Inzell: Weichen fürs "Almdorf" gestellt

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Hier soll das "Almdorf Unternberg" entstehen. Auf einer Fläche von rund 6000 Quadratmetern sind neun Ferienhäuser geplant.

Inzell - Das sogenannte Almdorf im Außerfeld am nordöstlichen Ortsrand von Inzell kann kommen: Einstimmig fasste der Gemeinderat einen entsprechenden Grundsatzbeschluss zur Aufstellung eines Bebauungsplans.

Die Bauleitplanung wird laut Bürgermeister Martin Hobmaier für das gesamte Gebiet erstellt, die Realisierung erfolge in Bauabschnitten.

Auf insgesamt rund 29.000 Quadratmetern können bis zu 70 kleine Almhäuser entstehen. Der Bauherr wird im Verfahren verpflichtet, den ganz östlichen Bauabschnitt direkt neben dem Campingplatz als Erstes zu verwirklichen. Auf 12.000 Quadratmetern entstehen dort 30 Almhäuser und ein Zentralgebäude. Im zweiten Bauabschnitt sind 25 Gebäude auf 10.000 Quadratmetern, im dritten Abschnitt 15 Gebäude auf 7000 Quadratmetern geplant. Die Gemeinde führt das Bebauungsplanverfahren durch. Die Kosten dafür sowie für Erschließung und Straßenausbau trägt die Planungsgruppe Strasser & Partner, die auch ein Verkehrskonzept erstellen muss.

An Stellungnahmen der Bürger ist laut Hobmaier bis auf ein Schreiben "ohne Unterschrift" nichts eingegangen. Dieses Schreiben sei als anonym zu betrachten und könne daher nicht verwertet werden. Auf Rückfrage der Chiemgau-Zeitung vor dem Sitzungssaal räumte Hobmaier ein, dass es sich wohl um dasselbe Schreiben von Hans Scheurl handele, das der Zeitung per Mail zugegangen war. Scheurl hatte Hobmaier nach eigenen Angaben gebeten, sein Schreiben im Gemeinderat vorzulesen. Er stellte am Tag nach der Sitzung auf Nachfrage klar, dieses sei selbstverständlich nicht anonym gewesen.

Der Inzeller Lehrer und Mitinitiator des Bürgerentscheids 2009 zweifelt darin die Zahlen der Unternehmensberatungsfirma Treugast an, wonach die Gäste eines Almdorfs 20 Prozent ihres Urlaubsbudgets für die Übernachtung und 80 Prozent am Urlaubsort ausgäben. Bei einem Übernachtungspreis von 200 bis 250 Euro bedeute das, dass eine Familie pro Tag mindestens 1000 Euro ausgebe - für Scheurl "völlig unrealistisch". Er stellt auch eine 60-prozentige Auslastung in Frage, wenn die Zielgruppe Familien sind, die auf Ferienzeiten angewiesen seien.

Darüber hinaus befürchtet er eine Zersiedelung der Landschaft. Es dürften heute keine landwirtschaftlichen Flächen mehr der Lebensmittel- und Energieproduktion mehr entzogen werden. Wichtiger wäre es nach Scheurls Ansicht für eine Gemeinde, auf Energieeinsparung und erneuerbare Energien zu setzen. Hier böten ihre Betriebe und Bauern große Chancen. Er schlug die Erweiterung der Stromgenossenschaft zu einer Energieerzeugungsgenossenschaft und den genossenschaftlichen Betrieb einer Biogasanlage vor. Einig ist sich Scheurl mit dem Gemeinderat, dass das Hotel "Zur Post" in der Ortsmitte benötigt wird. Hier gelte der Grundsatz "Eigentum verpflichtet". Ansonsten könnte auch hier versucht werden, durch "Bündelung aller Kräfte" (Gründung einer Genossenschaft) den Wiederaufbau und Betrieb des Hotels zu erreichen, so der Schreiber.

Einleitend zitiert Scheurl eine Studie der Universität Wien zu Almdörfern: Diese Art der Beherbergung sei nicht nachhaltig, da auf einer großen Fläche relativ wenig Gästebetten entstünden, und dies "in landschaftlich sensiblen Außenbereichen oder Randlagen".

Insbesondere hier widerspricht der Bürgermeister dem Kritiker energisch: Das "Almdorf" liege nicht im Außen- oder Randbereich, sondern zentral nahe der Ortsmitte, in einem touristisch erschlossenen Gebiet. Die benötigten Grundstücke sind, wie schon mehrfach berichtet, im Flächennutzungsplan als Sondergebiet für den Fremdenverkehr gekennzeichnet.

Zur Diskussion kam es in der Sitzung nicht. Josef Rieder (SPD und Unabhängige) begrüßte die intensive Beteiligung der Bürger. Die Gemeinde habe etwas aus dem Bürgerentscheid gelernt, meinte Hobmaier. Stefan Schwabl (Forum aktiv) berichtete, Investor Martin Straßer bestehe nicht auf die Bezeichnung "Almdorf". Dies sei nur der Arbeitstitel.

vm/Chiemgau-Zeitung

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