Pollinger Eltern wegen sexuellem Missbrauch vor Gericht

Zeugen bestätigen schwere Vorwürfe gegen angeklagte Eltern

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Traunstein/Polling - Wegen Kindesmisshandlung sowie Verletzung der Fürsorgepflicht und einem Fall von schwerem sexuellen Missbrauchs müssen sich seit dem Vormittag Eltern aus Polling vor dem Landgericht Traunstein verantworten.

UPDATE, 18 Uhr - Therapeutin sagt aus

Als letzte Zeuginnen am Mittwochnachmittag sind eine Kinder-Psycho-Therapeutin und zwei Pflegemütter geladen. Die Therapeutin wurde deswegen extra von der ärztlichen Schweigepflicht entbunden. Sie berichtet aus den Sitzungen mit einem der Jungen. Dort kommt er offenbar immer wieder zu den wesentlichen Geschehnissen, die in diesem Prozess eine Rolle spielen. Die Berichte davon, wie sich der Junge in den Sitzungen verhalten hat, was er gesagt hat, decken sich mit bisherigen Aussagen der anderen Zeugen

Dann sprechen die Pflegemütter von drei der vier Kinder über ihre Erfahrungen und Wahrnehmungen betreffend drei der vier Kinder der Angeklagten wie 

  • Sprache, 
  • Essverhalten 
  • und vieles andere mehr. 

Wie bereits bei den vorherigen Zeugen geht es besonders darum, was die Kinder berichteten, insbesondere zu den Vorwürfen der Anklage.

Der Prozess wurde anschließend vertagt.

UPDATE, 16.10 Uhr: Weitere Zeugen sagen aus

Als nächstes spricht eine weitere Mitarbeiterin des Jugendamtes. Sie war zuständig für die Herausnahme von drei der vier Kinder aus der Familie. Sie berichtet jeweils über den Zustand von drei der vier Kinder in der Zeit vor und nach der Unterbringung außerhalb des Elternhauses. Sie spricht von minderschweren bis schweren Auffälligkeiten vorher und nachher von leichten bis größeren Besserungen bei den Kindern. 

Es folgen die Aussagen der Leiterin des Kindergartens, den die beiden Buben besuchten. Sie spricht von seelisch-emotionalen Auffälligkeiten, die der ältere von Anfang an gezeigt hätte. Man habe deswegen Meldung beim Jugendamt gemacht. Als der zweite in diesen Kindergarten dazu kam, sei das Verhalten des älteren noch schlimmer geworden. "Er verkroch sich in Ecken und unter Tischen." Streit unter den beiden habe es aber nicht gegeben. 

Nach Verletzungen gefragt, die er laut Zeugin sichtbar trug, soll der ältere zunächst gesagt haben, "Das war die Katze" oder "Ich bin hingefallen." Erst später habe er sich Stück für Stück offenbar. Der jüngere der beiden habe anfangs schwere Auffälligkeiten gezeigt, habe sprachlich zurückgeblieben gewirkt. Dazu sei er ein gefährliches Kind gewesen. "Er hat gezwickt und gebissen." Im Laufe der Zeit habe sich das aber gebessert. 

Tischmanieren seien besonders schwer gefallen bis nicht vorhanden gewesen. Das habe sich aber im Laufe der Zeit gebessert. "Dann konnte er mit Messer und Gabel essen. Nach einiger Zeit ergab sich beim jüngeren der beiden ein Rückfall", berichtet die Zeugin. Kraftlos sei er gewesen, müde habe er gewirkt. Zu einem unnatürlichen Einnässen sei auch Einkoten gekommen. Mit den Wochen soll er weiterhin eine Fremdaggressivität entwickelt haben. 

"Während der Woche untertags haben sich die beiden super wohl gefühlt im Kindergarten. Probleme gab es dann, wenn es auf den Nachhauseweg ging." "Wie kannst Du mich nach Hause schicken?", sollen sie gefragt haben. 

