Veraltet, schädlich und viel zu teuer?

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Traunstein - Bei einer Informationsveranstaltung informierte Baubiologe Johannes Schmidt über die Risiken des flächendeckenden digitalen Behördenfunks.

Ziel der Bürgerinitiativen ist es, dass die betroffenen Gemeinden ein Moratorium (Aussetzen) zur Überprüfung des Netz-Ausbaus anstreben.

Schmidt wies bei der Informationsveranstaltung "Wird Traunstein und der Landkreis von Tetrafunkverstärkern übersät?" auf Erfahrungen in anderen Ländern hin, wo Tetrafunk bereits im Einsatz ist, wie zum Beispiel ein hohes Ausfallrisiko bei Überlastung, verringerte Flexibilität im Notfall, gesundheitliche Beeinträchtigungen, Datenschutzprobleme und ein 20-fach höherer Stromverbrauch.

Um mehr Daten versenden zu können, werde das Signal "gepulst". "Gepulste Signale haben größere biologische Auswirkungen", sagte Schmidt. Er kritisierte, dass in Deutschland die Grenzwerte dafür viel zu hoch angesetzt seien. Durch den Dauerbetrieb seien gesundheitliche Beeinträchtigungen zu befürchten, verwies Schmidt auf entsprechende Studien. Die Weltgesundheitsorganisation "WHO" habe festgestellt, dass die Strahlung von Mobiltelefonen ein mögliches Krebsrisiko sei. Der Europarat fordere beispielsweise funkfreie Gebiete für elektrosensible Menschen. "Dies widerspricht eindeutig dem Ausbau von Tetrafunk, der bis zu 96 Prozent flächendeckend ausgebaut werden soll", so der Baubiologe.

Die Bürgerinitiativen forderten deshalb ein Moratorium, bis die technische Tauglichkeit und Sicherheit dieses Funksystems nachgewiesen, die gesamte Finanzierung (Ausbau und Folgekosten) klar und die gesundheitliche Unbedenklichkeit gegeben sei. Bis dahin müsse der teure Ausbau von Standorten ausgesetzt werden. Ferner sei eine öffentliche Erörterung der Gesundheitsrisiken für die Bevölkerung und Einsatzkräfte erforderlich. Alternativen müssten gesucht und diskutiert werden.

Empörung über "Geheimniskrämerei"

Die verbraucherpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen im bayerischen Landtag, Anne Franke, empörte sich über die "Geheimniskrämerei" der politisch Verantwortlichen. Mit den Tetrafunk-Gegnern werde von der Politik wie mit kleinen Kindern umgegangen. Aus Großbritannien wisse man, dass Polizei, Feuerwehr und andere Rettungskräfte durch Endgeräte gesundheitlich erheblich geschädigt worden seien. Sie setze sich im Augenblick im Landtag dafür ein, dass die Grenzwerte gesenkt werden, sagte Franke. Sie forderte einen runden Tisch zum Austausch aller Argumente.

Wie die Gemeinden beim Moratorium vorgehen sollen, wollte mehrere Teilnehmer wissen. Schmidt erläuterte, eine Gemeinde könne beim Innenministerium ein Moratorium beantragen oder zumindest ihre Unterstützung einer solchen Initiative mitteilen.

Auf die Frage, warum in Deutschland ein veraltetes System im Vergleich zum neueren und vermeintlich besseren in Österreich installiert werde, mutmaßte der Referent, dass da "wohl die Lobbyisten im Bundestag am Werk gewesen" seien. Schließlich gehe es um viel Geld.

Weitere Fragen aus dem Kreis der Zuhörer zielten auf die Genehmigungsfreiheit von Masten über zehn Meter Höhe, die Einwirkungsmöglichkeiten der Gemeinden über den Flächennutzungs- und Bebauungsplan sowie technische Feinheiten ab.

"Auf dem Rücken der Bevölkerung"

Gabriele Perschl von der BI "Tetrafunkfreies Waging/Otting" als Veranstalter sagte: "Dies ist der größte Feldversuch auf dem Rücken der Bevölkerung mit einem technisch überholten System aus den 1990er-Jahren." Aus anderen Ländern seien die Mängel des Systems bekannt: schlechte Sprachqualität, mangelnder Empfang, große Strahlenbelastung, hoher Stromverbrauch, komplette Systemausfälle oder unzureichender Datenschutz. Den Lieferanten gehe es nur um Gewinnmaximierung. Die Zeche bezahlten die Kommunen für ihre Feuerwehren sowie die Rettungsdienstorganisationen.

Perschl wies auch auf die hohen Kosten von zehn bis 15 Milliarden Euro hin. An Betriebskosten kämen pro Jahr noch rund 37 Millionen Euro hinzu. Dies seien aber nur Zahlen aus heutiger Sicht. Zudem solle das bisherige analoge System noch zehn Jahre parallel betrieben werden.

Für den Landkreis Traunstein seien 22 Sendemasten geplant, mit denen 98 Prozent der Fläche bestrahlt würden. Aufgrund der landschaftlichen Gegebenheiten seien jedoch zusätzliche kleine Sender sowie Signalverstärker bei den Behörden zur Erhöhung der Sendeleistung notwendig. Davon ginge eine große Gefahr für Nutzer und Bewohner aus.

bjr/Chiemgau-Zeitung

Rubriklistenbild: © dpa

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