung qualifizierte sich Filimon Abraham jüngst sogar für die Europameisterschaft. Am kommenden Sonntag, 21. August, wird der Traunsteiner am EM-Finaltag die ganz große Bühne be- und über die 10.000 Meter im Olympiastadion antreten. „Ein unbeschreibliches Gefühl“, strahlt er im Gespräch mit der Sportredaktion.

„Ich hoffe auf mindestens 50.000 Zuschauer“. Die Frage nach der Nervosität beantwortet der immer lächelnde Spitzensportler wie folgt: „Am Start sind erstmal alle nervös, selbst der Weltmeister. Aber wenn‘s los geht, ist diese wie verflogen. Dann geht es nur noch um das Rennen“. In diesem möchte er „schon vorne mitlaufen“, wie er verrät, sein Selbstbewusstsein ist enorm. „Es muss halt vieles passen“.

Abrahams Geschichte in Deutschland begann im Fußball-WM-Jahr 2014. Er floh im Alter von 22 Jahren vor einer korrupten, unberechenbaren Regierung aus seinem Heimatland Eritrea, Ost-Afrika: Mit Freunden und Bekannten zu Fuß, auf Lkw, mit Bussen, einem Schiff auf dem Mittelmeer. Das einzige Ziel war „Ankommen“. Nach einer fast achtmonatigen Odyssee erreichte er am 11. April 2014 Italien und passierte eine gute Woche später nachts die deutsche Grenze. Frankfurt war die erste Anlaufstation. Über die Registrierung in Gießen und einem Monat Zwischenstation in München landete Filimon Abraham schließlich am 20. Mai mit dem Zug und einer Gruppe weiterer Flüchtlinge im Markt Teisendorf im Berchtesgadener Land.

„Ein Riesen-Glücksfall“, strahlt er noch heute. Vor allem, da sich sofort Hans Schwarz um ihn kümmerte, ihm alles zeigte und ihn in erstaunlicher und unbezahlbarer Art und Weise förderte: „Ich bin ihm so dankbar. Er ist alles für mich. Wir haben bis heute Kontakt. Ich werde ihn nie vergessen“, betont Abraham vor allem das „nie“ und schwärmt über seinen ersten, so wichtigen Mentor in der neuen Heimat. Über den Helferkreis lernte Filimon erste Deutsch-Grundkenntnisse, später in der Berufsschule in Freilassing. Seit gut zwei Jahren besitzt er die deutsche Staatsbürgerschaft.

Das Talent war sofort sichtbar

Der Kontakt zum TSV Teisendorf mit Reinhard Prechtl und damit zur LG Festina Rupertiwinkel war naheliegend. Filimon Abraham war schon zu Hause laufend-sportlich unterwegs. Zum ersten Mal sah er nun jedoch eine richtige Tartanbahn und konnte es nicht fassen, dass hier fast jeder kleine Ort eine sehr gute besitzt: „Ich fühlte mich wie im Himmel, es war sagenhaft. Ich habe gleich mal einen Dauerlauf gemacht.“ Sein Talent war sofort ersichtlich. Nur zwei Monate später bestritt er seinen ersten Berglauf auf die Stoißer Alm in Anger – und gewann.

Dem nicht genug: In 30:03 Minuten stellte er die bis heute bestehende Bestmarke von Profi-Triathlet Michael Raelert aus dem Jahre 2012 auf die Sekunde genau ein. Kurz zuvor gab Abraham beim Traunreuter Stadtlauf im Juli 2014 sein Wettkampf-Debüt. „Ich kannte die Strecke nicht, bin einfach nur den anderen hinterhergelaufen. Mein Deutsch war noch zu schlecht, ich traute mich nicht fragen, wie weit es noch ist.

Als dann plötzlich das Ziel vor uns auftauchte, war es für mich zu spät, den Benedikt Huber noch einzuholen“, rechtfertigt sich der sympathische Sportler fast für seinen starken 2. Platz, drei Sekunden hinter dem Sieger. Fortan reihte sich Erfolg an Erfolg, alle aufzuzählen, würde jeden Rahmen sprengen: Abraham gewann am Großglockner, am Kitzbüheler Horn, am Hochfelln, den Rupertus Thermenlauf in Bad Reichenhall, den Rennsteig-Marathon im letzten Jahr...

