Ärztlicher Leiter Krankenhauskoordinierung zur aktuellen Corona-Lage

Mehr als doppelt so viele Corona-Erkrankte in den Kliniken: „Zweite Welle trifft uns heftiger“

Hubert Pilgram Ärztlicher Leiter Krankenhauskoordinierung
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Hubert Pilgram ist Ärztlicher Leiter der Krankenhauskoordinierung für die Landkreise Traunstein, Mühldorf am Inn, Altötting und Berchtesgadener Land.

Trostberg/Landkreise - Die Corona-Fallzahlen steigen zwar langsamer, pendeln sich dafür aber auf hohem Niveau ein. Wir haben uns beim Ärztlicher Leiter der Krankenhauskoordinierung, Hubert Pilgram, erkundigt, wie die derzeitige Lage in den Kliniken und auf den Intensivstationen aussieht.

Herr Pilgram, wie stellt sich die aktuelle Lage in den Krankenhäusern der Region dar?

„Die Kliniken stellen sich immer mehr auf die vielen Covid-Patienten ein. Die zweite Welle trifft uns in Art und Umfang heftiger als die erste im Frühjahr. Auch wenn wir viel dazu gelernt haben, so fordert diese Erkrankung alleine schon wegen der unglaublichen Dynamik unser System sehr, sehr stark. Keiner im Gesundheitssystem hat eine Phase wie die aktuelle erlebt. Wer die Corona-Erkrankung als etwas wenig Einschneidendes, als leichte grippale Erkrankung abtut, der täuscht sich gewaltig. Für Verschwörungsanhänger und Menschen, die nicht an die Gefährlichkeit der Erkrankung glauben, weiß ich auch keinen Rat mehr.“

Die Fallzahlen ebben nicht ab, es gibt täglich neue Corona-Infektionen. Werden damit auch die Covid-Erkrankten in den Kliniken mehr?

„Definitiv. Wie zu erwarten bei den sehr hohen Fallzahlen steigen auch die Patientenzahlen in den Kliniken stark an. Wir haben mehr als doppelt so viele Erkrankte aktuell als bei der ersten Welle und uns bereits auf mehr kranke Menschen als im Frühjahr eingestellt. Allerdings hoffen wir, dass die getroffenen Maßnahmen der Regierung greifen und die Fallzahlen in den nächsten Wochen zurückgehen. Unserer Hoffnung liegt auch in den Impfungen, die bald beginnen sollen. Uns stehen noch eischneidende Wochen bevor.“

Wie sieht es auf den Intensiv-Stationen aus? Sind noch genug Plätze für Intensivpatienten vorhanden?

„Die Anzahl der freien Intensivbetten ist allgemein zugänglich. Täglich erfolgt die Meldung über die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und dem Interdisziplinären Versorgungsnachweis (IVENA). Intensivbetten sind aktuell noch vorhanden, die Auslastung ist aber hoch. Grundsätzlich sind diese immer stark belegt - auch in der Zeit ohne Corona. Nur dadurch, dass alle Operationen und Eingriffe, die keine Notfälle sind, abgesagt werden, haben wir überhaupt noch Plätze auf den Intensivstationen, um alle Patienten aktuell zu versorgen. Auch ausreichend Pflegekräfte und Ärzte stehen uns für die Intensivbetten aktuell noch zur Verfügung - Gott sei Dank. Die Belastung für das Personal ist aber immens: Stundenlang unter Vollschutz zu arbeiten, immer auch in Gefahr die eigene Gesundheit zu riskieren - und das trotz ausgezeichneten Vorsichtsmaßnahmen und des unermüdlichen Einsatzes von Hygiene und Betriebsmedizin. Diese Umstände fordern alle Mitarbeiter - körperlich wie seelisch.“

Wie viele Intensivbetten stehen generell zur Verfügung?

„Die Anzahl der Intensivbetten ist seit Jahren streng geregelt. Die Anzahl der zur Verfügung stehenden Intensivplätzen beträgt aktuell 91 Betten. Die Intensivkapazität ist in unserem Rettungsdienstbezirk (RDB Traunstein) aufgrund der Corona-Pandemie etwas erweitert worden. Eine Notreserve ist in allen Kliniken vorhanden. Der limitierende Faktor aber sind die Pflegekräfte.“

Wie viele der Covid-Patienten, die stationär behandelt werden, haben auch covid-typische Symptome?

„Ein großer Teil der stationären Patienten hat auch covid-typische Symptome wie Fieber, Husten oder der Verlust des Geruchssinns. Es kommen aber auch Patienten mit dem Bild einer Enzephalitis (Entzündung im Gehirn), Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung) oder Lungenembolien (aufgrund einer Entzündung der Innenwand von Gefäßen).

Gibt es auch corona-positive Patienten, die keine Corona-Symptome haben und beispielsweise wegen eines gebrochenen Beines behandelt werden?

„Natürlich, gerade ältere Patienten, die sich zum Beispiel bei einem Sturz die Hüfte brechen. Der Sturz erfolgte aufgrund von Schwäche durch eine Covid-Erkrankung.“

Spannen wir abschließend den Bogen zur „echten“ Grippe im Pandemie-Jahr: Wie viele Influenza-Patienten werden derzeit stationär behandelt?

„Die Influenza ist aktuell stationär kein wirkliches Thema. Meines Wissens ist bei einer Vielzahl von Testungen auf Corona eine gleichzeitige Testung von Influenza und auch RSV-Viren inkludiert (aufgrund der Testmethode). Symptomatische Patienten haben aktuell eher Corona und nicht die Influenza. Die Influenza-Welle wird aber sicher kommen - meistens ab Dezember mit einem Höhepunkt im Februar.“

Wir tragen Mund-Nasen-Schutz, halten Abstand zu anderen Menschen und waschen oder desinfizieren regelmäßig. Stecken sich aufgrund Abstand- und Hygieneregeln möglicherweise diesen Winter auch weniger Menschen mit Influenza an? Und wieso steigen die Corona-Fallzahlen dann weiterhin - obwohl die Regierung die Maßnahmen im Lockdown Light inzwischen schon verschärft hat?

„Inwieweit uns Masken und Hygieneregeln helfen wird sich zeigen. Ich würde es aber als eher wahrscheinlich ansehen, dass auch die Grippewelle durch die AHA-Regeln positiv beeinflusst wird. Bei den Masernerkrankungen war es dies Jahr bereits ähnlich. Ansonsten sollten beide Erkrankungen nicht immer wieder verglichen werden. Es sind zwei virale Erkrankungen. Schlaganfall und Herzinfarkt sind auch zwei Gefäßerkrankungen und dennoch verschieden. Die Anzahl von Toten und Sterberaten ständig zu vergleichen ist nicht wirklich zielführend. Für die Influenza gibt es zudem eine Impfung, die möglichst viele Menschen auch durchführen lassen sollten. Es wäre eher unklug, ausgerechnet heuer darauf zu verzichten. Die Impfung ist sicher unsere beste Waffe gegen die Influenza. Und hoffentlich haben wir bald eine Impfung zugelassen gegen Corona. Das wäre ein echter Durchbruch in unserem gemeinsamen Kampf gegen die Pandemie.“

Herr Pilgram, vielen herzlichen Dank für das Gespräch und bleiben‘S gsund.

mb

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