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Kormoran, Fischotter und Gänsesäger

„Produzieren Vogelfutter für 500.000 Euro“: Fischer am Chiemsee bangen um ihre Existenz

Seit Jahren wird am Chiemsee eine zum Teil sehr emotionale Debatte um den Kormoran geführt.
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Seit Jahren wird am Chiemsee eine zum Teil sehr emotionale Debatte um den Kormoran geführt.

Kormoran, Fischotter und Gänsesäger fressen den Fischern den Fang weg. So sehen es zumindest viele Betroffene rund um den Chiemsee. Über eine emotionale Debatte und Existenzängste.

Traunstein – Die zunehmende Population von Kormoran, Gänsesäger und Fischotter stellt auch die Fischerei im Landkreis Traunstein vor große Herausforderungen. Eine Lösung erörterten Betroffene und Fachleute bei einem runden Tisch, zu dem der Traunsteiner Stimmkreisabgeordnete Klaus Steiner (CSU) eingeladen hatte. Er ist im Agrar- und Umweltausschuss des Landtages auch für Fischereifragen zuständig.

Ausrottung nicht Ziel

Florian Kirchmeier, Vorsitzender der Fischereigenossenschaft Chiemsee, stellte ausdrücklich klar, dass es nicht um die Ausrottung des Kormorans gehe, sondern um eine Regulierung des Bestandes. „Es geht um Existenzen, um unsere Familien, die von der Fischerei leben und um Fischarten, die, wie zum Beispiel die Äsche, die vom Gänsesäger in den Fließgewässern, wie der Tiroler Ache, ausgerottet werden“, so Kirchmeier.

Regulierung statt Entschädigung

Den Fischern gehe es nicht um eine Entschädigung, die ohnehin mit massivem bürokratischem Aufwand verbunden sei. „Deswegen ist es unser Ziel, die Anzahl der Kormorane am Chiemsee zu reduzieren, am besten durch einen Zugriff auf die Gelege“, sagte der Fischer.

Er verwies auf Netzschäden durch tieftauchende Kormorane. Die Fischer seien deshalb gezwungen, die Netze mehrmals im Jahr auszutauschen. Niemand zahle hierfür eine Entschädigung..

Sein Vorgänger Thomas Lex forderte die Politik nachdrücklich auf, endlich Lösungen anzubieten. „Jährlich setzen wir Millionen von jungen Fischen im Wert von circa 500.000 Euro in den See, um ein gutes, gesundes, regionales Nahrungsmittel anzubieten, nachhaltige Hilfe bleibt uns aber verwehrt. Wir produzieren weitgehend Vogelfutter“, so Lex.

Bernhard Gum von der Fischereifachberatung des Bezirks Oberbayern verwies auf das Kormoranmanagement des Freistaates, das – trotz vorliegendem massiven Handlungsbedarf – bundes- und europaweit noch das Beste sei.

Bedenken gegen Vergrämungsmaßnahmen äußerte hingegen Frank Weiß vom Landesbund für Vogelschutz. „Wenn man zu unsensibel an die Maßnahmen herangeht, besteht die Gefahr, dass sich der Schlafplatz der Kormorane auflöst und man es, statt mit einem großen Standort, plötzlich mit zehn kleinen zu tun habe“, so Weiß.

Der Sache sei dies nicht dienlich. Er sieht Lösungsansätze in der Umgestaltung der Fluss- und Uferstrukturen, die Fischen und Vögeln andere Rahmenbedingungen bieten könnten. Der Kormoran werde seit Jahren abgeschossen, aber es habe nichts gebracht.

Äschenbestand sinkt

Sepp Schiller, Vorstand des Fischereivereins Chiemsee, erläuterte, dass der Äschenbestand in der Region massiv zurückgehe. Die Anzahl an Kormoranen, Gänsesägern und Fischottern sei einfach zu hoch. Schiller gab zu bedenken, dass mit Schutzzäunen, wie sie auch beim Wolf gefordert werden, massiv in die Lebensräume anderer Tier- und Wildarten eingegriffen werde. Hier müssten sich die Umweltverbände die Frage stellen, ob dies wirklich gewollt sei.

