Anwohner in Angst: Atommüll in Philippsburg

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Das Foto zeigt eine Außenaufnahme des Kernkraftwerks Philippsburg, Betreiber der Anlage ist die Energie Baden-Württemberg.

Philippsburg - Damit Atommüll nicht kreuz und quer durch die Republik kutschiert wird, wurde am Atomkraftwerk Philippsburg ein Zwischenlager in Betrieb genommen. Anwohner fürchten, dass daraus noch ein Endlager wird.

“Kontrollbereich - Vorsicht Strahlung“ steht auf der riesigen Stahlbetontür im Innern der Halle. Eigentlich überflüssig. Denn wer bis hierher gekommen ist, ist bereits intensiv instruiert, durchgecheckt und mit Schutzkleidung ausgestattet worden. Überschuhe und zwei Dosimeter zur Strahlenmessung inklusive. Das Zwischenlager für Atommüll am Kernkraftwerk Philippsburg (Kreis Karlsruhe) ist ein Hochsicherheitstrakt im ohnehin schon streng bewachten umzäunten Kraftwerksgelände.

Stacheldraht, Überwachungskameras und Panzertüren verwehren ungebetenen Besuchern den Zugang. Denn in dem mit Aluminium verschalten Betonkoloss lagert brisanter Müll: Rund 1000 abgebrannte hochradioaktive Brennelemente mit insgesamt etwa 150 000 Brennstäben - verpackt in 34 blaue und graue Castor-Behälter, die in Reih und Glied in der blank polierten, kalten und zugigen Halle stehen. Durch eine Mauer getrennt, warten im anderen Teil der Halle schon zwei weitere Castoren - noch in Folie, original verpackt - auf ihre Beladung.

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Der noch viele Generationen lang strahlende Inhalt - vor allem Uran und Spaltprodukte - wird nach Angaben der Betreiberin EnBW durch die Behälter und durch das Lagergebäude abgeschirmt. Um die durch den radioaktiven Zerfall entstehende Wärme abzuführen, strömt kalte Luft durch große Lüftungsschlitze an den Seiten zu, nimmt Wärme der Behälter auf und entweicht durch das Dach. Zwar werden die abgebrannten Brennelemente vor ihrer Einlagerung zunächst im Abklingbecken des Kraftwerks gekühlt. Die gerippte Oberfläche eines frisch eingelagerten Castors bringt es aber noch immer auf an die 60 Grad Celsius, erläutert der Leiter des Zwischenlagers, der Kerntechniker Armin Louia.

Bis Mitte 2005 wurde der aus dem Betrieb des Siedewasserreaktors KKP 1 und des neueren Druckwasserreaktors KKP 2 stammende Abfall zur Wiederaufarbeitung auf die Reise ins französische La Hague und ins englische Sellafield geschickt. Der zwischen den Stromversorgern mit der damaligen Bundesregierung ausgehandelte Atomkonsens machte damit Schluss. Die Betreiber mussten Zwischenlager an ihren Meilern errichten, in dem der Atommüll so lange bleiben soll, bis ein Endlager gefunden ist.

“Die Standort-Zwischenlager sind eine Übergangslösung für maximal 40 Jahre“, betont der Philippsburger Werkleiter Christoph Heil. Politische Überlegungen aus Niedersachsen, wonach Atommüll aus Sellafield oder La Hague in die Zwischenlager der Kraftwerke gebracht werden könnte, mag er nicht kommentieren. “Das ist eine rein theoretische Frage. Dafür wurden die Zwischenlager in Ahaus und Gorleben gebaut.“ Genehmigt sind die Standortlager ohnehin nur für den eigenen, im Kraftwerk anfallenden Atommüll.

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Der fast fußballfeldgroße Philippsburger Koloss - 92 Meter lang, 37 Meter breit und 18 Meter hoch - kann insgesamt 152 Castoren aufnehmen. Platz genug noch für die Brennelemente, die wegen der Laufzeitverlängerung mehr anfallen. Ein zweites baden- württembergisches Standort-Zwischenlager gibt es in Neckarwestheim bei Heilbronn. In zwei unterirdischen Tunnelröhren können dort 151 Castoren lagern; derzeit sind es 36. Für den Atommüll aus dem schon stillgelegten Meiler in Obrigheim, der bislang noch im Nasslager ist, soll ebenfalls ein Zwischenlager gebaut werden.

“Aus dem Zwischenlager wird kein Endlager“, hatte die EnBW den Anwohnern bei der Einweihung des 30-Millionen-Euro-Projekts in Philippsburg versprochen. Doch ein Endlager scheint nach den heftigen Protesten in Gorleben in weite Ferne gerückt. Dabei ist die Frage für den drittgrößten deutschen Stromkonzern “technisch“ längst gelöst. Der Salzstock im niedersächsischen Gorleben ist aus dessen Sicht für ein Endlager geeignet. Auch das Land Baden-Württemberg lehnt deshalb eine neue Endlager-Suche ab.

Mit dem Bau des Zwischenlagers wurde eine “Tür aufgemacht“, argwöhnt dagegen der Sprecher der örtlichen Bürgerinitiative, Bernd Haffner. “Es war schon damals zu befürchten, dass da noch anderer Müll dazu kommen soll und dass er länger bleibt. Wir sind uns der Gefahr bewusst, dass Philippsburg ein Endlager werden soll.“

Bei Undichte kann Radioaktivität in die Umwelt gelangen

Viele Anwohner wären das Zwischenlager gerne so schnell wie möglich los. “Die Behälter werden durch die lange Lagerung nicht sicherer“, fürchtet Haffner. Die EnBW versichert zwar, dass schon die Castoren selbst gegen Hochwasser, Erdbeben und sogar gegen einen gezielten Flugzeugabsturz geschützt sind. Zudem sollen ein ausgeklügeltes Doppeldeckelsystem und eine Rund-um-die-Uhr- Überwachung dafür sorgen, dass keine Radioaktivität aus den Behältern austritt. “Durch den Betrieb des Standortzwischenlagers wird es zu keiner nennenswerten Erhöhung der Strahlenexposition kommen“, so die EnBW, die zugleich darauf verweist, dass es noch keinerlei Störungen im Lager gab.

Kommt es zu einer Undichte, kann laut Greenpeace allerdings Radioaktivität in die Umwelt gelangen. Selbst wenn keine Grenzwerte überschritten werden, bedeute dies nicht, dass die Strahlung unschädlich sei. “Es gibt keine Strahlendosis, die so klein wäre, dass sie keinen Schaden anrichten kann“, sind die Umweltschützer überzeugt.

Auch der gelernte Diplom-Ingenieur und SPD-Stadtrat Haffner sagt: “Wir reden hier von einer niedrigen Strahlung, die eine lange Zeit einwirkt. Die Abschirmung geht nicht auf Null. Es kommt Radioaktivität in die Umwelt. Und deren Langzeitwirkung ist noch nicht untersucht.“ Wegen gesundheitlicher Ängste und auch weil der Wiederverkaufswert der Häuser sinke, seien einige Bekannte schon weggezogen oder wollten dies tun. Für den Vater zweier Töchter ist das kein Weg: “Es ist meine Heimat.“

dpa

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