Prozess um versuchten Mord nach Weinfest in Brückmühl

Urteil am Landgericht Traunstein ist gefallen

Traunstein/Bruckmühl - Ein 22-Jähriger musste sich vor dem Landgericht wegen "Mordes durch Unterlassen" verantworten. Das Urteil lautete letztendlich: "versuchter Totschlag".

DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE:


  • 22-Jähriger wegen versuchtem Mordes durch Unterlassen vor dem Landgericht Traunstein 
  • Er hat nach einem Weinfest einen jungen Mann angefahren, mitgeschleift und ist dann ohne Hilfe zu leisten abgehauen 

  • Vor einem Jahr wurde er dafür zu fünf Jahren und 6 Monaten verurteilt 
  • BGH hob einen Teil des Urteils auf 
  • Neues Urteil lautet auf versuchten Totschlag

Update, 16.41 Uhr - Urteil ist gefallen: Kein Mord, sondern versuchter Totschlag

Vorsitzender Richter Erich Fuchs verkündet das Urteil: Demnach ist der Angeklagte nicht wie ursprünglich des versuchten Mordes durch Unterlassen sondern des versuchten Totschlags schuldig und wird zu einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren und drei Monaten verurteilt. Das ursprüngliche Urteil lautete fünf Jahre und sechs Monate.

Update, 16.33 Uhr - Angeklagter: „Es tut mir unendlich Leid, ich bereue es sehr“

Für Staatsanwalt Dr. Oliver Mößner sei die Tat, wie in der Anklageschrift angegeben, in der heutigen Hauptverhandlung bewiesen. Er halte es für Nachgewiesen, dass der Angeklagte den Geschädigten erfasste, ihn vor sich her schob und dann einfach ohne Hilfeleistung davon fuhr. Mößner geht auch davon aus, dass dem Angeklagten klar war, dass der Geschädigte dringend ärztliche Hilfe benötigte. „Ich nehme ihm auch nicht ab, dass er überhaupt nicht realisiert hat, was da überhaupt vorgefallen ist und dass er den Geschädigten mitgeschliffen hat.“ Mößner hält eine Strafe von fünf Jahren und sechs Monaten weiterhin für tat- und schuldangemessen. Außerdem soll sein Führerschein für drei Jahre eingezogen werden. 

Rechtsanwalt Harald Baumgärtl aus Rosenheim geht in seinem Plädoyer auf die Feststellung des BGH ein. Außerdem sei sein Mandant absolut geständig gewesen. Er habe nie im Leben daran gedacht, dass es zu einem Versterben des Geschädigten kommen könnte. „Ich kann doch nicht einfach den Schluss daraus ziehen, nur weil er nervös und zittrig ist, dass ein Tötungsvorsatz vorgelegen hat“, so Baumgärtl. „Somit ist dich für die Frage des bedingten Tötungsvorsatzes kein Raum mehr.“ Für den Verteidiger gebe es auch keine weiteren Hinweise für einen bedingten Tötungsvorsatz. Er fordert für seinen Mandanten eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung. 

Der Angeklagte hat das letzte Wort: „Ich würde gerne einige Dinge los werden, die mir auf dem Herzen liegen. Es tut mir unendlich Leid. Ich kann die Zeit nicht zurück drehen und ich bereue es sehr. Ich hoffe, dass mir der Geschädigte eines Tages verzeiht. Ich werde alles machen, um das wieder gut zu machen.

Update, 16.14 Uhr - "Morgen bin ich tot, weil der Geschädigte mich anzeigt"

Thema vor Gericht sind auch einige Chatnachrichten, die der Angeklagte nach dem Vorfall an eine Freundin gesendet hat: „Der Geschädigte zeigt mich an. Ich glaube die Polizei ist bei mir. Morgen bin ich tot, weil der Geschädigte mich anzeigt.“ 

Ein Gutachten habe ergeben, dass der Angeklagte den Geschädigten vor sich her geschoben habe, so ein Ermittlungsbeamte vor Gericht. Nach Auswertung des Mobiltelefons stand fest, dass er nach dem Unfall versucht habe das Opfer und dann auch eine Bekannte anzurufen. Mit der habe er dann via Chatnachrichten kommuniziert. „Da kommt wirklich raus, was für Angst der Angeklagte gehabt hat“, so der Beamte. Er erzählt auch von der Geschichte, die sich der Angeklagte nach dem Unfall zurechtgelegt hatte, um die Tat zu vertuschen. „Er hat erzählt, dass er seinen Schlüssel nicht mehr gefunden habe, dann etwa zwei Stunden danach gesucht habe und nach deren Auffinden festgestellt habe, dass sein Pkw ganz woanders mit einem Schaden gestanden habe.“ Der Angeschuldigte habe bei der Vernehmung sehr nervös gewirkt. „Er hat die Lügengeschichte aber dennoch sehr gut rübergebracht.“ 