UPDATE, 14.35 Uhr: Jugendamt-Mitarbeiterin erhebt Vorwürfe

Als nächstes spricht eine Mitarbeiterin des Jugendamts am Landratsamt Mühldorf. Sie kennt die Familie bereits seit 2004: Sie berichtet von einem verwahrlosten Haushalt, den das angeklagte Ehepaar offenbar geführt hat. Teilweise gab es im Winter keine funktionierende Heizung, mangels Heizöl. Zahlreiche Hausbesuche seien nötig gewesen. "Teilweise wurde man dann nicht rein gelassen." Die Familie habe die Hilfen des Jugendamtes zwar angenommen, aber nur oberflächlich mitgearbeitet. Schließlich sei die Familienhilfe eingeschaltet worden. Die Mutter hat sich offenbar auch einmal für einen Gesprächstermin verleugnen lassen. Die Angeklagten hätten sogar versucht, die Geburt des jüngsten Sohnes dem Jugendamt gegenüber zu verschweigen

Einer von zwei Söhnen hat sich dann offenbar im Kindergarten offenbart und von Schlägen seitens des Vaters berichtet und gesagt, dass er sich andere Eltern wünsche - welche, die ihn lieb haben. Es folgte eine Überprüfung der Erziehungsfähigkeit der Eltern. Ein entsprechendes Gutachten führte zu einem ersten Beschluss am Amtsgericht Mühldorf, woraufhin den Eltern das Sorgerecht für die beiden älteren Kinder entzogen wurde. 

Die Zeugin berichtet von weiteren Meldungen vom Kindergarten an das Jugendamt. Dort soll ein Sohn gesagt haben: "Der Papa schlägt die Mädchen."  

Zunächst sind die zwei älteren Kinder aus der Familie genommen worden. Die Familienhilfe sei danach weiter bei der Familie geblieben. Die erste Meldung über mögliche sexuelle Handlungen kam offenbar von den Pflegeeltern der Kinder. Dort haben die Kinder anscheinend darüber erzählt. "Der Papa hat an meinem Pipi geleckt. Dann war er ganz ruhig." Auf einen erneuten Antrag des Jugendamtes hin gab es vom zuständigen Amtsgericht Mühldorf den richterlichen Beschluss, auch die beiden weiteren Kinder aus der Familie zu nehmen. 

Das Gericht fragt diese Zeugin, ob es den Kindern zuzumuten sei, erneut vor Gericht auszusagen. Sie halte es zwar für besser, wenn nicht, aber die Kinder seien vorbereitet und würden das nach deren Aussage schon tun, insbesondere ein Junge. "Ich will, dass der Papa bestraft wird", wird einer der Jungen dazu zitiert. 

Antworten auf weitere Fragen des Gerichts und der Anwälte: Die Familie, insbesondere die Mutter sei allgemein "beseelt" davon gewesen zu sein, dass ihr jemand etwas böses will. Die Ernährung der Kinder beschreibt die Zeugin allgemein als schlecht. Die körperliche Hygiene sei ein schwieriges Thema in der Familie gewesen. Allgemein habe diese Familie sehr isoliert für sich gelebt.

UPDATE, 12.10 Uhr: Erster Zeuge: Kriminalbeamter

Das Gericht berät über den Umfang der Anklage. Der Vorsitzende Richter: "Es ist ein Dilemma, diese Taten aufzuklären", sagt er, "weil die Taten sehr weit zurückliegen und die Geschädigten zu den Tatzeitpunkten noch sehr jung waren." 

Als erster Zeuge spricht ein Kriminalbeamter. Er hat diesen Fall bearbeitet. Das Jugendamt hatte die Kripo seinerzeit über die Vorwürfe informiert. Ein Durchsuchungsbefehl für das Haus wurde erlassen. Schließlich wurden die Kinder befragt. Die waren zu diesem Zeitpunkt bereits alle aus der Familie genommen worden. "Ich hab das Diktiergerät hingestellt und gesagt, jetzt erzähl einmal", berichtet der Beamte. Drei von vier Kindern haben seinen Ausführungen nach offen erzählt und sogar der jüngere unter den beiden Jungs hat ganz offen und detailliert erzählt und das, obwohl er zum Tatzeitpunkt erst drei Jahre alt war. 

Von Zuständen innerhalb der Familie berichteten die Kinder in der Befragung durch den Kripobeamten und nicht nur von den Schlägen und dem sexuellen Missbrauch: Das Haus, die Verpflegung oder schulische Dinge - der Kripobeamte zitiert eines der Kinder: "Die haben sich nichts um uns geschissen.

Auf die Befragung der Kinder folgte die der Pflegefamilien bzw. der Leitung der Einrichtung, in dem ein Kind untergebracht wurde. Diese haben dem Kripobeamten unter anderem berichtet, dass es den Kindern schnell wieder gut ging, allerdings nur den Umständen entsprechend. Von Beißen in Möbelstücke ist beispielsweise die Rede als Zeichen der Verarbeitung des Erlebten. 

