Schüler müssen sich zu früh festlegen

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So ganz einig war man sich nach Abschluss des Dialogforums über den Start der Mittelschulen nicht. (Von Links) Der Referent im Bereich Schulaufsicht in der Regierung von Oberbayern, Hans Bergmüller, Schulamtsdirektor Gerhard Poremba, Landrat Hermann Steinmaßl, Regierungsvizepräsident Ulrich Böger, Ministerialdirigent Dr. Peter Müller sowie Schulrat Otto Mayer vom Schulamt Traunstein.

Traunstein - Landrat Hermann Steinmaßl kritisierte, dass sich die Schüler zu früh für einen Bildungsweg entscheiden müssen: "Ob jemand studiert, entscheidet sich nicht im Alter von 10 Jahren, sondern frühestens im Alter von 20 Jahren.“

Die veränderten Schulstrukturen in der Region nehmen Konturen an. Darüber konnten sich am Mittwoch Nachmittag rund 80 Bürgermeister, Behörden- und Schulvertreter sowie Elternvertreter beim 18. Dialogforum im großen Saal des Landratsamts Traunstein überzeugen und sich gleichzeitig über den Planungsstand der Mittelschulen und Schulverbünde informieren und Detailfragen mit den Behördenvertretern austauschen. Dass es hier nach wie vor Umfangreichen Gesprächsbedarf gibt, zeigte die knapp einstündige Diskussion.

Landrat Hermann Steinmaßl wies in seiner Eingangsrede darauf hin, dass das Schulsystem inzwischen viele Möglichkeiten biete, das individuelle Bildungsziel zu erreichen und kritisierte die oft frühe Festlegung dieser Ziele, die sich auch in der Wahl des Schultyps äußern würden: „Ob jemand studiert, entscheidet sich aber nicht im Alter von 10 Jahren, sondern frühestens im Alter von 20 Jahren.“ Nötige Aufgabenstellungen könnten langfristig aber nur in größeren Verbunden bewältigt werden. „Das sind Kooperationen zur Sicherung der Schulstandorte“ so der Landrat und nannte hier exemplarisch den Verbund „Mittelschule Mittleres Alztal“.

Deutlicher Rückgang der Schülerzahlen

Der Landkreis kämpfe mit rückläufigen Schülerzahlen. Gleichzeitig würden die Übertrittsquoten auf Realschulen und Gymnasien stetig ansteigen (aktuell gehen an acht Schulen in der Sachaufwandsträgerschaft des Landkreises zirka 6 600 Schüler gegenüber 4.600 im Schuljahr 2001/02). Die künftige Mittelschule solle eine Mischung aus handwerklicher und berufsorientierter Ausbildung bieten. „Ich stehe zum viergliedrigen Schulsystem“ machte der Landrat klar. Ministerialdirigent Dr. Peter Müller aus dem Kultusministerium gab einen Überblick über die Schülerzahlen in Bayern: Gymnasien, Realschulen und Hauptschulen würden derzeit jeweils von rund 230 000 Schülern besucht. Die Schülerprognose für die kommenden zehn Jahre sehe bei den Gymnasien einen Rückgang auf über 200 000, bei Realschulen auf unter 200 000 und bei den Hauptschulen auf 170 000 vor.

Der Hauptschule komme gerade auch für die Sicherung des Facharbeiterbestandes eine immer größere Bedeutung zu: „Die Hauptschule ist der perfekte Zubringer für das Duale System.“ Er machte klar, dass die meisten Bundesländer umfangreiche Schulschließungen vornehmen würden. Das Bundesland Sachsen habe eine Reduzierung von 624 auf 290 Schulen beschlossen, Baden Württemberg habe ein „verkapptes Schließungsprogramm“ indem es nur die größeren Schulen fördere. Bayern würde einen anderen Weg gehen: „Wir setzen auf nachbarschaftliches Prinzip: Man kennt sich, man hilft sich.“ Ulrich Böger, Vizepräsident der Regierung von Oberbayern erläuterte, dass man keine Entscheidungen im „Hau-Ruck-Verfahren“ wolle. „Es geht nicht um eine schnelle Lösung sondern um eine tragfähige Lösung.“

16 Mittelschulen und 29 Schulverbünde habe die Regierung bisher genehmigt. Der Referent im Bereich Schulaufsicht in der Regierung von Oberbayern, Hans Bergmüller stellte die Übertrittsquoten aus der 4. Jahrgangsstufe vor, die in diesem Jahr einen weiteren Anstieg bringen würden. In Oberbayern würden diese bei den Realschulen in Oberbayern bei 22,83 Prozent liegen, im Landkreis Traunstein bei 27,60 Prozent. „Der überproportionale Schülerrückgang in den Hauptschulen erfordern eine längerfristige Neuorganisation“ so Bergmüller, der betonte „es geht aber nicht um Geschwindigtkeit, es geht um Qualität.“ Schulamtsdirektor Gerhard Poremba ging ebenfalls auf die sinkenden Schülerzahlen ein: Von 2009 bis 2015 erwarte man 1 500 Schüler weniger. Im Bereich der Hauptschulen sei von 3 800 (2009) über 3 100 (2015) auf 2 600 (2020) Schülern im Landkreis auszugehen.

