Veterinäramt legt Karten auf den Tisch

Das lief alles falsch bei "Chiemgauer Naturfleisch"

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Jürgen Schmid, Leiter des Veterinäramtes in Traunstein, klärte am Donnerstag auf.
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Traunstein/Trostberg - Das Veterinäramt bezog nun Stellung zu den Vorwürfen gegen "Chiemgauer Naturfleisch" in Trostberg: Laut BR seien Schweine dort vor dem Schlachten nicht ordentlich betäubt worden. 

Update 15.35 Uhr:

Jürgen Schmid, Leiter des Veterinäramtes, legte am Donnerstagnachmittag bis ins Detail offen, was alles falsch lief beim Trostberger Schlachthaus.

Den gravierendsten Fall stellte man bei Schweineschlachtungen am 27. Februar 2015 fest: 18 von 80 Schweine mussten bei einer Schlachtung nachbetäubt werden. Eine zu hohe Quote. "Korrekte Betäubungsquoten liegen bei 93 oder 94 Prozent", so Schmid. Im Idealfall werden Schweine mit einer Elektrozange betäubt, die Elektrizität druchströmt das Gehirn dann auf Anhieb bis zum Bewusstseinsverlust. Das Schwein nimmt dann keine Schmerzen mehr wahr und kann abgestochen werden. In Trostberg gelang dies in zu vielen Fällen erst im zweiten Anlauf.

Festgestellt wurden die Unregelmäßigkeiten von einer Kontroll-Spezialeinheit und dem amtlichen Tierarzt. Für drei Wochen wurde "Chiemgauer Naturfleisch" das Schlachten dann verboten. Derweil hatte das Schlachthaus Zeit, die Betäubungszangen zu überprüfen. Auch das Veterinäramt prüfte nach, alles war vorerst wieder in Ordnung. 

Bei einer weiteren Untersuchung 2016 gab es erneut auffällig viele Nachbetäubungen. "Wir werden deshalb nochmal an allen Schrauben drehen bei diesem Betrieb", so Jürgen Schmid. Auch das Aufsichtspersonal des Veterinäramtes in Trostberg wurde bereits aufgestockt. Aber Schmid betont auch: "Die Anforderungen an einen Schlachtbetrieb in Deutschland sind im Laufe der vergangenen 20 Jahre schon sehr erhöht worden."

Weitere kleinere Vorwürfe

Das war aber nicht das einzige, was bei den Überprüfungen heuer auffiel: Zum einen gab es keine Tränke für Tiere, die sich länger als 30 Minuten im Wartebereich befinden müssen. Zum anderen wurde ein betäubtes Schwein mit dem Messer zur Markierung angeritzt, bevor es abgestochen wurde. Es läuft deshalb ein Ordnungswidrigkeitsverfahren, das in etwa zwei Wochen abgeschlossen sein könnte. Dem Schlachthaus droht dabei ein Bußgeld. 

Keine der Kontrollen wurden dem Schlachthaus angekündigt. Etwa fünf solcher Kontrollen gibt es im Jahr in den Schlachthäusern durch Veterinäramt und dem Bezirk Oberbayern. Beim zweiten größeren Betrieb im Landkreis, dem Schlachthof in Traunstein, war bei den Kontrollen alles in Ordnung. Dort werden, im Gegensatz zu Trostberg, Rinder geschlachtet. 

"Eines muss man aber betonen: In Trostberg wurde kein Schwein geschlachtet, das letztlich nicht ausreichend betäubt war", so Veterinäramtsleiter Jürgen Schmid.

Update 10.55 Uhr:

Was wird der "Chiemgauer Naturfleisch" genau vorgeworfen? Der BR deckte auf, dass Elektrobetäubungsanlagen für Schweine 2014 und 2015 nicht zuverlässig funktioniert haben sollen. Daraufhin habe der Schlachtbetrieb reagiert und die Anlagen überprüft und teilweise erneuert. 2016 seien allerdings wieder Funktionsstörungen aufgetreten.

Weiter berichtet der BR, dass deshalb heuer ein Ordnungswidrigkeitsverfahren vom Landratsamt eingeleitet wurde. Das stimmt allerdings nicht ganz: "Es ist richtig, dass ein Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen die Firma im August eingeleitet wurde. Das hat aber nichts mit den aktuellen Vorwürfen zu tun", so das Landratsamt Traunstein.

Wie ein Sprecher des Landratsamtes durchblicken ließ geht es bei dem aktuellen Ordnungswidrigkeitsverfahren um Verstöße gegen die Aufstallungsvorschriften im Wartebereich der Schweine. Mit einem Ergebnis ist in etwa zwei Wochen zu rechnen.

Das Veterinäramt als zuständige Aufsichtsbehörde wird am frühen Donnerstagnachmittag in einer Pressekonferenz zu den Vorwürfen gegen "Chiemgauer Naturfleisch" Stellung nehmen. Wir werden aktuell berichten.

Wiederum andere Vorwürfe gegen "Chiemgauer Naturfleisch" gab es auch schon 2010, wurden aber entkräftet. Wegen "vorsätzlichen Inverkehrbringens von Lebensmitteln unter einer irreführenden Bezeichnung" war der Geschäftsführer vor dem Amtsgericht Traunstein angeklagt. Es ging um geringe Anteile von Rinder- und Schweinefleisch in Hackfleisch, dass als Lamm-Hackfleisch verkauft wurde. Der Geschäftsführer wurde freigesprochen

Unser Artikel vom Donnerstagmorgen:

Der Geschäftsführer von "Chiemgauer Naturfleisch" Thomas Reiter (links) mit Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (Foto von 2011).

Nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ und des Bayerischen Rundfunks (BR) vom Donnerstag seien Schweine vor ihrer Schlachtung nicht erfolgreich betäubt worden. Dadurch hätten die Tiere in mehreren Betrieben den tödlichen Schnitt in die Halsschlagader bei Bewusstsein erlebt. Bereits im Frühjahr hatte eine anonymisierte Studie zum unzureichenden Tierschutz bei der Schweineschlachtung für Aufsehen gesorgt. In einigen der damals bemängelten Betriebe machten die Reporter nach eigenen Angaben nun erneut Verstöße aus. Auch "Chiemgauer Naturfleisch" aus Trostberg soll unter den betroffenen Betrieben sein.

Bayerns Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf (CSU) hatte nach Veröffentlichung der Studie betont, die Mängel seien„umgehend abgestellt“ worden. Nun habe das Ministerium entgegen früherer Aussagen „vereinzelt erneut gravierende Mängel“ eingeräumt, hieß es in den Berichten.

xe

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