Nach den Worten des Präsidenten des Oberbayerischen Fischereiverbandes, Maximilian Voit, werde man die Probleme nur bewältigen können, wenn diese streng geschützten Arten auf EU Ebene vom Anhang 4 in den Anhang 5 der FFH- Richtlinien genommen werden.

Ein weiteres Ärgernis seien Entschädigungen: „Die Beweislage ist schwierig, auch wenn in der Praxis klar ist, dass der Gänsesäger die Ursache für den deutlichen Rückgang der Äschenbestände ist.“

„Der Hut brennt.“

Florian Baierl, Fischotterberater von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft, zeichnete ein düsteres Bild: „Der Hut brennt. Ein Zaun wirkt nur bedingt und auch nur, wenn er gut gesetzt ist und gewartet wird“. Die Hauptzeit des Otters, sei Oktober bis März, bei entsprechender Schneelast seien Zäune unwirksam. Korbinian Stettwieser vom Wasserwirtschaftsamt Traunstein sprach die unterschiedlichen Ziele der Wasserrahmenrichtlinien an, nämlich den Hochwasserschutz und die Gewässerökologie. Bei allen Maßnahmen bemühe sich das Wasserwirtschaftsamt Traunstein um eine gute Abstimmung mit der Fischerei und darum, den Lebensraum für Fische zu verbessern.

Klaus Steiner forderte neue Sichtweisen in der Diskussion. Artenschutz ende nicht an der Wasseroberfläche. Deswegen sei die Bestandsreduzierung bestimmter Tierarten einfach notwendig, genauso wie zum Beispiel der Bergwald durch die verstärkte Bejagung von Rotwild geschützt werde. „Die gleiche Denkweise brauchen wir bei Biber, Fischotter, Reiher oder Kormoran und aktuell bei der Almwirtschaft mit dem Wolf“, so Steiner.

Das sagen die Naturschützer

Der Naturschutzbund Deutschland (NABU), der Landesbund für Vogelschutz (LVB) und der Deutsche Rat für Vogelschutz (DRV) haben eine gemeinsame Position zur Thematik des Kormorans herausgebracht. In erster Linie begrüßen sie, dass sich die nordwesteuropäische Population des Kormoran nicht zuletzt auf Grund internationaler und nationaler Schutzbestimmungen wieder erholt und die Art ihr Brutareal ausgebreitet hat, nachdem sie durch Jahrhunderte lange Verfolgung an den Rand der Ausrottung gebracht worden war. Zwar sei nun eine Stabilisierung der Brutbestände zu beobachten ist. Von einer „Überpopulation“ des Kormorans könne jedoch keine Rede sein.

Nach wie vor dürfe die Population des Kormorans durch Abschussgenehmigungen nicht in ihrem Bestand gefährdet werden. Ausnahmen von diesem generellen Schutz seien nur gemäß Artikel 9 der Richtlinie „zur Abwendung erheblicher Schäden an Fischereigebieten und Gewässern“ zulässig.

Die Umweltschützer beziehen sich außerdem auf wissenschaftliche Untersuchungen, nach denen„keine nennenswerten, geschweige denn erhebliche Schäden auftreten“. Abgesehen von punktuellen Ausnahmesituationen an kleinen Fließgewässern gebe es auch keine wissenschaftlich belegten Nachweise darüber, wie und in welchem Umfang Kormorane das Vorkommen von Fischarten oder gar seltenen Fischarten beeinflussen. Stattdessen seien Rückgänge von Fischbeständen und die Gefährdung einzelner Fischarten primär auf Gewässerverschmutzung und -verbauung zurückzuführen.

Für die Naturschützer wird die Debatte zu populistisch und emotional geführt. Sie plädieren für mehr Sachlichkeit.

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