Viel gesehen - ohne Augenlicht

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Als blinder Missionar für mehr Menschlichkeit pilgerte Stefan Nathan Lange aus Pittenhart-Oberbrunn - unterstützt nur von Blindenstock und Navigationsgerät - 900 Kilometer bis nach Brüssel.

Pittenhart - "Obwohl ich blind bin, verschließe ich nicht die Augen vor dem, was nicht in Ordnung ist", betont Stefan Nathan Lange - und pilgerte von Pittenhart nach Brüssel!

Um für eine neue Weltordnung zu werben, ist der 51-Jährige allein und zu Fuß, unterstützt nur von einem Navigationsgerät und dem weißen Taststock, vom Chiemgau bis nach Brüssel gepilgert - eine Leistung, die auch EU-Kommissar Laslow Andor überzeugte, der den blinden Wanderer persönlich empfing.

Im Alter von zehn Jahren traten bei Stefan Nathan Lange die ersten Symptome einer fortschreitenden Erbkrankheit auf, die ihm schleichend das Augenlicht raubte. Heute kann der 51-jährige gelernte Informatiker nur noch schwach zwischen hell und dunkel unterscheiden. In seinem Seminarhaus in Pittenhart-Oberbrunn, wo er als schamanischer Therapeut arbeitet, orientiert er sich ohne Blindenstock, doch außerhalb der eigenen vier Wände benötigt der Zwei-Meter-Mann Hilfsmittel oder Begleitung.

Im wahrsten Sinne "auf den ersten Blick verrückt" erschien es deshalb auch vielen Passanten, denen Lange auf seiner siebenwöchigen Pilgerreise begegnet ist, dass sich ein derartig gehandicapter Mensch auf einen 900-Kilometer-Marsch bis nach Belgien macht. Doch Lange hat nie daran gezweifelt, dass er - auch ohne Sehvermögen - die Gewalttour schaffen kann. "In mir war diese innere Klarheit: Ich gehe diesen Weg und ich komme an", erinnert er sich - seit ein paar Tagen wieder glücklich daheim bei der Familie in Oberbrunn.

640 der 900 Kilometer ist er zu Fuß gelaufen - auch entlang stark befahrener Straßen ohne Gehweg, mitten durch pulsierende Städte, oft allein, jedoch auch immer wieder begleitet von Menschen, die sich ihm für ein paar Stunden anschlossen, um zu helfen oder zu erfahren, warum Lange die Pilgerreise auf sich genommen hat. Dass es zu keinem größeren Unfall gekommen ist, grenzt für Außenstehende an ein Wunder - für den blinden Wanderer jedoch nicht, denn er glaubt nicht an Zufälle, ist überzeugt, dass ihn unterwegs immer wieder Engel begleitet haben. Etwa in Gestalt einer jungen Frau, die Lange in Frankfurt half, die verlorene Spitze seines weißen Blindenstockes zu ersetzen. Ein junges Paar aus den Niederlanden bot ihm nicht nur ein Quartier auf dem heimischen Sofa, sondern begleitete ihn auch drei Tage lang durch Holland bis nach Belgien. Viermal lud den blinden Wanderer aus dem Chiemgau ein Polizeiauto zum Mitfahren ein. Immer wieder gab es unterwegs Einladungen zum Essen und zum Übernachten, sodass Lange nur dreimal auf ein Hotelzimmer zurückgreifen musste.

"Nicht ein einziges böses Wort" hat er unterwegs als Reaktion auf seine Pilgerreise gehört, nur zweimal kleine Blessuren - eine aufgeplatzte Lippe durch einen Zusammenstoß mit einer Baustellen-Bake und einen gequetschten Zeh durch einen "übersehenen" Bus - davongetragen. Das Wetter spielte ebenfalls mit, sodass Lange seinen Zeitplan, der ein Ankommen zur letzten EU-Parlamentswoche vor den Sommerferien vorsah, einhalten konnte.

In Brüssel ereilte ihn jedoch erst einmal die Ernüchterung: Das Parlamentsviertel erwies sich als Festung, die kaum ein Durchkommen für eine Privatperson vorsah. Doch Lange gab erneut nicht auf - "innerlich überzeugt davon, dass ich auch das schaffen würde!" Nach 48 Stunden Wartezeit kam in der Tat der erlösende Anruf: EU-Kommissar Laslow Andor, zuständig für die Bereiche Arbeit, soziale Angelegenheiten und Integration, sowie seine Assistentin Gabriella Kovacs baten Lange zu einem Gespräch über das Anliegen des blinden Pilgers. Seine Mission: ein Bewusstseinswandel weg vom Konkurrenzdenken hin zu mehr Kooperation und gegenseitiger Unterstützung und für eine neue Weltordnung, "die sich aus dem Klammergriff des Macht- und Geldsystems löst".

Mit dem EU-Kommissar redete Lange auch über Möglichkeiten zur Armutsbekämpfung und über die Eurokrise - Gespräche, die er auch während seiner Pilgerreise mit Fremden, die ihm unterwegs begegneten, geführt hat. Dabei legte der Pittenharter nach eigenen Angaben stets Wert darauf, "nicht immer nur die Missstände aufzuzählen, sondern aufzuzeigen, wie ich mir eine menschlichere Welt vorstelle". "Mit meinem eigenen Beispiel als Blinder, der es schafft, zu Fuß 900 Kilometer bis nach Brüssel zurückzulegen, will ich beweisen, dass wir nicht so ohnmächtig sind, wie wir allgemein glauben, sondern viel erreichen können, wenn wir auf unsere innere Kraft vertrauen."

Heike Duczek (Oberbayerisches Volksblatt)

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