"Das möchte keiner erleben"

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Bad Reichenhall - "Ich bin mit einer kontrollierten Angst nach Afghanistan geflogen", beginnt Hauptfeldwebel Jürgen B. seine Schilderungen über den Auslandseinsatz der heimischen Gebirgsjäger

Seit Oktober sind die Soldaten des Gebirgsjägerbataillons 231 aus Bad Reichenhall wieder in der Heimat. Sie wurden von den Struber Jagern abgelöst.

Nach ein paar Wochen zu Hause stellten sich die "Ausländer" am Mittwoch den Fragen der Presse. "Wir wußten nicht, was auf uns zukommt. Trotzdem hat sich die Angst relativ schnell gelegt", muss der Hauptfeldwebel zugeben. "Es war keine Zeit zum Atmen da, das halbe Jahr ging so schnell vorbei. Wir hatten wenig Zeit für uns und konnten uns somit nicht viele Gedanken machen. Aber wir waren gut ausgeblidet und auf meine Männer konnte ich mich hundertprozentig verlassen."

"Es war der herausfordernste Einsatz, den ich bisher machen musste", berichtet der Kommandeur des Gebirgsjägerbataillons 231, Oberstleutnant Jared Sembritzki.

Die gute Ausbildung haben die rund 300 Soldaten aus Bad Reichenhall auch gebraucht. "Es war der herausfordernste Einsatz, den ich bisher machen musste", berichtet der Kommandeur des Gebirgsjägerbataillons 231, Oberstleutnant Jared Sembritzki. Trotzdem zieht er eine positive Bilanz: "Wir waren die ersten, die nicht aus einem Lager heraus operierten. Wir hatten keine Betten, keine Zelte, keine Toiletten und keine vernünftige Küche. Wir hatten das was wir auf den Autos und in den Rucksäcken hatten. Das musste die ersten Wochen ausreichen. Natürlich war es eine Herausforderung, angegriffen zu werden und sich verteidigen zu müssen, aber die Masse weiß was der Beruf ist und warum sie Soldat geworden sind, und sie haben es auch unter Beweis gestellt. Denn wenn die Motivation nicht fest ist, das alles auszuhalten und durchzustehen, dann wären sie auch nicht dageblieben. Wer das nicht schafft, hat sich vom Einsatz ablösen lassen. Das war aber die Ausnahme, es waren wenige Soldaten, die für sich entschieden haben, es geht nicht, ich schaff's nicht, ich kann nicht im Einsatz bleiben. Alle anderen haben das ganz toll gemacht, ich bin ganz stolz auf meine Jungs. Die haben ganz großartiges geleistet, was auch so erstmalig abverlangt wurde und ich denke auch dass die Masse zurecht stolz auf sich selbst sein kann."

"Ich wurde angesprengt"

Stolz ist das eine, doch Erleichterung spielt sicher auch eine Rolle. Denn mehr als einmal war es mehr als knapp. "Ich wurde angesprengt", erzählt Hauptmann Mike Z. Der Kompaniechef saß in einem gepanzerten Auto unter dem eine Bombe explodierte. "Wir haben richtig gute Fahrzeuge in Afghanistan, aber es gehörte auch das berühmte Soldaten-Glück dazu", gibt der Hauptmann zu. Denn das Auto stand nicht mittig über der Bome, so dass ein Teil der Sprengkraft nach außen gelenkt wurde. "Nach diesem Erlebnis habe ich mit dem Kommandeur erstmal eine Flasche Rotwein geköpft."

Menschlich verständlich. "Ich kann jetzt dreimal Geburtstag feiern", bringt es Mike Z. auf den Punkt und beweist damit, dass es tatsächlich des öfteren mehr als knapp war. Bleibt immer noch die Frage im Raum, ob der Einsatz der deutschen Soldaten in Afghanistan wirklich Sinn macht. "Ja", ist die eindeutige Antwort des Kompaniechefs. Und der Kommandeur führt weiter aus: "Ereignisse wie der 11. September haben gezeigt, zu was die Taliban fähig sind. Das reicht mir als Motivation vor Ort zu helfen."