„Am liebsten laufe ich auf die Berge“, schwärmt er vor allem von den Bayerischen Alpen. Auf seine Körpergröße von 1,68 Meter verteilen sich nur 52 Kilogramm: Damit ist Filimon Abraham für die Vertikale bestens geeignet. Doch mit dem Berglaufen ist kein Geld zu verdienen, sein Sport wirft grundsätzlich nicht viel ab. „Es wird immer ein Hobby bleiben“, sagt er. Gleichwohl ist er auf finanzielle Unterstützung angewiesen, da er – für das zeitintensive Training und die vielen Wettkämpfe – nur Teilzeit arbeiten kann. Nach einer Schreiner-Lehre in Waging fand er mit der Lichtproduktionsfirma „Heimatlicht“ einen Arbeitgeber, der ihn für all das freistellt. „Dafür bin ich so dankbar“.

Heuer beim Hamburg-Marathon: Nach 35 Kilometern musste Filimon Abraham wegen muskulärer Probleme, die ihn schon ab dem zwölften Kilometer quälten, aussteigen. Doch die 42,195 Kilometer-Distanz soll seine Zukunft werden.

Rückt die EM näher, fährt Abraham sein Training sukzessive zurück, auf „nur“ noch 60 bis 70 Kilometer pro Woche, normalerweise sind‘s bis zu 180 Kilometer plus intensive Intervall- und Tempoläufe im Traunsteiner Triftstadion. Für den Kopf sei die Abwechslung wichtig: Seine täglichen Einheiten im Gelände bestreitet er vorwiegend entlang der Traun, oft bis zu 30 Kilometer. Die stets auf drei Wochen ausgelegten Trainingspläne bekommt Abraham von seinem Coach Thomas Dreißigacker aus Leipzig. Zum Trainingslager ging‘s in die Höhe nach St. Moritz. Am liebsten läuft er bei bewölktem Himmel, durchaus leichtem Regen, bis 25 Grad – „darüber wird‘s zu warm“.

Spezialisieren für den maximalen Erfolg

In den letzten Jahren entwickelte er sich – etwas weg vom Berg – zum außergewöhnlich starken 10.000 Meter-Läufer. Abraham spezialisierte sich darauf, um den für ihn maximalen Erfolg zu erreichen. Und er schaffte das Sagenhafte: Als aktuellem Deutschen Vizemeister über die zehn Kilometer gelang dem Traunsteiner, der mittlerweile für die LG Telis Finanz Regensburg antritt, bei einem Europacup Ende Mai im französischen Pace in 28:03,39 Minuten die Norm für die Europameisterschaft in München.

Seinen sportlichen Höhepunkt bislang wird Filimon nun am Sonntag, Startschuss 20 Uhr, im 50 Jahre alten, ewig jungen Olympiastadion der Landeshauptstadt erleben. Mit Nils Voigt wird sich der beste deutsche 10.000 Meter-Mann neben ihm aufstellen, um die 25 harten Bahnrunden zu bewältigen.

Kontakt zur Heimat hat Abraham, seine Eltern leben immer noch im kleinen Dorf Adi-Blei im Süden Eritreas, an der Grenze zu Äthiopien. Sein Bruder Musie ist ebenfalls in Deutschland, lernte wie Filimon Schreiner. Natürlich hat er im Leben nicht dran gedacht, irgendwann für Deutschland bei einer EM anzutreten. Er wollte er in seiner Heimat bleiben. „Nun ist alles anders gekommen, und es ist gut so“, sagt der stets fröhlich wirkende Sportler. „Als ich angefangen habe, wurde klar, dass die sportliche Entwicklung weitergeht, es möglicherweise Richtung Marathon geht.“ Das wird wohl Filimons Zukunft sein. Bis hierhin ist er jedoch „total glücklich, das alles geschafft zu haben.“

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