Gedenkveranstaltung für Kurt Eisner

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Die Musikgruppe "Linkszweidrei" bei ihrem Auftritt

Traunstein - Zu ehren von Kurt Eisner, dem ersten Ministerpräsidenten Bayerns, veranstaltete Friedbert Mühldorfer eine Gedenkveranstaltung im Sailerkeller.

Im überfüllten Bernhardistüberl im Sailerkeller, in das die Gedenkveranstaltung für Kurt Eisner, den ersten Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern kurzfristig verlegt werden mußte, zeigte Friedbert Mühldorfer in beeindruckenden Bildern die Geschichte des politischen Feindbildes seit 1918 auf. Die Musikgruppe „Linkszweidrei“ trat erstmals unter großem Beifall mit Liedern aus der Arbeiter- und Protestbewegung auf. In der Nacht zum 8. November 1918 hatte der Sozialist Kurt Eisner nach einer unblutig verlaufenen Revolution in München den „Freistaat Bayern“ ausgerufen, zusammen mit den Mehrheitssozialsdemokraten eine provisorische Regierung gebildet und das Ende der Monarchie und des Krieges verkündet. In den kommenden Monaten wurde z.B. das Frauenwahlrecht, der Achtstunden-Arbeitstag, die betriebliche Mitbestimmung und ein demokratischer Verfassungsentwurf geschaffen. Auch in Traunstein wählten die Arbeiter unter dem sozialdemokratischen Maurermeister Franz Kattan, aber auch Bauern, Handwerker und Beamte ihre „Räte“. „Dass diese nunmehr alle politischen Entscheidungen trafen und dass Eisner eine grundlegende Demokratisierung durch bindende Volksabstimmungen anstrebte, konnte die politische Reaktion ebenso wenig wie das konservative Bürgertum ertragen“, berichtete der Historiker Friedbert Mühldorfer zu Beginn seiner Ausführungen. Deshalb begann schon Ende des Jahres 1918 eine hasserfüllte Lügenpropaganda gegen Kurt Eisner, der als Jude und Sozialist das Feindbild aller Reaktionäre verkörperte. Der Friedenswille der notleidenden Bevölkerung, der den Krieg beendete, wurde ab jetzt zur Dolchstoßlegende umgedichtet, wonach die Juden und Sozialisten der Wehrmacht in den Rücken gefallen wären. Die zunehmenden Mordaufrufe gegen ihn gipfelten dann am 21. Februar 1918 in der Bluttat des Studenten und Offiziers Graf Arco, als Eisner nach der demokratischen Landtagwahl, die er verloren hatte, auf dem Weg war, um seinen Rücktritt zu erklären. In einer Terrorwelle ohnegleichen räumten schließlich Anfang Mai Freikorps und Reichswehrtruppen endgültig „mit dem bolschewistischen Pack“ in München auf.

Die Bedeutung des 9. November

Seitdem bedienten besonders in Bayern rechtsradikale Kräfte, aber auch Teile der Bayerischen Volkspartei, die Feindbilder „Juden“ und „Sozialisten/Kommunisten“. Beide wurden für die Wirtschaftskrise, die zunehmende Arbeitslosigkeit und Not verantwortlich

gemacht. Der Tag der Revolution, der 9. November, galt ihnen seitdem als Tag der Schande, an dem die alte Ordnung gestürzt und durch die verhasste Republik ersetzt worden war. Die Nationalsozialisten wählten fortan bewusst den 9. November für ihre Kundgebungen und Aufmärsche, um diese „Schande“ zu tilgen; so auch beim Hitlerputsch im Jahre 1923. Ebenso wurde am 9. November 1938 in der „Reichskristallnacht“ zur Gewalt gegen die Juden aufgerufen. „Auch in Traunstein zogen etwa 40 SA-Angehörige unter Leitung des Traunsteiner Altnazi Franz Werr vor das Haus der jüdischen Viehhändlersfamilie Holzer in der Kernstraße und forderten deren Vertreibung; neun Angehörige der Familie wurden später in Vernichtungslagern von den Nazis ermordet“, berichtete Mühldorfer in der Diskussion. Nach dem zweiten Weltkrieg und nach einer kurzen Zeit der Hoffnung auf Frieden und Rückbesinnung auf die sozialistischen Ideale auch des Kurt Eisner, z.B. im Ahlener Programm der CDU, in der Bayerischen Verfassung und in den Sozialstaatsgeboten des Grundgesetzes wurde erneut in den politischen Auseinandersetzungen das Feindbild Sozialismus bedient und nun vor allem in der Adenauerzeit gegen die SPD benützt. Diese Tradition von Antisozialismus und Antikommunismus wirkt aber leider immer noch. „Bis heute wird Gefahr für den Staat vor allem im linken politischen Spektrum vermutet, auf dem rechten Auge scheint z.B. auch der Verfassungsschutz immer noch blind zu sein, wie die Ermittlungspannen gegen die NSU-Terroristen zeigen. Auch dass die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes regelmäßig im Verfassungsschutzbericht erwähnt wird, passt in dieses Bild, das die Opfer der Nazizeit heute zu Staatsfeinden stempeln möchte“, so der Referent. Anschließend wurde heftig diskutiert; besonders interessant war ein Beitrag des früheren SPD-Stadtrates Ernst Holl, in dem er aus eigenem Erleben berichtete, wie sein Vater von den Nationalsozialisten gedemütigt und misshandelt wurde. Peter Kurz, der die Veranstaltung leitete, dankte abschließend dem Referenten, den Mitwirkenden der Musikgruppe „Linkszweidrei“ und den Veranstaltern, dem Kurt Eisner Verein e.V., der Friedensinitiative Traunstein Traunreut Trostberg und dem VVN – Kreisverband Traunstein sowie allen Teilnehmern..

Peter Kurz

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