Kommt Windkraft aus Obing?

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Um die Dimensionen zu verdeutlichen, hat die Bürgerinitiative diese Fotomontage erstellt. So würde sich der Blick über Albertaich Richtung Süden verändern.

Obing - Ein klares Ja zum Ausstieg aus der Atomkraft und Windkrafträder neben der Haustür sind zwei Paar Schuhe. Diese Erfahrung machen derzeit auch die Bürger, die rund um den Scheitzenberg wohnen.

Hier könnten nämlich nach dem derzeitigen Stand der Dinge im Laufe der nächsten Jahre bis zu drei Windräder entstehen.

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Wenig Information und die Angst vor dem landschaftsprägenden Bauvorhaben rief die Bürgerinitiative "Zukunft Scheitzenberg" auf die Barrikaden. Ihre Mitglieder befürchten eine erhebliche Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität. Der Landkreis Traunstein hat sich mit der Selbstverpflichtung, bis zum Jahr 2020 den Strombedarf zu 100 Prozent aus regenerativen Energien zu gewinnen, ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Wasser, Wind, Sonne und Biomasse sollen dann die benötigte Energie liefern.

Dazu würde der geplante Bau von zwei Windkrafträdern auf dem Scheitzenberg bei Diepoldsberg gut passen. Doch die Bürgerinitiative "Zukunft Scheitzenberg" fühlt sich von dem Plan total überfahren und fordert breite Aufklärung und Transparenz.

Laut Sepp Kirschner von der BI ist man erst vor wenigen Wochen über dieses einschneidende Vorhaben in Kenntnis gesetzt und quasi vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Dabei sei zu keiner Zeit versucht worden, die Bürger mit einzubinden. Das habe bei den betroffenen Anwohnern Ratlosigkeit und Ärger hervorgerufen. Ihren derzeitigen Wissensstand hätte sich die Bürgerinitiative mühsam aus verschiedensten Quellen zusammengetragen.

Für Sepp Berndl und seine Mitstreiter stellt sich die Frage, ob solche "Monsterräder" nicht in weitaus größerer Entfernung von Siedlungen errichtet werden müssten. Die Gegenargumente sind bekannt: Beeinträchtigung des gewohnten Landschaftsbildes, Schattenwurf, Geräusche, Blinken, Infraschall und Eiswurf. Das alles bedeute eine "dramatische Einschränkung der Lebensqualität und Gesundheit sowie einem Verfall der Grundstückswerte", Einbußen bei bereits errichteten Fotovoltaik-Anlagen und ein Aus für das seit Jahren mit großem finanziellen Einsatz aufgebaute zweite Standbein "Urlaub auf dem Bauernhof".

Um ihren Anliegen weiteres Gehör zu verschaffen, wandten sich die BI auch an den Landtagsabgeordneten Klaus Steiner, der sich bei einem Ortstermin am Montag einen Eindruck vom geplanten Standort verschaffte. Er bedauerte, dass hier scheinbar der Entscheidungsprozess an den Bürgern vorbei geführt werde, denn gerade die Akzeptanz sei bei einem solchen Vorhaben enorm wichtig. Um die Energiewende zu schaffen, müsse man alle Möglichkeiten nutzen, sagte Steiner und bezog klar Stellung: "Das ist kein Wunschkonzert und bringt Veränderungen in der Landschaft".

Klar für die Windkraft hat sich auch Bürgermeister Hans Thurner ausgesprochen. Nach dem beschlossenen Atomausstieg müsse jede Gemeinde Positiv-Flächen ausweisen, und am Scheitzenberg sei nun mal laut dem neuen Windatlas das beste Gebiet in Bezug auf Wind und Abstandsflächen.

Das hatte sich in der GR-Sitzung vom 27. März noch anders dargestellt. Damals war bei der Ausarbeitung der Vorlage zu möglichen Standorten für Windkraftanlagen das Hauptkriterium die Entfernung zu Siedlungen. In einem Umkreis von 500 Metern um Weiler mit weniger als zehn Häusern und von 800 Metern um größere Wohngebiete sollten Windräder nicht ohne weiteres genehmigt werden können. Bei drei Gebieten ergaben sich für Verwaltung und Gemeinderat allerdings schwerwiegende Gegenargumente auf Grund naturräumlicher Besonderheiten und der Landschaftsgestalt. Damals war das Gremium der Ansicht, dass am Scheitzenberg biotopkartierte Toteislöcher gefährdet werden könnten und eine "Verspargelung" der Landschaft drohe.

Mittlerweile stelle sich der Sachverhalt jedoch anders dar, so Thurner. In der kommenden Gemeinderatssitzung werde man erstmals über den Antrag auf Baugenehmigung von zwei WKAs beraten und wohl auch positiv entscheiden. Zudem habe es zwischenzeitlich eine weitere Anfrage gegeben.

Um nun die Öffentlichkeit umfassend zu informieren, ist voraussichtlich am 4. Mai eine Veranstaltung mit Gemeinderat, Sachverständigen und Betreiber geplant. Dann könnten sicher auch viele Bedenken der Gegner entkräftet werden, sagt Antragsteller Volker Seyfert und bittet um Verständnis, dass es bisher nicht mehr Informationen gegeben habe. "Über ungelegte Eier kann man nicht gackern". Erst seit März sei klar, dass das Vorhaben überhaupt realisierbar sei. Ein Windgutachten vom TÜV Süd bescheinige auf einer Höhe von 140 Metern Windgeschwindigkeiten von über 5,5 Meter pro Sekunde. Dementsprechend seien die passende Anlage ausgesucht und alle weiteren Rahmenbedingungen abgesteckt sowie die Pachtverträge mit den Grundstückseigentümern abgeschlossen worden.

Damit starte nun die Genehmigungsphase für die geplante Schwachwindanlage. Die Windräder mit einer Nabenhöhe von 120 Meter und einem Rotordurchmesser von 117 Meter sowie einer jeweiligen Nennleistung von 2,4 Megawatt sollen südlich und nördlich der Wasserreserve in einem Abstand von 600 Metern zur Bebauung Diepoldsberg und jeweils 500 Meter von Ilzham 20 errichtet werden. Sie sollen elf Millionen Kilowatt Strom im Jahr erzeugen.

Der eigentliche Marathon habe damit aber erst begonnen, betonte Seyfert, denn insgesamt müsse ein 60-seitiger Auflagenkatalog der Behörden abgearbeitet werden, um alle Vorgaben zu erfüllen. Zudem habe er auf eigene Kosten ein Windgutachten erstellen lassen sowie die Kaution für einen möglichen Rückbau der Anlagen beim Landratsamt hinterlegt. Und auch die Landschaftsveränderung koste Geld, nämlich 360 Euro pro Höhenmeter.

Finanziert wird das Vorhaben vorerst in Zusammenarbeit mit einer Bank. Später können sich interessierte Bürger dann in Form eines Genossenschaftsmodells beteiligen.

Für die Bürgerinitiative "Zukunft Scheitzenberg" ist der Widerstand keine Frage des Geldes. Sie wollen weiterhin für den Erhalt ihres Kleinods mit denkmalgeschützten Kirchen in malerischer Landschaft kämpfen.

Christl Auer/Wasserburger Zeitung

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