Haft für Handwerksmeister: „Hätte nie geglaubt, dass ich Drogenkurier war“

Naiver Senior (80) aus Kreis Rosenheim wird als Drogenkurier um die Welt geschickt - Urteil

Landkreis Rosenheim/Traunstein - Er wollte seine Rente aufbessern und dachte, Botendienste für einen Anwalt zu erledigen - tatsächlich wurde der 80-Jährige als Kokainkurier zwischen Sao Paolo, Amsterdam und Hongkong eingespannt. Jetzt muss er ins Gefängnis.

Es war ein denkwürdiger Prozess vor dem Traunsteiner Landgericht: Weil er knapp vier Kilogramm Kokain ins Land schmuggelte, muss ein 80-Jähriger für drei Jahre ins Gefängnis, so das Urteil am Dienstag, 29. September. „Dass ich ein Drogenkurier war, da hätte ich nie dran geglaubt“, so der frühere Handwerksmeister aus einer kleinen Gemeinde im Kreis Rosenheim. Von seiner Ahnungslosigkeit waren schließlich auch Staatsanwaltschaft und Gericht überzeugt. Und doch machte er sich strafbar.


Rentner (80) aus Kreis Rosenheim wird nach Spam-E-Mail zum Drogenkurier

Eigentlich wollte er nur seine Rente aufbessern. Doch dann fiel der gebürtige Priener auf ein Spam-E-Mail herein. Für einen „Rechtsanwalt Campbell“ solle er wichtige „Immobiliendokumente“ in Sao Paolo holen und sie nach Zürich, Amsterdam und Hongkong bringen. Tatsächlich war im Koffer, den er in Brasilien übergeben bekam, 3,8 Kilo Kokain verarbeitet. 3000 Euro wurden ihm versprochen, auch mit zehn Millionen US-Dollar aus einem Fonds wurde der Rentner gelockt.


„Das mit dem Koffer ist mir schon komisch vorgekommen. Ich habe auch mal nachgefragt, ob das schon legal ist. Aber warum sollte ich dem nicht glauben? Er sagte ja, er ist ein Anwalt“, so der Angeklagte, der sich in der Angelegenheit selbst als "leichtgläubig" bezeichnete - oder hatte er einfach nur Dollar-Zeichen in den Augen, wie die Staatsanwaltschaft vermutete? Schließlich waren es gleich mehrere Flüge über drei Monate zwischen Südamerika, Europa und Asien, die der 80-Jährige absolvierte.

Seine Auftraggeber bekam er nie zu Gesicht, alles lief übers Handy

Am 26. November 2019 stellte die Polizei schließlich den kokainbefüllten Koffer in seinem Haus sicher. Die letzte Übergabe in Amsterdam war nicht erfolgreich, „Rechtsanwalt Campbell“ wollte ihn tags darauf damit wieder nach Hongkong schicken. Es waren Familienangehörige, die irgendwann stutzig wurden und die Polizei verständigten - denn wohin der Handwerksmeister reiste und aus welchem Grund, das wollte er nie verraten. „Meine Frau hätte sich nur drüber aufgeregt.

Mein Mandant wurde ganz böse benutzt, wurde wie ein Spielball von dieser Gruppierung hin- und hergeschossen“, so Anwalt Harald Baumgärtl. Die Hintermänner, die womöglich in Nigeria sitzen, brachten den Senior schon im Vorfeld so weit, sich einen Reisepass, ein Smartphone und Whatsapp zu besorgen - so blieb man in Kontakt. Gesehen oder gesprochen hat er „Anwalt Campbell“ nie - „das hat mich eh sauer gemacht". Die Aufträge aufs Handy, teils auf englisch, ließ er sich mit Google übersetzen. Auch Geld für Spesen gab es manchmal: „Aber die Hotels waren so teuer, da ist sich nicht mal eine Brotzeit ausgegangen.“

80-Jähriger hatte mit dem Kokain nichts zu tun

Konkret lief es wohl so ab, dass der 80-Jährige den Koffer an Hotelrezeptionen seiner Zielorte abgab. Das Personal verschwand damit und gab ihm einen baugleichen Koffer kurz darauf zurück - schon war das Rauschgift übergeben, ohne dass der gebürtige Priener es merkte. „Der Koffer war wie eine Zecke, ich hab ihn nicht losgebracht“, beteuerte er vor Gericht. Als er einmal einen Blick in den Koffer warf, sah er nur ein paar Klamotten und eingeschweißte Dokumente. Auch eine Analyse ergab: Keine DNA-Spur vom Angeklagten auf den Koks-Paketen.

Der psychiatrische Sachverständige bescheinigte dem Angeklagten durchaus Intelligenz und Vitalität. Weil er keinerlei Suchtprobleme oder psychische Störungen habe, sei er voll schuldfähig. Das Traunsteiner Landgericht mit Vorsitzender Richterin Jacqeline Aßbichler verurteilte den 80-Jährigen schließlich wegen Einfuhr von Drogen, Beihilfe zum Handeltreiben mit Drogen, sowie eines kleinen Waffendelikts. Wer aber die Drahtzieher sind, die hinter der hinterlistigen Masche stecken, das weiß bis dato auch die Staatsanwaltschaft nicht.

xe

Rubriklistenbild: © Fotomontage dpa

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