Ausstellung in der Chiemgau-Galerie Augustin

Und statt Entweder-Oder - Kunst, die verbindet

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Galeristin Marianne Augustin und Karin Fleischer (rechts) bei der Vernissage.

Trostberg - Die Ausstellung von Karin Fleischer in der Chiemgau-Galerie Augustin in Trostberg trägt den Titel "… nicht ohne die Sinne!".

Die Pressemitteilung im Wortlaut

Leben - was ist das? Sein, Dasein, das bloße Da-Sein? Nein, das alles reicht nicht, um den Begriff "Leben" zu fassen. Ja, der Mensch ist. Erst einmal ohne sein Zutun. Keiner wird gefragt, ob er will. Klaps auf den Hintern, atme, lebe, funktioniere! Entwickle deine Sinne, damit du dich in deinem Leben zurechtfindest. Sehe, höre, rieche, fühle, binde die Eindrücke ein in deine eigene Welt, um die Welt draußen zu entdecken und zu verstehen. Damit du nicht nur da bist, sondern gestalten kannst. Leben ist zuallererst viel mehr Können als Wollen. Vor dem Wollen kommt das Können. Sehen können, hören können, fühlen können. Ohne die Sinne kein Sinn.


"… nicht ohne die Sinne!" heißt die Ausstellung, die in der Chiemgau-Galerie Augustin am Trostberger Vormarkt zu sehen ist. Karin Fleischer zeigt in ihren Werken aus rund 50 Jahren das Große im Kleinen, das Ganze im Teilchen. Zumindest hat sie's vorbereitet. Sehen, erfassen, deuten muss es der Betrachter schon selbst. Fleischer bleibt in ihren Arbeiten konkret. Sie bilden das schiere physische Dasein von Dingen ab, so wie die Natur, der Mensch, die Zeit sie gemacht haben. Kiesel- und Pflasterstein, Feder, Glas-, Beton-, Tischplatte, auf den ersten Blick zu erfassen. Aber: "… nicht ohne die Sinne!" Mit Ausrufezeichen. Der erste Blick ist zu wenig. Nur erfassen ist zu wenig. Schritte hin zu den Grafiken lohnen nicht nur, sie sind unabdingbar. Es ist wie im Leben: Wer Teilhabe will, wer verstehen will, muss aus der Distanz heraustreten, verschiedene Blickwinkel einnehmen, von weit weg bis ganz, ganz nah und mitten rein. Mit allen Sinnen.

Wer sich darauf einlässt, den nimmt Karin Fleischer, den nehmen die Radierungen und Stiche bei der Hand und führen ihn vom Physischen ins Metaphysische. Ganz ohne esoterisches Brimborium. Die winzigen Details der Arbeiten, die auf den ersten Blick in Summe Oberflächen von Dingen bilden, werden zu einer Choreografie, die Punkte, Pünktchen, Striche stehen in Beziehung zueinander, bedingen einander, sie tanzen. Oder sie bilden ein Geflecht, ein Netz, Zusammenhalt. Oder sie sind eben ein Stein, eine Feder, eine Platte. Je nach Befindlichkeit und momentanem Abstand des Betrachters. Gern auch heute so, morgen so. Beliebig ist das nicht. Das ist Ausdruck von Freiheit. Der Betrachter schenkt Zeit, die Werke geben die Freiheit zu denken zurück. Ein gutes Geschäft. Sinnvoll.


Leben ist Können. Hatten wir schon. Vom Können kommt Kunst. Und vom Kennen, wenn man die gemeinsame sprachliche Wurzel zugrunde legt. Fleischer kennt und Fleischer kann.Sie kennt die Materialien, die sie abbildet, sie ist ganz nah herangegangen an die Steine, Federn, Platten. Sie atomisiert gleichsam den visuellen Eindruck. Und sie hat das Können, ihre ganz persönlichen Sinneseindrücke für andere zu visualisieren, egal, was diese Anderen, je nach Distanz, darin gerade sehen oder sehen wollen. Kennen, Können, Kunst.