„Er war wie unter Schock, als wir uns in der Nacht noch getroffen haben“, sagt die Bekannte des Angeklagten, die er nach dem Unfall kontaktierte. Die Wahrheit hat er ihr jedoch nicht erzählt, sondern auch die ominöse Schlüsselgeschichte. Ansonsten hatte die Zeugin nur wenig zu berichten. „Ich meine, er hat Ihnen mehr erzählt, als sie uns heute mitteilen“, so der Vorsitzende Richter Erich Fuchs. 

Der 20-jährige Geschädigte wisse nicht mehr all zu viel von dem Unfall. Er bestätigte vor Gericht, dass es am Abend des Vorfalls eine Schlägerei mit dem Angeklagten hatte. Dann sei er in Richtung des Landmaschinenhandels gelaufen, wo der Unfall passierte. „Das erste an was ich mich erinnere ist der nächste Tag im Krankenhaus.“ 18 Mal hat er in Folgen des Unfalls operiert werden müssen, befand sich über sechs Wochen in stationärer Behandlung. Ein Jahr lang sei er arbeitsunfähig gewesen und leide heute noch unter den Folgen des Unfalls. 

Der Angeklagte will sich bei dem Geschädigten entschuldigen, der sagt aber „ich glaube nicht, dass das der richtige Zeitpunkt ist.“

Update, 13.35 Uhr - Versuchter Mord in Bruckmühl? Angeklagter sagt aus

Der Angeklagte will sich vollumfänglich zu seinen persönlichen Verhältnissen und zur Sache äußern. „Weil ich selber was getrunken habe, habe ich erst überlegt, wie ich heim fahren soll“, sagt er auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters. Er habe Angst gehabt, dass irgendwo die Polizei steht. „Ich habe dann in den Rückspiegel geschaut, war unkonzentriert...“ - jetzt bricht der Angeklagte in Tränen aus. 

Laut Anklageschrift habe das Opfer quer zur Straße in Seitenlage und mit Blickrichtung zum Angeschuldigten auf der Fahrbahn gelegen, als ihn der Angeklagte anfuhr. „Ich habe das am Anfang gar nicht richtig realisiert. Ich habe mir nur gedacht 'scheiße, jetzt habe ich jemand angefahren'. Das Gefühl kann man nicht beschreiben, ich war komplett unter Schock“, erzählt der sichtlich mitgenommene 22-Jährige.

Er habe beim Opfer keine Bewegungen wahrgenommen, habe ihn nur daliegen sehen. „Was haben Sie gedacht, als Sie dann losgefahren sind?“, will Richter Erich Fuchs wissen. „Ich habe gar nichts gedacht.“ Er habe selber nicht mehr gewusst, wie er heimgekommen sei. „Um ehrlich zu sein, habe ich mir schon gedacht, dass er mich erkannt hat. Wegen meinem Auto und weil er gewusst hat, dass ich um die Uhrzeit nach Hause fahre.“

Update, 10.44 Uhr - Richter eröffnet erneutes Verfahren gegen 22-Jährigen

Mit etwas Verzögerung eröffnete Erich Fuchs, Vorsitzender Richter der Zweiten Strafkammer als Jugendschutzkammer, am Dienstag (14. Juli) den Prozess gegen einen 22-Jährigen aus dem Landkreis München. Das Gericht hat nochmal über Teilaspekte des Falles zu entscheiden. Der Angeklagte wurde wegen versuchten Mordes bereits zu einer Jugendstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten verurteilt. Der Bundesgerichtshof hob allerdings einen Teil des Urteils wieder auf, so dass am Dienstag neu verhandelt werden muss.

