"Bewusst töten wollte ich niemanden"

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Groitzsch/Leipzig/Kraiburg - Im Prozess gegen den mutmaßlichen Mehrfachmörder von Groitzsch fordert die Staatsanwaltschaft Leipzig die höchste Strafe für Guido N. wegen dreifachen Mordes:

Das ist lebenslange Haft mit besonderer Schwere der Schuld und anschließender Sicherungsverwahrung.

Der Angeklagte hofft auf Freispruch wegen Notwehr. Der achte Verhandlungstag im Prozess gegen den 41-Jährigen, der in Groitzsch drei Schrottdiebe erschossen haben soll, hielt weitere bizarre Details bereit. Nachdem der Vorsitzende Richter Hans Jagenlauf die einstige Kronzeugin des Falles, Eva-Maria G., in den Zeugenstand rief, wurde deutlich, warum die Staatsanwaltschaft die Schwiegermutter des ersten Opfers besser nicht in die Beweisaufnahme integrieren wollte.

Wie in den 17 Vernehmungen durch die Ermittlungsbehörden nach der ersten Tat, verstrickte sich G. gestern in Widersprüche. "Ihre Aussage bringt keinen weiter. Man weiß einfach nicht, was davon wahr ist", kommentierte Oberstaatsanwältin Claudia Laube die Ausführungen der Schwiegermutter, die mit Tino L. am Abend des 20. April 2009 in Groitzsch auf Schrottsuche war. Gegen sie läuft bereits ein Verfahren wegen Diebstahls. Jetzt kommt eine Anklage wegen uneidlicher Falschaussage dazu, wie Laube juristische Schritte ankündigte.

Zeugin mit "hoher Lügenkompetenz"

Eva-Maria G. wurde im Gerichtssaal des Landgerichtes gestern zur tragischen Figur. Trotz mehrfacher Aufforderungen, nur das auszusagen, woran sie sich genau erinnert, blieben nach ihren Aussagen Zweifel an den Inhalten. Ein Glaubwürdigkeitsgutachten, das die Staatsanwaltschaft zuvor in Auftrag gegeben hatte, bescheinigte der Frau eine "hohe Lügenkompetenz". Zudem stellte sich heraus, dass sie zu ihrem Anwalt - Nebenklagevertreter Joachim Frömling - mehr als nur das Mandatsverhältnis pflegte - "dazu stehe ich auch", so G.

Sie hatte große finanzielle Not, als sie mit Tino L. auf Beutezug ging. "Wir hatten nichts zu essen und keinen Strom. Hartz IV wurde nicht gezahlt..." Den Tatverdächtigen habe sie an jenem Abend im stockdusteren Gelände der Plasta-Fabrik nicht gesehen. Auch von einem Kampf habe sie nichts mitbekommen. Nur drei Schüsse gehört. Dass die aus der Waffe des Angeklagten kamen, gilt indes als bewiesen. Guido N. blieb auch gestern bei seiner Darstellung, aus Notwehr gehandelt zu haben. Er verwies mit medizinischer Fachkenntnis auf eine selbst diagnostizierte Hirnhautentzündung, eine Lebererkrankung und eine Niereninsuffizienz, was - alles in allem - "zu bewusstseinsgetrübten Zuständen" geführt habe. "Bewusst töten wollte ich niemanden. Das muss man mir glauben", sagte er am Ende seines einstündigen Schlusswortes.

Guido N.: "Mich ekelt es vor Gewalt"

Er habe sich zuletzt in einem "Teufelskreis aus Angst, Sorgen, Arbeit und Krankheit" bewegt. Die Angehörigen der Toten - "die ich täglich in meine Gebete einschließe" - bat der Oberbayer "in aller Deutlichkeit" um Verzeihung: "Ich habe in diesen Situationen eine andere Möglichkeit nicht gesehen", richtete sich N. an die im Gerichtssaal anwesenden Eltern der Opfer.

Ihnen "biete ich zur Versöhnung die Hand. Ich hasse niemanden. Ich habe keinen Hang zu Gewalttaten - mich ekelt es davor." Er habe sich freiwillig gestellt und sich damit "in Gottes Hand und die Hand des hohen Gerichtes begeben". Die Kammer bat der Kaufmann: "Bitte entscheiden sie über mich mit Weisheit und Milde." Das Urteil soll am Mittwoch ergehen - auf den Tag genau zwei Jahre nach den tödlichen Schüssen auf Tino L.

Thomas Lieb (Mühldorfer Anzeiger)

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © dpa

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