Die Freiheit der Künstlerin trifft auf die Freiheit des Betrachters. Diese Freiheiten koexistieren. Sie sind synchron. Keine Konkurrenz, kein Entweder – Oder. Das Und macht die Ausstellung aus. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Man sieht, was man sehen will, fühlt, was man fühlen will. Gleichzeitig und nacheinander, im Hier und im Jetzt. Das kann Karin Fleischer. Und das ist die Kunst, große Kunst. Wem das zu kulturverschwurbelt ist, dem kann man Karin Fleischers Könnerschaft ganz konkret vor Augen führen: Wer glaubt, er könne das auch, der soll versuchen, eine Glasplatte grafisch so darzustellen, dass man die Glasplatte in ihrer Wesenheit sofort und ohne Umschweife erkennt. Der soll die dritte Dimension der Platte auf dem zweidimensionalen Papier so weglassen, dass man sie nicht vermisst. An der Darstellung des Werkstoffs Glas kann man scheitern. Nur ist man dann halt womöglich kein Künstler.

Karin Fleischer scheitert nicht, schon gar nicht handwerklich. Mehr noch, sie kontrastiert ihre Glasplatte mit einer Betonplatte. Hier das kalte, milchige Glas, daneben der von der Sonne aufgeheizte Beton. Der Temperaturunterschied ist fühlbar.

Das Frappierende daran ist das Mittel der Wahl. Es handelt sich um Stiche, um Farbradierungen. Die haben einen weiten, weiten Weg hinter sich, von der spontanen Idee über die penible, durch und durch geplante Umsetzung der Idee auf der Druckplatte bis hin zum exakten und zugleich limitierten Farbauftrag und zum präzisen Druck. Druckplatten vergeben keine "Fehler", Schlampigkeit an der Presse verdirbt das Resultat. Es gibt also durchaus Kunstfertigkeiten, die einfacher zu handhaben sind. Aber nein, Karin Fleischer ätzt und ritzt und färbt exakt so, wie es das von ihr imaginierte Bild erfordert. Das ist nicht nur Könnerschaft, das ist Meisterschaft.

".. nicht ohne die Sinne!" Mehrzahl. Nicht nur das Sehen spricht die Künstlerin an. So wie sie die Kälte von Glas, die Wärme von bestrahltem Beton sicht- und fühlbar macht, so visualisiert sie auch Ertastbares, die Weichheit der Feder, die Rauheit des Kiesels. Wenn es so etwas wie ein inneres Auge gibt, dann sicher auch ein inneres Ohr. Wenn Karin Fleischer sich bei der Darstellung eines Schneidetisches, auf dem die Zeit und die Arbeit tiefe und weniger tiefe Schnitte hinterlassen haben, nur auf diese Spuren beschränkt, wenn sie nur die geschundene Oberfläche des Tisches, die sein Dasein definiert, abbildet, dann ist dieses Abbild losgelöst vom eigentlichen Gegenstand. Die Schnitte, die Verletzungen werden extrahiert, sie existieren für sich allein. Ist diese Verletzung von der Oberfläche, der Schnitt von der Haut getrennt, dann wird der Schmerz aufgelöst. Ohne Oberfläche, ohne Kontext keine Verletzung.Es bleibt das, was tiefer geht, es bleiben Linien, Striche, Punkte, die sich zu einer Musik, die nur das innere Ohr hört, formieren. Fleischers Werke sind der Tanz zu einer Musik, die jeder Betrachter selbst bestimmt. Und so wird Fleischers künstlerische Freiheit zur unmittelbaren künstlerischen Freiheit dessen, der sich auf die Kunst einlässt. Mit all seinen Sinnen, keinesfalls ohne.

Die Arbeiten sind noch bis Samstag, 18. April, jeweils dienstags bis samstags von 12 bis 19 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Pressemitteilung Alzhaus Media/Falkinger

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