POLLINGER ELTERN WEGEN SEXUELLEM MISSBRAUCH VOR GERICHT

Angeklagte: "Weiß nicht, warum ich so einen Mist gebaut habe!"

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Traunstein/Polling - Kindesmisshandlung, Verletzung der Fürsorgepflicht, schwerer sexueller Missbrauch: Der Prozess gegen ein Ehepaar aus Polling wurde am Dienstag fortgesetzt. innsalzach24.de berichtet aus dem Gerichtssaal.

UPDATE, 15.15 Uhr - Plädoyer Verteidigung

Während der Plädoyers sitzt die Angeklagte steif auf dem Stuhl, der Angeklagte wirkt geknickt, hat immer wieder die Hände verschränkt vor dem Gesicht. Es spricht der Verteidiger des Angeklagten: Nach den Punkten, die zu einer Verurteilen führen müssen, wägt er das Strafmaß weiter ab, hebt das umfassende Geständnis hervor. "Das Ganze war ehrlich gemeint." Er fordert eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten.

Die Verteidigerin der Angeklagten fasst zusammen, dass ein vollumfängliches Geständnis ihrer Mandantin vorliegt und der Tatverdacht sich nunmehr vollumfänglich bestätigt hat. Der Mann sei die dominantere Person in der Familie gewesen. "Die gravierenderen Tätlichkeiten gingen von ihrem Ehemann aus." Sie hält eine Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten zur Bewährung für angemessen

"Ich weiß nicht, warum ich so einen Mist gebaut habe", sagt die Angeklagte bei ihren letzten Worten und bricht in Tränen aus. Es täte ihr leid, was sie ihren Kindern angetan hat. "Ich kann nicht mehr." Der Angeklagte sagt, dass es ihm leid tue und dass er wohl überfordert gewesen war mit der damaligen Situation.

Die Hauptverhandlung wurde anschließend unterbrochen . Das Urteil soll am Mittwoch fallen.

UPDATE, 14.40 Uhr - Plädoyer Staatsanwalt

Nach der Mittagspause ist Zeit für die Plädoyers. Es beginnt die Staatsanwältin. Sie führt zu der Bedeutung dieses Prozesses aus. So würden die Kinder die Taten nie vergessen. Die Anklage ist überzeugt, dass sich die Dinge so zugetragen haben, "teilweise noch mehr", aber dies sei zu diffus. Zum Vorwurf des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern führt die Staatsanwältin aus, dass es hierbei seitens der Anklage bei einem Vorwurf bleibt. Die Geständnisse der beiden Angeklagten seien glaubhaft. Die Aussagen von Zeugen und Sachverständigen würden dies untermauern. 

Die Staatsanwältin führt weiter zu den Schädigungen der Kinder aus: Diese seien eindeutig auf die Taten der Angeklagten zurückzuführen. Zur Angeklagten sagt die Staatsanwältin, dass sie sich im Rahmen einer Mittäterschaft mitschuldig gemacht hat, auch wenn sie teilweise nicht selbst geschlagen haben will und oder offenbar hat. Zu Gunsten der Angeklagten sei das Geständnis zu bewerten. Damit ist den Kindern eine Vernehmung vor Gericht erspart geblieben. Besonders der Angeklagte habe "aber hier in der Hauptverhandlung keine Reue gezeigt". 

Für den Angeklagten fordert die Staatsanwältin eine Gesamtfreiheitsstrafe von vier Jahren, also den oberen Rand der gerichtlichen Verständigung. Für die Angeklagte fordert sie eine Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten, möglich sei dies aber auch zur Bewährung. 

Der Nebenklägervertreter fasst die Dramatik der Situation für die Kinder in dem Tatzeitraum aus. "Beide haben es hingenommen." Zu den bleibenden Folgen sagt er, dass man sie "heute" nicht beurteilen könne, bleibende seelische Narben aber eine Katastrophe seien. Einen konkreten Antrag auf die Länge der Freiheitsstrafe gibt er nicht ab.

