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Trotz neuen Tarifabschlusses

Gastro-Krise im Chiemgau - Warum es an Arbeitskräften für Kneipen und Hotels mangelt

Lieber in der Industrie statt im Service arbeiten: Die Gastro- und Hotelbranche kämpft damit, dass sie keine Arbeitskräfte mehr findet.
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Lieber in der Industrie statt im Service arbeiten: Die Gastro- und Hotelbranche kämpft damit, dass sie keine Arbeitskräfte mehr findet.

Gastronomie und Hotellerie suchen händeringend nach Kräften. Das kann auch existenzbedrohend sein, wie etwa die Schließung des Geckos in Übersee zeigt. Doch auch wenn es inzwischen einen neuen Tarifabschluss gibt, suchen viele Kräfte inzwischen ihr Glück woanders.

Chiemgau – Wenn Marion Bader über die derzeitigen Bedingungen im Gastronomie- und Hotelgewerbe spricht, wird ihr Ton scharf. „Jeder, der heute als ausgelernte Fachkraft in die Gastronomie geht, arbeitet als Hilfskraft“, klagt die 60-Jährige aus Grassau, die selbst über Jahrzehnte in der Gastronomie gearbeitet hat. Doch die Zeiten hätten sich geändert – zum Schlechten. Bader klagt zum einen darüber, dass es bei der Arbeit im Gastgewerbe inzwischen an Menschlichkeit fehle, alles laufe nur noch unter Druck.

Mindestlohn und kein Trinkgeld

Der Job sei auch früher schon stressig gewesen, berichtet Bader. Aber ein gemeinsames Essen mit den Kollegen, das selbstverständlich der Chef ausgab, habe ebenso dazugehört wie Freigetränke fürs Personal. Alles inzwischen passé. Erschwerend hinzu kommt für Bader die Einkommenssituation für die Kräfte.

Oft gebe es nur den Mindestlohn, auch das Trinkgeld bleibe nicht mehr bei den einzelnen Bedienungen, sondern fließe schlimmstenfalls ebenso in die Tasche des Chefs. So, meint Bader, müssten sich Hotel- und Gaststättenbetreiber nicht wundern, dass sie keine Leute mehr fänden.

Versäumt, an Stellschrauben zu drehen

Die Klagen über zu wenig Personal in der Gastro- und Hotelbranche gab es schon vor Corona, wie der stellvertretende Kreisvorsitzende des Hotels- und Gaststättenverband für Traunstein (Dehoga), Michael Hörterer aus Siegsdorf, schildert. Er räumt ein, dass man inzwischen an den „Rahmenbedingungen“ habe arbeiten müssen, um wieder mehr Menschen für das Gast- und Hotelgewerbe zu begeistern.

Dazu gehöre auch, dass viele Betriebe ihre Öffnungszeiten anpassten und auch die Dienste in den Hotels und Gaststätten so aufgeteilt würden, dass die Arbeitszeiten erträglicher ausfielen. Hörterer räumt ein, dass man in den vergangenen Jahren vorwiegend auf das Geschäft geschaut und dabei versäumt habe, an verschiedenen Stellschrauben fürs Geschäft zu drehen. Darunter auch der Umstand, dass man Kräfte im Service zu einem geringen Grundlohn eingestellt und stattdessen am Umsatz beteiligt habe. Ein Modell, was sich spätestens mit der Kurzarbeit während der Pandemie zerschlagen haben dürfte.

Neuer Tarifabschluss

Im März gab es einen neuen Tarifabschluss in diesem Bereich. Die Löhne für alle Berufsgruppen sind zum ersten April und sieben Prozent gestiegen. Das bedeutet nach Rechnung der Gewerkschaft „Nahrung, Genuss und Gaststätten“ (NGG) einen Bruttolohn von rund 2600 Euro für einen frisch ausgelernten Koch oder Hotelfachkraft.

Sebastian Wiedemann, Landesbezirkssekretär der NGG Bayern, spricht von einem „guten Tarifabschluss.“ Auf der anderen Seite: Ein Großteil der rund 350.000 Beschäftigten im Hotel- und Gaststättengewerbe arbeite wohl in Betrieben, die sich nicht an den Tarif halten müssen. Genaue Zahlen kann die Gewerkschaft nicht nennen und verweist auf den Umstand, dass Dehoga eine auch Mitgliedschaft ohne Tarifbindung erlaube.

Branche den Rücken gekehrt

In vielen Hotel- und Gaststätten herrsche tatsächlich eine angespannte Situation, wie Dehoga-Vertreter Hörterer berichtet. Viele hätten der Branche den Rücken gekehrt und seien in die Industrie gewechselt. In Bayern, schätzt Michael Hörterer, hätten sich rund 70.000 Beschäftigte für diesen Weg entschieden.

Ein Phänomen, das auch NGG-Mitglied und Vorsitzender des Rosenheimer DGB-Kreisverbands, Manuel Halbmeier, bestätigen kann: Die Leute schätzen in der Industrie vor allem, die Planbarkeit, aber auch das Geld stimme, insbesondere aufgrund der gezahlten Zuschläge.

Auch Kritik aus Dehoga-Kreisen

Doch selbst aus Kreisen der Dehoga ist Murren über das Verhalten einiger Kollegen zu hören, die es am Umgang mit ihren Mitarbeitern vermissen ließen. Anders gesagt: Wenn der Dienstplan für die Folgewoche erst am Sonntagabend auf dem Tisch liegt, müsse sich kein Arbeitgeber im Hotel- und Gaststättengewerbe wundern, wenn der Frust bei den Mitarbeitern irgendwann zu groß werde. Wie bei Marion Bader.

Und doch dringt bei ihr bisweilen durch, dass die Arbeit in der Gastronomie auch erfüllend sein kann. Auch wenn es oftmals stressig ist. Aber die Zeiten müssten sich grundlegend ändern: „Jeder sucht Leute und jeder möchte, dass du funktionierst und das für den Mindestlohn – das kann es nicht mehr sein“, findet sie.