Hubert Pilgram über den Klinik-Ablauf in der Region bei Corona-Ausbrüchen

„Täglicher Spagat zwischen allgemeiner und Notfall-Covid-Versorgung“

Hubert Pilgram Ärztlicher Leiter Krankenhauskoordinierung
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Hubert Pilgram ist Ärztlicher Leiter der Krankenhauskoordinierung für die Landkreise Traunstein, Mühldorf am Inn, Altötting und Berchtesgadener Land.

Trostberg/Landkreise - Immer wieder hält der Corona-Virus auch in Kliniken Einzug. Wie sieht der Ablauf aus, wenn Mitarbeiter und Patienten sich infizieren, Teile des Hauses geschlossen werden müssen, keine neuen Patienten aufgenommen werden können? Hubert Pilgram, Ärztlicher Leiter der Krankenhauskoordinierung, kennt die Antworten.

Sowohl in der RoMed-Klinik Bad Aibling, im Krankenhaus Traunstein als auch am Medical Center in Prien wurden zuletzt corona-positive Fälle gemeldet. Das InnKlinikum Altötting beispielsweise ändert sein Konzept, um den exponentiellen Anstieg stationärer und intensivpflichtiger Patienten bewältigen zu können. Sind die Kliniken in der Region der zweiten Pandemie-Welle gewachsen?

„Einen Katastrophenfall haben wir aktuell nicht“, kann Hubert Pilgram beruhigen. Pilgram ist leitender Oberarzt an den Kliniken Südostbayern am Standort Trostberg und seit 4. November Ärztlicher Leiter der Krankenhauskoordinierung (ÄLKHKO) für die Landkreise Traunstein, Mühldorf am Inn, Altötting und Berchtesagener Land. Oberstes Ziel ist die stationäre Versorgung der Bevölkerung einschließlich der Behandlung von Covid-19-Patienten zu sichern, Patientenströme und Belegung der Krankenhauskapazitäten zentral zu steuern. Wie sein Kollege Dr. Michael Städler, der für die Landkreise Rosenheim und Miesbach zuständig ist, wurde die in der ersten Pandemie-Welle deklarierte Stelle als Ärztlicher Leiter in der Führungsgruppe Katastrophenschutz (FüGK) jetzt umgewandelt.

Klinikgruppen richten sich strikt nach Pandemieplänen

„Die Klinken haben in vielen Bereichen vertretbar planbare Eingriffe und Behandlungen zurückgestellt, sich auf die Versorgung von Notfällen und dringlichen Behandlungen fokussiert, um den Anforderungen der Pandemie gerecht zu werden“, erklärt Pilgram gegenüber chiemgau24.de. „Aufgrund der hohen Anzahl an Covid-Neuerkrankten stellen sich die Kliniken auf ein vermehrtes Patientenaufkommen ein, die Belegung mit Corona-Patienten ist deutlich im Anstieg. Insbesondere Intensivkapazitäten werden weiter aus- und Isolierstationen aufgebaut. Hierzu ist es immer vonnöten Personal aus anderen Bereichen zu bündeln, wodurch manche planbaren Behandlungen der Kliniken reduziert werden müssen.“

Alle Klinikgruppen richten sich strikt nach Pandemieplänen und sind stabsmäßig organisiert“, erläutert Pilgram. „Es gibt Pandemieärzte in allen Klinken und Rehakliniken, die in den Häusern koordinieren und regelmäßig mit uns in Verbindung sind. Wir haben wiederkehrende Videokonferenzen um die Lage zu beurteilen und geben dies dann an die Pandemieärzte weiter. So schaffen wir Transparenz. Zudem erfolgt eine enge Abstimmung mit den ambulanten Koordinierungsärzten der Landkreise, den Landratsämtern, Gesundheitsämtern, Rettungskräften und der Leitstelle.

Wegen Corona: Ambulante Tätigkeiten in vielen Bereichen reduziert

„Die Kliniken arbeiten an nur einem Ziel: die Pandemie zu beherrschen. Die Erfahrungen der ersten Welle kommen uns allen hier zu Gute“, unterstreicht der Ärztliche Leiter der Krankenhauskoordinierung. Die Patienten werden schon vor dem Klinikaufenthalt auf eine Covid-Erkrankung untersucht, in der Regel erfolge Pilgram zufolge ein PCR-Abstrich, zum Beispiel für ambulante Operationen oder Endoskopien. Eine Behandlung finde dann nur nach einem negativen Testergebnis statt. Diese ambulanten Tätigkeiten seien derzeit aber in vielen Bereichen reduziert, „wir erleben täglich den Spagat zwischen allgemeinem Versorgungauftrag und Notfall-Covid-Versorgung“.

Bei Notfall-Patienten gibt der Rettungsdienst eine Ersteinschätzung ab, ob es sich bei einem Patienten um eine Covid-19-Erkrankung handeln könnte. In den Zentralen Notaufnahmen wird neben der körperlichen Untersuchung und dem Labor, Bildgebung, neben klinischer Einschätzung und Anamnese die weitere spezifische Diagnostik bestimmt. Oft folgt ein Covid-Schnelltest, immer zusätzlich mit einem PCR-Test und soweit möglich eine primäre Aufnahme in einem Einzelzimmer - mit entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen durch das Personal durch FFP2-Masken und Schutzausrüstung. „So können Personal und Patienten optimal geschützt werden“, betont Pilgram. „Natürlich werden hier sehr hohe Anforderungen gestellt, doch so können wir ausschließen, dass Patienten, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, falsch eingeschätzt werden.“

Wie bleibt die Versorgung gesichert, wenn Mitarbeiter der Klinik corona-positiv sind?

Erkranken Mitarbeiter der Klinken, liege die Ursache häufig im privaten Bereich, weiß Pilgram. „Dadurch dass alle mindestens chirurgischen Mund Nase Schutz - in Risikobereichen durchgängig FFP2-Masken tragen - Pausen einzeln genommen werden und die Hygienemaßnahmen kontinuierlich geschult werden, ist die Durchdringung bei allen Klinikangehörigen sehr groß. Im Erkrankungsfall eines Mitarbeiters wird dieser sofort in häusliche Quarantäne gestellt und wird bevor er wieder zur Arbeit kommt PCR-getestet. Hier haben alle Kliniken mit Hilfe der Betriebsmedizin gute und sichere Wege etabliert.“

Verschiedene Schwerpunkte in den Kliniken

Die Gefahr des Coronavirus sei ferner nicht zu unterschätzen, unterstreicht Pilgram abschließend: „Nichts ist bei diesem Virus zu einhundert Prozent so, dass trotz aller Vorkehrungen nicht doch etwas Unvorhergesehenes passieren kann. Bei aller Vorsicht kann es auch zu Ausbrüchen oder zu Klinikschließungen kommen, wie in der Vergangenheit passiert. Daraus muss man lernen.“

Durch die ständigen Absprachen habe aber bisher immer „schnell und gut reagiert“, sodass alle Kliniken im Bereich der Kliniken Südostbayern aktuell arbeitsfähig seien und Patienten aufnehmen könnten. Es würden lediglich verschiedene Schwerpunkte gesetzt. Auch die Zuordnung von Patienten und Verlegung innerhalb der Klinikgruppen sei gut abgesprochen, Kliniken, die Corona-Patienten versorgen, würden definiert und je nach Patientenaufkommen weiter ausgebaut.

mb

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