Hoher Gesprächsbedarf

Dass die einzelnen Städte und Gemeinden in ihren Planungen und Entscheidungen schon sehr weit sind, zeigte sich in der anschließenden Diskussion, die aber auch deutlich machte, dass die Dringlichkeit der Zusammenschlüsse längst nicht von allen Gemeinde- und Schulvertretern so gesehen werde. Daneben sorgten auch unterschiedliche Zeitvorgaben über den Start der Mittelschulen für Unmut bei einigen Bürgermeistern. Ludwig Bürger, Rektor der Volksschule Obing konnte sich nicht mit den vorgelegten Plänen anfreunden: „Statt der Schule ein neues Schild zu geben, sollte man uns lieber mehr Lehrer zukommen lassen.“ Ministerialdirigent Müller verteidigte die Haltung der Bayerischen Staatsregierung; man tue in diesem Bereich einiges, und das gerade in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten.

Karl Schleid, 1. Bürgermeister in Trostberg zeigte sich überrascht, dass man von Seiten der Stadt den Zeitplan zur Antragstellung eingehalten habe und „jetzt kommt heraus, dass das Ganze erst ein Jahr später stattfindet. Die Eile die wir an den Tag gelegt haben hätte es nicht gebraucht“ so Schleid verständnislos. Wagings 1. Bürgermeister Herbert Häusl äußerte wie sein Trostberger Kollege sein Erstaunen, dass der Schulverbund erst im Schuljahr 2011/ 2012 beginnen würde. Man habe den Mittelschulstatus, orientiere sich aber bereits jetzt aufgrund erwarteter sinkenden Schülerzahlen in Richtung eines Verbundes mit dem Salzachtal. Siegsdorfs 1. Bürgermeister Thomas Kamm äußerte die Befürchtung ob bei derzeit 359 Schülern, die gemäß der Prognose auf 309 Schüler im Jahr 2015 zurückgehen würden, der Antrag auf die Bildung einer Mittelschule überhaupt genehmigungsfähig sei, was ihm von Seiten der Behördenvertreter mit einem klaren „Ja“ bestätigt wurde.

Ruhpolding befürchtet „Fahrtourismus“

Ruhpoldings 1. Bürgermeister Claus Pichler, der selbst über 15 Jahre am Annette-Kolb-Gymnasium unterrichtete, äußerte die Befürchtung: „Wie viel werden unsere Schüler künftig herumgekarrt?“ Bei der Budgetierung laufe es zwangsläufig auf eine Zusammenlegung von Klassen hinaus: „Und wir Gemeinden haben dann nur noch einen Fahrtourismus.“ Sabine Wiesenzarter Elternbeiratsvorsitzende der Hauptschule Trostberg, drängte darauf, das Image der Mittelschule zu verbessern. Müller ermutigte die Anwesenden, hier mehr Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung zu leisten: „Das ist eine Aufgabe für uns alle.“ Gerade die Bildungsmöglichkeiten im Handwerk, die auch für künftige Mittelschüler bestünden sollten mehr herausgestellt werden.

Ulrike Hoerness, Konrektorin der Kohlbrennerschule in Traunstein wies darauf hin, dass es für Eltern wichtig sei, dass keine Unsicherheiten über die zukünftige Entwicklung der Schule bestünden: „Eltern akzeptieren die Qualität der Schule, wenn die Kinder dort einige Jahr sind.“ Landrat Hermann Steinmaßl brach zum Schluss nochmals eine Lanze für den neuen Schultyp: „Das Angebot lautet: Vielfältig, Ausrichtung auf die Praxis und für jeden Abschluss einen Anschluss.“ Kritisch äußerte er sich bezüglich der Unklarheiten bei Gemeinden deren „Schulstart“ um ein Jahr verschoben wurde: „Es kann nicht sein, dass die Genehmigungsbehörde mit den Entscheidungen der Gemeinden nicht Schritt hält.“ Dem folgte ein Appell an die Gemeinden Siegsdorf und Bergen sowie Inzell und Ruhpolding nochmals über einen Zusammenschluss nachzudenken.

Handwerk sieht Entwicklung positiv

Dass die Thematik auch für die gewerbliche Wirtschaft interessant ist, bewies auch die Anwesenheit von Ernst Mayer, Obermeister der Bau-Innung Traunstein-Berchtesgadener Land, der die Gemeinden und Behörden hier auf dem richtigen Weg sieht: „Das Handwerk ist natürlich an der Thematik interessiert. Für uns ist es wichtig zu wissen, wie wir künftig unseren Bedarf an Auszubildenden sicherstellen können. Die Mittelschule wird unserer Überzeugung nach die Ausbildungsfähigkeit der Schulabgänger verbessern. Wir halten den eingeschlagenen Weg für richtig.“

Lesen Sie auch die Statistik zur Schulentwicklung

Wittenzellner

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