Große Teile des Ersturteils sind bereits rechtskräftig. In der neuen Verhandlung steht vor allem eine Frage im Mittelpunkt: Wie und mit welcher Strafe ist die Flucht des 22-Jährigen in jener Nacht zu werten? Vor einem Jahr gelangte das Gericht zu dem Urteil: „versuchtem Mord durch Unterlassen“ jeglicher Hilfeleistung an dem Schwerverletzten. Als Mordmerkmal hatte die Kammer eine Verdeckungsabsicht angenommen. Dies muss die Zweite Strafkammer jetzt insbesondere prüfen.

Gemäß Anklage waren der Angeklagte und das spätere Opfer - beide kannten sich schon länger - auf dem Weinfest in Bruckmühl/Högling aneinandergeraten. Der Angeklagte soll den den 19-Jährigen kurz danach mit dem Pkw angefahren und den auf der Straße Liegenden vor sich hergeschoben haben – um dann zu verschwinden. Am nächsten Tag meldete er der Polizei einen angeblich unerklärlichen Schaden an seinem Wagen. Nach anfänglichen Leugnen gab er zu, den Unfall-Pkw gelenkt zu haben.

Das Opfer hatte Riesenglück. Der junge Mann erlitt unter anderem einen Bruch des Lendenwirbels, eine Lungenprellung sowie eine tiefe, bis zu den Sehnen reichende Abschürfung am rechten Unterarm mit einem Abriss der inneren Arterie im dortigen Bereich. „Es war nur glücklichen Umständen zu verdanken, dass die Verletzungen nicht noch schwerer oder gar tödlich verliefen, insbesondere der Geschädigte aufgrund der Tieferlegung des Fahrzeuges nicht überrollt wurde und sehr schnell aufgefunden und ärztlicher Versorgung zugeführt wurde“, so die Anklageschrift.

Vorbericht

Am 25. August 2018 nach 3 Uhr morgens wurde ein damals 19-Jähriger nach einem Weinfest im Bruckmühler Ortsteil Högling von einem 20-jährigen Pkw-Fahrer überfahren und schwerverletzt auf der Straße liegengelassen. Das Opfer, das unter anderem einen Wirbelbruch erlitten hatte, überlebte. Den inzwischen 22-jährigen Täter verurteilte die Jugendkammer am Landgericht Traunstein letztes Jahr bereits zu einer Freiheitsstrafe von über fünf Jahren. Der Bundesgerichtshof hob einen Tatkomplex aus der Entscheidung auf.

Die Zweite Strafkammer mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs als Jugendschutzkammer muss nun nochmals über Teilaspekte des Falles entscheiden. Der neue Prozess beginnt am Dienstag, 14. Juli um 9 Uhr, und wird am Freitag, 17. Juli, ebenfalls um 9 Uhr fortgesetzt.

Wie ist die Flucht zu werten?

Im Fokus der neuerlichen Verhandlung steht die Frage 'wie und mit welcher Strafe ist die Flucht des 22-Jährigen in jener Nacht zu werten?' Vor einem Jahr gelangte das Gericht zu „versuchtem Mord durch Unterlassen“ jeglicher Hilfeleistung an dem Schwerverletzten. Die Kammer hatte als Mordmerkmal eine Verdeckungsabsicht angenommen. Dies muss die Zweite Strafkammer jetzt insbesondere prüfen.

Die damaligen Ermittlungen der Kripo Rosenheim führten zu dem Mann aus der Nähe von München. Ein Zeuge hatte der Polizei in der Nacht mitgeteilt, dass auf der Dorfstraße im Ortsteil Högling ein nicht ansprechbarer Schwerverletzter liege. Er sei offenbar von einem Auto erfasst und mitgeschleift worden. Der Mann aus dem Landkreis Ebersberg erlitt neben dem Bruch der Lendenwirbelsäule eine Lungenprellung sowie massive Armverletzungen samt Abriss einer Arterie. Es folgten ein wochenlanger Klinikaufenthalt und viele Operationen.

Am Vormittag nach dem Vorfall habe sich der damals 20-jährige Angeklagte, der zum Freundeskreis des Opfers gehörte, bei der Kriminalpolizei Rosenheim gemeldet. Er habe sich auch auf dem Weinfest befunden und hatte an seinem Wagen einen zunächst unerklärlichen Unfallschaden festgestellt, wie die Polizei damals mitteilte. Aufgrund der bislang durch die Polizei gewonnenen Erkenntnisse bestand der dringende Verdacht, dass es sich bei dem jungen Mann um den flüchtigen Unfallfahrer handelte.

jb

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