Es geht weiter. Das Gericht befragt den Zeugen zu den zentralen Themen/Vorwürfen laut Anklage und seinen Ermittlungsergebnissen dazu im Rahmen der Befragung zu den Aussagen des zusätzlich durch schweren sexuellen Missbrauchs geschädigten Kindes: "Von Anfang an berichtet das Kind davon, dass der Vater seinen Penis ("Bisi", "Bisiwurscht") rausgeholt hat", erzählt der Beamte. "Anpieseln" wird im Protokoll auch öfter genannt. Der Vater soll dieses Kind öfter angepinkelt haben. Ob der Penis des Vaters erregiert war, war in der Befragung des zu diesen Zeitpunkt Sechsjährigen nicht zu eruieren.

Auch andere Geschwister hätten sich geäußert. Zu den Schlägen: "Die Kinder haben sich in Reihe aufstellen müssen und dann gab's die Abreibung", fasst der Kripobeamte die Aussagen der Kinder hierzu zusammen. Die Mutter habe dabei jedes Mal zugesehen. Ob sie auch geschlagen hat, darüber sind die Aussagen der Kinder im Protokoll nicht eindeutig. "Wir durften nicht weinen, weil uns der Papa sonst noch mehr geschlagen hätte", wird aus dem Protokoll zititert. 

UPDATE, 10.15 Uhr: Angeklagte Eltern verweigern Aussage

Die Sitzung der Jugendkammer als Jugendschutzkammer des Landgerichts Traunstein ist eröffnet. Die Anklage wird verlesen. Die Angeklagten sind Eltern von vier Kindern. Die Kinder wurden vom Jugendamt aus der Familie herausgenommen und in einer Einrichtung oder Pflegefamilien untergebracht. 

Es werden die Umstände beschrieben, unter denen die Familie in Polling gewohnt haben soll. Es folgen die Vorwürfe: Der Angeklagten wird in vier Fällen Kindesmissbrauch in Tateinheit mit Verletzung der Fürsorgepflicht vorgeworfen, ebenso dem Angeklagten. Beim ihm kommt - laut Anklageschrift - mindestens ein Fall von schwerem sexuellem Missbrauch eines der vier Kinder (Junge) dazu. Während der Verlesung schüttelt die Angeklagte den Kopf. Ansonsten sitzen beide ruhig auf den Stühlen. 

Der Angeklagte lässt durch seinen Anwalt wissen, dass er von seinem Recht gebraucht macht und sich erst einmal nicht zur Sache äußern wird und um ein Rechtsgespräch bittet. Zur Person spricht er aber, erzählt von seiner Kindheit, Lehre und Ausbildung und den aktuellen wirtschaftlichen Verhältnissen, wie unter anderem den Unterhaltszahlungen. Kerngesund sei er, trinke keinen Alkohol, nehme keine Drogen

Die Angeklagte spricht ebenfalls zu ihrer Person. Ihre Kindheit sei etwas zerrüttet gewesen. Kinderpflegerin habe sie als Beruf erlernen wollen, die Ausbildung aber aufgrund der großen psychischen Belastung nicht abgeschlossen. Nach verschiedenen anderen Jobs sei sie seit längerer Zeit arbeitslos. Gesundheitlich sei sie stark angeschlagen, habe sich auch in psychiatrische Behandlung begeben. 

"Ich muss mich immer rechtfertigen, immer nur kämpfen. Leider sieht man irgendwann keinen Ausweg mehr und braucht Hilfe", sagt sie auch in Bezug darauf, dass sie nun Ärger mit dem Jugendamt hat. "Da werde ich zur Löwin, wenn es um meine Kinder geht." Zum Haus in Polling befragt, sagt die Angeklagte, dass es sich in einem schlechten Zustand befinde. Auch der Angeklagte spricht darüber. Nach Abschluss der Befragung zur Person macht auch die Angeklagte von ihrem Recht Gebrauch, zu den Vorwürfen zu schweigen.

Vorbericht:

Vier Fälle von Kindesmisshandlung sowie Verletzung der elterlichen Fürsorgepflicht. Das wird einem Ehepaar aus Polling vorgeworfen. Ein Fall von schwerem sexuellem Missbrauch wird dem Mann vorgeworfen. Von Schlägen mit der flachen Hand ins Gesicht ist die Rede wie allgemein von widrigsten Bedingungen, unter denen die Kinder leben mussten, bis das Jugendamt eingriff. 

Weiter soll der Mann eines seiner Kinder gezwungen haben, seinen Penis in den Mund zu nehmen und daran zu lutschen. Am Mittwochmorgen beginnt der Prozess vor dem Landgericht Traunstein. Insgesamt sind vier Prozesstage angesetzt. chiemgau24.de berichtet aus dem Gerichtssaal.

Rubriklistenbild: © picture alliance / Patrick Pleul

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