Heimische Gebirgsjäger in Afghanistan

Diese Motivation braucht jeder einzelne Bundeswehrsoldat, denn das Engagement in Afghanistan wird so schnell nicht aufhören. Auch wenn der Bundestag die Einsatzverlängerung nur von Jahr zu Jahr beschließt, steht für die Reichenhaller Jager schon fest, dass sie 2013 wieder nach Afghanistan gehen werden. Das bedeutet, fast ein Jahr vorher wird beschlossen, wer mitgeht und dann beginnt die Ausbildung. "Im Endeffekt sind wir ein Jahr im Einsatz", fasst Jared Sembritzki die Vorbereitung und den Einsatz an sich zusammen. Nach derzeitiger Situation bedeute das, dass die Soldaten, die in den Einsatz gehen können fast alle zwei Jahre weg müssen. "Wir haben in Afghanistan die Quick Reaction Force gestellt. Diese besteht aus 420 Soldaten. Aus Bad Reichenhall konnte ich rund 300 Soldaten mitnehmen. Zu wenig bei 1000 Soldaten am Standort." Deshalb begrüßt Sembritzki auch die angestrebte Umstrukturierung der Bundeswehr. "Sie muss auf die aktuellen Aufgaben ausgerichtet werden."

Alles beim Alten?

"Alles beim Alten", Hauptfeldwebel Jürgen B. nach dem Afghanistan-Einsatz.

Die aktuelle Aufgabe der Afghanistan-Rückkehrer ist zum Großteil noch Urlaub. Doch wie präsent ist das Erlebte bei jedem Einzelnen noch? "Ich persönlich mache mir keinen großen Kopf darüber. Ich war jetzt ein halbes Jahr weg, ich weiß wie es daheim ist und nehme das wieder ganz normal an. Alles ist wieder beim Alten." Alles beim Alten nach einem halben Jahr Afghanistan. Doch irgendetwas bleibt. "Wenn mein Sohn sagt, 'Papa ich brauch einen neuen Power Ranger, bei meinem ist der Arm abgegangen', dann erkläre ich ihm, dass andere Kinder glücklich sind, wenn sie mit einer Plastikflasche spielen", erzählt Mike Z., wie ihn das Leben der Afghanen geprägt hat. "Man lebt in einem Lehmhaus mit einem Holzdach, wo auch wieder Lehm drauf ist. Man geht raus zum Brunnen zum Wasser holen, man hat teilweise vielerorts keinen Strom und das was man zum Leben braucht, des hat man vor der Haustüre wie früher bei uns eigentlich die Bauern", beschreibt Jürgen B. die Zustände in Afghanistan. "Man weiß jetzt mit Sicherheit, das was man hat, mehr zu schätzen, als viele, die hier noch nie rausgekommen sind."

Mehr als zu schätzen wissen auch die Angehörigen, dass ihre Liebsten jetzt wieder zu Hause sind. "Es ist schön, wenn man wieder heimkommt, doch noch schöner ist es für die Familie", weiß Jürgen B. "Ich habe in Afghanistan meine Beschäftigung, daheim hören sie nur die Horrornachrichten aus den Medien." Horrornachrichten, die ihr letztes halbes Jahr geprägt haben, immer die Angst im Bauch, dass der Sohn, der Freund, der Mann nicht mehr nach Hause kommt.

Die Bad Reichenhaller Gebirgsjäger sind alle wieder unverletzt nach Hause gekommen. Nach einem halbe Jahr Entbehrungen sind sie glücklich, wieder daheim zu sein. Doch nach dem Einsatz ist vor dem Einsatz, der 2013 ansteht. Jürgen B.: "Ich werde mich mit Sicherheit nicht freiwillig melden, aber ich werde vermutlich wieder runter kommen."

Christine Zigon

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © Gebirgsjägerbataillon 231

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