Update, 12.35 Uhr: Fachpsychologin sagt aus

Als nächstes trägt eine Fachpsychologin für Rechtspsychologie ihr Gutachten vor: Zunächst berichtet sie von der ermittlungsrichterlichen Videovernehmung. Die Aufzeichnungen lagen ihr für das Gutachten vor. Noch einmal geht es darin um die Erzählungen der beiden Jungen aber auch darum, wie sie es gesagt haben, wie sie dabei wirkten und ob sie von alleine erzählt haben oder erst auf Vorhalt. Auch beschreibt die Rechtspsychologin Mimiken und Gesten, die die Kinder dabei benutzten. In den Zwischenfragen will das Gericht wissen, welche Verweise die Jungen in den Einzelanhörungen gegenseitig aufeinander machten, wie etwa zum Vorwurf, der Vater habe beide vergewaltigt. Weiter basiere ihr Gutachten auf den Informationen aus je 

  • einem direkten Gespräch von ihr mit den Jungen, 
  • den Aussagen der Pflegeeltern 
  • sowie den Aussagen in der Hauptverhandlung, 

so die Gutachterin.

Grundsätzlich sei es wichtig für so ein Gutachten, gut dokumentierte Aussagen zu haben. Ebenso dass zum Tatzeitpunkt eine so genannte Aussagetüchtigkeit vorgelegen hat. Diese sei beim jüngeren der beiden Brüder rechtspsychologisch fraglich. Bei normal entwickelten Kindern geht man laut der Gutachterin nämlich davon aus, dass sie erst mit sechs Jahren aussagetüchtig sein können. Das sexualisierte Verhalten der beiden Buben sei nicht zwingend ein Hinweis auf einen sexuellen Missbrauch.

Nachdem der fragliche sexuelle Missbrauch am jüngeren der beiden Brüder laut Anklageschrift nicht Gegenstand der Verhandlung ist und offenbar keine Verschränkung zum älteren Bruder vorliegt, berichtet die Gutachterin nur über den letzteren. Zentrale Frage dabei ist, ob die Aussagen des Jungen "erlebnisbasiert" sind. 

Detailliert zieht sie Rückschlüsse aus die ihr zur Verfügung stehenden Materialien. Sie erklärt, wie die Aussagen des Jungen zu bewerten seien, wie sie möglicherweise zustande gekommen sind, wovon sie zu welchem Zeitpunkt beeinflusst sein könnten oder warum er sich in, tatsächlich nur wenigen Einzelbeschreibungen, widersprochen hat. 

Nach einiger Zeit wirkt der Angeklagte dabei ermüdet. Der Blick der Angeklagten ist geradeaus. Die Sachverständige kommt zum Schluss, dass vorhandene Lücken in den Erzählungen des Jungen eher Zurückhaltetendenzen zeigen würden als ein Beleg dafür, dass er die Erzählungen zum sexuellen Missbrauch erfunden hat.

Das Gericht hat die Beweisaufnahme geschlossen.

Update, 10.10 Uhr: Tatzeitraum eingeschränkt

Die Kinder zu schonen und dennoch das, was ihnen angetan worden ist, angemessen zu ahnden. Das ist - in einfachen Worten - der Hintergrund rechtlicher Überlegungen des Gerichts. Über die spricht der Vorsitzende zu Beginn des 3. Verhandlungstages. Danach stellt die Staatsanwältin einen entsprechenden Antrag, woraufhin der Tatzeitraum per Gerichtsbeschluss beschränkt wird. 

Mehrere Minuten sprechen Gericht, Anklage und Verteidigung darüber, nach welchen Paragraphen welche Tat wie zu bewerten sei. "Es ist verzwickt", sagt der Vorsitzende. Das Problem: Der mögliche sexuelle Missbrauch beim jüngsten der vier Kinder fällt damit raus. Es folgen formale Einträge in das Verhandlungsprotokoll. Als nächstes soll eine weitere Sachverständige sprechen.

Der Vorbericht:

Beide Angeklagte waren zuletzt am zweiten Prozesstag nach mehreren Unterbrechungen und zwei Rechtsgesprächen schließlich vollumfänglich geständig im Sinne der Anklage. Sie geben die widrigen Umstände zu, unter denen die Kinder bis zu ihrer Herausnahme aus der Familie durch das Jugendamt hatten leben müssen, ebenso wie sie die Schläge – auch die mit dem Stock. Der Mann gibt auch den sexuellen Missbrauch zu, der ihm in der Anklageschrift vorgeworfen wird.

Beide erklären weiter, dass ihnen leid tue, was sie ihren Kindern angetan haben und dass sie ihnen nicht zumuten möchten noch ein weiteres davon erzählen und dieses Mal vor Gericht aussagen zu müssen. Das wäre ohne die beiden Erklärungen nämlich wohl nötig gewesen. So standen die beiden Töchter der insgesamt vier Kinder am zweiten Prozesstag noch für Dienstag auf der Zeugenliste.

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