Hat die Weltgemeinschaft Haiti vergessen?

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Trafen sich in diesen Tagen in Traunstein: Artur Baerg, Pastor der Evangelischen Freikirche in Traunstein und seine Schwester Susanne, die seit 25 Jahren als Missionarin in Haiti lebt. In zwei Vorträgen erzählt sie in dieser Woche über ihre Erfahrungen in Haiti während des schweren Erdbebens.

Traunstein - Am 12. Januar diesen Jahres erschütterten schwere Erdbeben der Stärke 7,0 den mittelamerikanischen Staat Haiti. Susanne Baerg schilderte ihrer Zeitung gestern ihre Eindrücke.

Bis zu dreihunderttausend Menschen verloren ihr Leben, geschätzte 1,2 Millionen Bewohner wurden obdachlos. Unter den Bewohnern des Landes befand sich auch Susanne Baerg, Schwester des Pastors der Evangelischen Freikirche Traunstein, Artur Baerg (wir berichteten). Die Haiti-Missionarin lebt und arbeitet seit 27 Jahren in Les Cayes, in einer rund 200 Kilometer von der haitianischen Hauptstadt Porto Prince entfernten Küstenstadt. In dieser Woche besucht sie den Chiemgau.

Frau Baerg, die Bilder von Zerstörung, Leid und Elend in Haiti haben uns alle erschüttert. Wie haben sie persönlich das Erdbeben erlebt?

Es wird viel gebaut in Haiti. Auch mit Deutscher Hilfe werden die durch das Erdbeben zerstörte Häuser durch stabilere Bauten ersetzt.

Baerg: Auch bei uns in Les Cayes hat die Erde gebebt. Es war Dienstag Nachmittag um 16.40 Uhr. Ich habe gerade mit einigen Frauen aus der Nachbarschaft Kaffe getrunken. Als die Terrasse anfing zu schwanken und die Tassen wackelten, sind wir schnell auf den Hof gelaufen. In Les Cayes, der drittgrößten Stadt des Landes, sind vom Beben zwei Häuser eingestürzt und viele andere waren leicht beschädigt.

Was hat sich seit dem Anlaufen der Hilfslieferungen getan? Hat sich die Lage für die Menschen verbessert?

Baerg: Ja, die viele ausländische Hilfe war sehr nötig und hat viel bewirkt. Zuerst konzentrierte sich die Hilfe auf die vielen Verletzten und Obdachlosen. Niemand weiß wie viele Verletzte es gab, sicher mehr als eine halbe Million. Eine der Kirchengemeinden unserer Mission in Port-au-Prince, die 3000 Mitglieder hat, machte genaue Bestandsaufnahmen. Sie hatte 48 Tote und 418 Verletzte zu beklagen. Viele der Schwerverletzten konnten waren auch zwei Monate nach dem Beben noch im Krankenhaus. Die Arbeit der Krankengymnasten hat erst im April so richtig begonnen. Es wird noch etwas dauern, bis die vielen Menschen mit Amputationen Prothesen bekommen und gelernt haben, sie zu gebrauchen. Parallel zur medizinischen Versorgung wurden Zelte und Zeltplanen an Obdachlose verteilt. Als ich im Februar einige unserer Gemeinden in Port-au-Prince besuchte, hatten die Menschen schon alle Notunterkünfte, was sie brauchten waren Lebensmittel.

Man hat den Eindruck, dass in unserer schnelllebigen Welt das Elend in ihrem Land bereits wieder vergessen worden ist. Lässt die Weltgemeinschaft Haiti im Stich?

Baerg: Nein, das würde ich nicht sagen. Im Mai haben viele Hilfsorganisationen begonnen (und einige schon im April), kleine wirbelsturmfeste Übergangshäuser für die Obdachlosen zu bauen. Manche bauen Holzhäuser mit Wellblechdach, andere bauen kleine Fertigbauhäuser aus Metall, und wieder andere bauen reguläre Häuser mit Stein und Zement.

In den Tagen nach dem Erdbeben konnte man im Fernsehen immer wieder von singenden und fröhlichen Menschen sehen, die sich in ihrem Elend zu christlichen Gottesdiensten trafen. Wie ist das vor dem Hintergrund des Erlebten erklärbar?

Susanne Baerg unterrichtet in Haiti Kinder. In dieser Woche ist sie zu zwei Vorträgen in Traunstein und Traunreut und berichtet dort über ihre Erfahrungen während des Schweren Erdbebens anfangs des Jahres.

Baerg: Viele Haitianer sind es gewohnt, von der Hand in den Mund zu leben. Sie sagen: Wenn man lebt und gesund ist, hat man schon viel Grund, Gott dafür zu danken. Dazu kam, dass während des Erdbebens viele Menschen auf ungewöhnliche Weise vor dem Tod bewahrt wurden. Viele brachten ihren Dank an Gott über das Überleben zum Ausdruck. Die Freude darüber überwog die Traurigkeit über die vielen materiellen Verluste.

Gerade Kinder sind in einer solchen Situation traumatisiert und oft am schlimmsten betroffen. Sie arbeiten viel mit Kinder? Wie konnten sie persönlich in den Notlagen helfen?

Baerg: Ich habe Besuche in unserm Missionskrankenhaus gemacht, habe mit den Leuten geredet, um sie kennenzulernen. Dann habe ich ihnen, je nach Bedarf, Kleider und Wäsche oder Lebensmittel gebracht. Auch einige Spiele habe ich verteilt, damit sie sich im Krankenhaus etwas die Zeit vertreiben konnten. Doch viel Zeit blieb mir für solche Besuche nicht. Meine Hauptbeschäftigung lag woanders: Zusammen mit meinen haitianischen Mitarbeitern habe ich für die Sommerferien Kinderwochenprogramme ausgearbeitet und genügend Material vorbereitet, so dass jede der 488 Kirchengemeinden des Verbandes eine Kinderwoche durchführen kann. Unsere 20 Kirchengemeinden im Erdbebengebieten erhielten in diesem Jahr viel zusätzliches Material, weil sie seit dem Erdbeben großen Zulauf haben. Diese Kinderwochen sind für viele Kinder dder Höhepunkt des Jahres. Die Geschichten aus der Bibel, die Missionsgeschichten, gemeinsame Lieder, Bastelarbeiten und viele Spiele sind etwas Besonderes für sie in ihrem grauen Alltag.

Sie haben eine langjährige Verbindung zum Chiemgau und speziell nach Traunstein. Was ist der Zweck ihrer Reise in die Region?

Baerg: Seit über 4 Jahren hatte ich meinen Bruder, Artur Baerg, und seine Familie nicht mehr gesehen. Da ist es normal, dass ich auch nach Traunstein komme, wenn ich einige Monate in Deutschland verbringe. Aber mich verbindet mehr mit dem Chiemgau als nur die Tatsache, dass mein Bruder mit Familie hier wohnt. Ich kannte den Gründer der Evangelischen Freikirche in Traunreut persönlich und kam deshalb auch zur Einweihung des Kirchengebäudes. Das war vor ca. 40 Jahren. Seit ich Missionarin in Haiti bin, besteht eine Verbindung zum Missionskreis der Evangelischen Freikirche in Traunreut. Durch diesen Besuch und Bericht in der Kirchengemeinde will ich diese Verbindung wieder neu aufzufrischen. Ich freue mich über die Gelegenheit, den Leuten hier im Chiemgau einiges über Haiti und seine Bewohner zu erzählen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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